Berührung erwünscht

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Gleich vorneweg: dies ist keine wissenschaftliche Abhandlung und ich habe keine Antworten, nur Fragen. Es sind Fragen, die sich als Folge eines Gesprächs bei mir ergaben und die ich wichtig finde – auch wenn ich keine Idee habe, wie man eine Debatte darüber sachlich und seriös im gesellschaftlichen Diskurs führen könnte. Vielleicht muss und sollte man das auch gar nicht, weil es um etwas zutiefst Persönliches und Intimes geht und doch gleichzeitig auch um eine Notwendigkeit des Menschseins:

Neulich unterhielt ich mich mit einer Psychologin über das Experiment, dass Friedrich II von Hohenstaufen im 13. Jahrhundert angeblich mit Babies durchführte: er wollte wissen, welche Sprache die Kinder sprechen würden, wenn sie ohne Ansprache aufwuchsen – und ein zweiter Bestandteil des Experimentes war, dass sie ohne Zuwendung und Berührung aufwachsen sollten. Die Kinder starben. Es gibt unterschiedliche Angaben darüber, ob Friedrich II diesen Versuch wirklich durchführte oder doch eher ein Pharao im 7. Jahrhundert vor Christus einen ähnlichen Versuch unternahm – Fakt ist, dass alle derartigen Experimente (vgl. auch ein Versuch 1944 in den USA an 40 Neugeborenen, denen jegliche Zuwendung und Berührung verwehrt wurde. Das Experiment wurde nach 4 Monaten abgebrochen, da bis dahin bereits die Hälfte der Kinder gestorben waren.) zeigen, was heute in der Fachwelt unumstritten ist: ohne Berührung und Zuwendung bzw. Liebe sterben Babies. Neugeborene brauchen Liebe und positive Aufmerksamkeit, um sich entwickeln zu können, Liebe und Berührung sind sozusagen das erste Grundnahrungsmittel für uns Menschen.

Davon abgesehen, dass derartige Versuche absolut skandalös und inakzeptabel sind, ist mir in diesem Zusammenhang ein weiteres Phänomen eingefallen, welches mich immer wieder beschäftigt: nämlich der Einsatz von Kuscheltieren oder Kuschelrobotern in Pflege- und Altenheimen. Dieser Ansatz kam von Asien (vornehmlich Japan) nach Deutschland und wird in einzelnen Heimen, ebenso wie Tiertherapie mit Hunden, erfolgreich bei Demenzkranken eingesetzt. So mindert der Kontakt mit Stofftieren oder echten Tieren (hauptsächlich Hunden) die Unruhe und Aggression der Kranken und hat generell eine positive Wirkung auf die Befindlichkeit der Bewohner. Wundert mich das? Nein, nicht im Geringsten. Schade finde ich, dass Roboter eine Aufgabe übernehmen, die doch eigentlich vom menschlichen Gegenüber zu erfüllen wäre, oder? Ich finde es zutiefst bedauerlich, dass offenbar die Kapazitäten der Angehörigen und/oder Pflegenden nicht ausreichen, um Zuwendung und Berührung im ausreichenden Maß angedeihen zu lassen.

Und dann fällt mir noch ein drittes Beispiel für die enorme Bedeutung von Berührung, aber auch Sexualität, ein, bei dem sogar immer wieder diskutiert wird, ob es diese Leistung auf Rezept geben sollte: der Einsatz von sogenannten Sexualbegleitern für Menschen, vornehmlich mit Behinderung, die alleine nicht in der Lage sind, ihre Sexualität zu leben. Auch hier wird der enorme Effekt auf Wohlbefinden, Selbstbewusstsein und Körperbild immer wieder betont. Pro familia hat hierzu zum Beispiel eine Expertise erstellen lassen.

Worum es mir geht mit diesen Beispielen? Um die zentrale Bedeutung von positiver Zuwendung und Körperkontakt im menschlichen Dasein. Undzwar nicht nur für die oben erwähnten Bevölkerungsgruppen sondern für alle Menschen. Die erwähnten Beispiele schildern Extreme, aber ich bin davon überzeugt, dass ein Mangel an Berührung und menschlicher Wärme mit jedem von uns etwas macht. Es gibt eine Vereinsamung auf körperlicher Ebene, die uns verkümmern lässt, depressiv machen kann und generell das Wohlbefinden schmälert. So wie wir Tageslicht und Nahrung benötigen, so brauchen wir auch taktile Reize für ein zufriedenes Leben. Zwar sterben Erwachsene nicht am Mangel von Liebe und Berührung, aber wissen wir, wieviele Krankheiten eventuell darauf zurück zu führen sind? Ich glaube, das wäre ein Ansatz, den es sich zu verfolgen lohnen würde. Liebe und auch Sexualität sind Grundbedürfnisse des Menschen, aber was passiert, wenn eines oder beides nicht in ausreichendem Maß oder gar nicht vorhanden ist? Und warum werden zum Beispiel Senioren in Altenheimen in der Regel so behandelt, als wären diese Dinge ganz natürlich nicht mehr Bestandteil ihres Lebens?

Ich streite gar nicht ab, dass es Menschen gibt, die tatsächlich ohne ein liebevolles Gegenüber, ohne Berührung und ohne Sexualität ihre Nische gefunden haben. Inwieweit das selbstgewählt oder nolens volens hingenommen ist, kann man nur vermuten. Doch die Mehrheit der Menschen sehnt sich offensichtlich nach etwas anderem, wie sonst erklärte sich der enorme Erfolg all der Kontaktbörsen und Datingagenturen, die bevölkert sind von Menschen mit Sehnsucht nach Zweisamkeit. Dann gibt es auch die Kuschelparties, zu denen sich wildfremde Menschen treffen, um ihr Bedürfnis nach Körperkontakt zu befriedigen. Manche kaufen sich vielleicht auch einfach ein Hug Me-T-Shirt und hoffen, dass sich jemand angesprochen fühlt und eine Umarmung herausrückt.

Und während in anderen Kulturen, zum Beispiel Frankreich oder auch in arabischen Ländern, Körperkontakt zwischen platonischen Freunden bzw. Freundinnen sehr verbreitet und normal ist (Händchen halten, Umarmen, Küsschen auf die Wange etc.), ist nach meiner Beobachtung Deutschland in dieser Hinsicht ein eher unterkühltes Land. Männer werden hier nicht Händchen haltend gesehen, es sei denn, sie befinden sich in einer Partnerschaft, und auch das Herzen und Küssen im Freundeskreis fällt eher mau aus. Vor vielen Jahren hatte ich für ein paar Wochen Besuch aus Syrien, der ziemlich überrascht war über die körperliche Distanz, die sogar in Familien herrscht, was in seinem Land undenkbar gewesen wäre.

Wie eingangs schon erwähnt, ich habe keine Lösungen oder Antworten auf meine Fragen und um jedweden Missverständnissen vorzubeugen, ich rede auch nicht der Prostitution das Wort! Und dass wir Deutschen eher unterkühlt sind (womit wir sicher nicht alleine sind) in zwischenmenschlichen Kontakten, lässt sich auch nicht ändern. Es liegt in der Natur der Sache, dass hier jeder Mensch seinen eigenen, ganz privaten Weg gehen muss. Aber vielleicht ist es in der modernen Gesellschaft mit all ihren Ausformungen der Vereinzelung und Vereinsamung gar nicht verkehrt, ein Bewusstsein bei den Menschen für die Bedeutung von Berührung im weitesten Sinne, zu wecken. Damit meine ich nicht die allgegenwärtige Sexualisierung aller möglichen Themen in der einschlägigen Presse oder in der Werbung sondern eine behutsame Aufklärung über Körpergefühl und Körperkontakt. Schon allein eine Umarmung kann so viel bewirken, dass ihr Bedeutung für das Wohlbefinden gar nicht unterschätzt werden kann. „Es wurde wissenschaftlich nachgewiesen, dass sich Umarmungen positiv auf die Gesundheit auswirken. Studien haben gezeigt, dass sie die Bildung der Hormone Oxytocin und Prolaktin fördern, den Blutdruck reduzieren sowie eine vorbeugende Wirkung gegen Depressionen besitzen.“ (Artikel Umarmung in Wikipedia vom 1.2.2020)

Ich selber habe einmal, als es in meinem Leben sehr wenig Körperkontakt gab, eine Freundin des öfteren um eine Umarmung gebeten, was kurz darauf zu einem festen Bestandteil unserer Treffen wurde. Was soll ich sagen, mir hat’s geholfen!

Abschließend halte ich fest, dass man Jedem, der einen Mangel an Berührung in seinem Leben erfährt, nur wünschen kann, dass er oder sie den Mut hat sich ins Leben zu stürzen und Menschen zu finden, die auf einer Wellenlänge sind und mit denen das Bedürfnis ausgelebt werden kann – oder Anwesende zu bitten, einen doch öfter mal zu umarmen 🙂

Damit beschließe ich meine Überlegungen und wünsche Euch ein schönes, sonniges Wochende (mit so vielen Umarmungen, wie Ihr sie braucht),

Eure Merle