Ich will Influencer werden…!

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…tönte neulich die 10jährige Tochter einer Bekannten. Ich dachte erst, als ich sie das sagen hörte, „wieso will sie denn jetzt ein Grippevirus werden?“ Aber ach, die Aussprache haperte nur und statt Influenza will sie natürlich Influencer sein. Ja Gott, Kind, dachte ich, das ist ja mal ein vernünftiger Berufswunsch. Ich gestehe, ich war überrascht, mit was sich 10jährige Mädchen heutzutage so beschäftigen. Wenn ich da an meine Kindheit zurück denke, dagegen war ich ja ein unbedarftes Mauerblümchen, gerade mal dem Pipi Langstrumpf- und Nils Holgerson-Alter entwachsen. Jedoch, das Kind hat ein Handy und ein iPod, es ist auf Youtube und Instagram zu Hause und lädt im Minutentakt tiktok-Filmchen. Hmmhmmm, sinniere ich vor mich hin, es ist ja gut, wenn die Kinder Medienkompetenz mitbekommen – aber ist das emsige Gucken und Tippen schon ebendiese? Natürlich nicht.

Jedenfalls hat besagtes Mädchen natürlich auch schon make-up-Utensilien und ist begeisterte Konsumentin von Schminck-Tutorials. Sowas möchte sie auch mal machen und dann berühmt werden und mit der Werbung gaaaanz viel Geld verdienen. Ich habe keine Ahnung, wie man Influencer wird, aber die Mutter des Kindes nickt begeistert und zeigt mir gleich ihrerseits ein kleines Handy-Video, dass sie mit ihrer Tochter gedreht hat, als diese sich anmalt. Anders kann man das nicht nennen. Die Begeisterung der beiden hinterlässt mich etwas perplex und als ich nach Hause gehe, frage ich mich, wo das eigentlich hinführen wird, wenn Kinder schon so darauf erpicht sind, ihre 15 Minuten Ruhm (oh Andy Warhol, Gott hab Dich seelig) zu bekommen und ordentlich Kohle zu scheffeln. Und was passiert mit der Aufmerksamkeitsspanne und Konzentrationsfähigkeit, wenn ein Video nach dem anderen geladen wird? Und welchen Sinn für Realität haben diese kleinen Menschen einmal, wenn sie ständig in der virtual reality surfen und Bilder von schönen, unechten Menschen sehen, die ihre Idole sind?

Bin ich zu altmodisch und verkalkt, weil ich das bedenklich finde? Immerhin hatten wir auch unsere Idole in der Jugend. Idole, deren Poster man in der Popcorn oder Bravo fand, in der nebenbei noch Dr. Sommer aufklärte und läppische Fotoliebesgeschichten die Seiten füllten. Ist es wirklich so ein großer Unterschied, einen Popstar mit echter Gitarre anzuhimmeln als einen schnieken Jüngling im Internet, der adrette Konservenmusik macht?

Neulich habe ich gelesen, dass Lena Meyer-Landrut mit ihrem Instagram-Input jetzt auch zur Influencerin geworden ist. Wohl gemerkt also nicht durch ihre Musik sondern durch das Posten von Fotos und semi-privaten Infos aus ihrem Leben. Brauchen wir das? Welchem Leben hechten ihre Follower da hinterher? Schön, reich, berühmt, um jeden Preis?

Ich habe ein bißchen im Netz recherchiert – schlauer bin ich nicht, ich weiß immer noch nicht, wie man Influencer wird, sprich, dafür sorgt, dass man unzählige Klicks und Werbeverträge bekommt. Irgendwie kann ich nicht glauben, dass sich Qualität durchsetzt, das scheint mir doch zu naiv. Da ich aber selber nicht vorhabe, auf Youtube oder tiktok Karriere zu machen, suche ich nicht weiter sondern wende mich mal wieder an Wikipedia, das im Artikel „Influencer “ vom 20.02.2020 schreibt:

„Im Jargon der Werbewirtschaft sind „Influencer […] die neuen Supertargets im Marketing. Als Multiplikatoren und Meinungsführer stehen sie im Zentrum ihres eigenen Netzwerks und sind rege mit anderen vernetzt. Sie stärken die Reputation eines Anbieters, verhelfen Produkten, Marken und Services zum schnellen Durchbruch und sichern so den Erfolg.“

Aha. „Mami, ich will Werbeträger werden!“ müsste es also korrekter Weise heißen. Weiterhin ist von sozialer Autorität, Vertrauenswürdigkeit und konsistentem Verhalten die Rede. Sprich: nur was der Marke dient, darf sein und veröffentlicht werden. Ich überlege gerade, ob Stars wie die Rolling Stones auch schon solchen Regeln unterworfen waren oder ob es ein bis zwei Generationen von Idolen gab, die tatsächlich Rock’n’Roll gelebt haben?

Ich komme zu dem Schluss, dass man damals und heute einfach nicht vergleichen kann. Das Internet hat die Unterhaltungsindustrie so dermaßen verändert, dass ein normales, analoges Rockkonzert wie ein Dinosaurier aus der Mottenkiste wirkt. Doch obwohl ich keine Kinder habe und ergo nicht mitreden kann, bin ich mir sicher, dass ich versuchen würde, darauf zu achten, was meine Gören im Netz konsumieren und würde alles daran setzen, sie so aufzuklären, dass sie keine Influenza, ähm, Entschuldigung, Influencer werden wollen…

Mit diesen launigen Worten verabschiede ich mich für heute und wünsche Euch noch einen schönen Abend!

Eure Merle

2 Gedanken zu „Ich will Influencer werden…!“

  1. mein enkel (13) sagte heute zu seiner mutter, dass sie ihm leid täte. nach dem grund befragt, erklärte er, er habe jetzt das rentensystem verstanden. es sei ja wohl so, dass die eine generation die rente der vorangegangenen bezahle. angesichts der unfähigkeit seiner generation brauche sie da nicht allzu viel zu erwarten.
    noch fragen? 😉

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