Metamorphose

dav

Es heißt zwar oft, der Mensch verändere sich ab einem gewissen Alter nicht mehr, aber eigentlich stimmt das nicht. Wir sind dem ständigen Wandel unterlegen, unsere Zellen erneuern sich (bis sie es irgendwann nicht mehr tun), wir speichern neue Erfahrungen in ihnen ab, wir wachsen an unseren Aufgaben, entwickeln neue Vorlieben oder Abneigungen und unsere Erlebnisse spiegeln sich in unserer Gestalt, die sich mit fortschreitendem Alter ebenfalls verändert. Je nach dem, ob wir an bestimmten Alltagsabläufen festhalten oder eher ein Typ sind, der offen für Neues ist, sieht es zwar vielleicht von Außen so aus, als sei man ein Gewohnheitstier, aber selbst diese Gattung Mensch ist der Veränderung des Lebens unterworfen. Ich spreche da aus eigener Erfahrung. Und dann gibt es noch die kleine, alltägliche Metamorphose¹, die wir jeden Morgen durchlaufen, wenn wir aufstehen, uns langsam entknittern, uns duschen und uns präsentabel für unsere Umwelt machen. Je nach dem, was ansteht, wird dann eventuell noch eine Rüstung aus Make-up oder/und Kleidung angelegt und wir fühlen uns wieder wie ein Mensch unter Menschen.

Da ich mich über die Feiertage nicht nur mit David Bowie beschäftigt habe (siehe vorhergehender Beitrag) sondern auch eine größere Aufräumaktion gestartet habe, ist mir ein ca. 15 Jahre altes Bewerbungsphoto von mir in die Hände gefallen – und hat mir einen gehörigen Schreck eingejagt 😉 . Ich habe mich selbst kaum erkannt! Was natürlich auch daran liegt, dass ich entsprechend dem Zweck des Fotos gestylt war und das Bild von einem professionellem Fotografen gemacht wurde – aber dass ich einmal so ausgesehen habe, war mir glatt entfallen. Und dieses Bild hat mir bewusst gemacht, wie sehr ich mich über die Jahre auf allen möglichen Ebenen verändert habe. Meine Weltsicht, meine Prioritäten, mein Freundeskreis, mein Geschmack und so weiter und so fort… Wenn mir damals jemand gesagt hätte, wie mein Leben heute aussieht, hätte ich ungläubig gelacht – im positiven wie im negativen Sinne – und hätte es nicht für möglich gehalten.

Wir verändern uns, ob wir es wollen oder nicht. Wir passen uns auch an äußere Veränderungen an oder fliehen vor ihnen, jedenfalls reagieren wir darauf und müssen uns immer wieder neu einrichten. Ich bin davon überzeugt, dass kein Mensch so isoliert leben kann (wenn er innerhalb der Gesellschaft lebt), dass er oder sie sich dem Wandel entziehen kann.

Einerseits finde ich das großartig. Es zeugt auch davon, wie flexibel unser menschliches Gehirn und Herz ist und was wir alles aushalten können. Andererseits ist Wandel etwas erschreckendes und lässt mich persönlich nach stabilen Säulen in meinem Leben suchen. Denn auch das ist wahr: der Mensch liebt Bekanntes und Gewohntes und ist nur in bestimmtem Ausmaß fähig, mit Umwälzungen im Leben umzugehen. Aus der Depressionsforschung weiß man heute, dass zum Beispiel Todesfall, Beziehungsende oder Umzug die häufigsten Ursachen für eine reaktive Depression sind. Brechen wichtige Säulen im Leben weg, kommt das individuelle System oft nicht nach und wird lebensmüde.

Eine große Kunst des Lebens ist es also, mit der Veränderung zu leben und sich an immer wieder neue Lebensumstände anzupassen. Wir gestalten täglich unsere eigene Metamorphose und kreieren so uns selbst, als Individuum mit unendlich vielen Facetten, Aspekten und Erfahrungen. Und während ich das bedenke, kommt mir ein zweiter, wichtiger Gedanke: wie unglaublich toll es ist, bei aller Veränderung Menschen um sich zu haben, die einen schon seit Jahren oder Jahrzehnten begleiten. Dass Freundschaften oder Beziehungen über lange Strecken tragen, obwohl  man sich vielleicht sogar in unterschiedliche Richtungen entwickelt hat, empfinde ich als großes Glück und kleines Wunder. Wohl wissend, dass das nicht immer funktioniert, bin ich also gebührend dankbar für alle jene, die schon lange Teil meines Lebens sind.

Und so nähere ich mich dem Jahresende mit ziemlich emotional geprägten Betrachtungen über meinen bisherigen Weg und bin gespannt, was das neue Jahr mir bringen wird und wie ich damit umgehen werde.

Und so wünsche ich Euch allen einen wohligen Jahresausklang und verbleibe herzlich

Eure Merle

 

 

 

¹Mir ist bewusst, dass ich den Begriff Metamorphose in diesem Beitrag nicht korrekt verwende, da er in der Regel eine weitaus tiefgreifendere Wesensänderung bezeichnet (mythologisch von Mensch zum Tier z.B.), ich erlaube mir diesen hier jedoch ironisch bzw. absichtlich überzeichnend zu benutzen.

Hinterlasse einen Kommentar