Im Clinch mit der Achtsamkeit

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Ich bin ja eigentlich ein großer Verfechter der Achtsamkeit, aber manchmal könnte ich sie genauso gern auch einfach auf den Mond schießen. Wenn Achtsamkeit besagt, dass wir alle Gefühle, Gedanken und Sensationen wertfrei akzeptieren sollen und vor allem negative Gedanken einfach beobachten und weiter ziehen lassen können, dann bin ich heute meilenweit davon entfernt. Radikale Akzeptanz ist heute nicht möglich. Die radikale Akzeptanz kann mir heute mal im Mondschein begegnen.

Ja, ich bin schlecht gelaunt, ich fühle mich ausgepowert und bin genervt. Mir ist kalt obwohl ich schon die dickste Strickjacke anhabe und die Heizung aufgedreht ist, ich weiß nicht recht, wohin mit mir und wie immer in solchen Situationen sind auch die Menschen, die mich verstehen würden, gerade nicht erreichbar. Und, ganz schlechtes Zeichen, sogar meine Katze geht mir gerade gehörig auf den Wecker, ich will sie nicht auf meinem Schoß haben – und das bedeutet, meine Laune ist wirklich im Keller. Wie sie da hin gekommen ist, weiß ich nicht, ich war wohl nicht achtsam genug. Aber sie scheint sich da jetzt häuslich einrichten zu wollen, was mich noch mehr ärgert. Wo ist der Knopf, mit dem ich das abschalten kann? Aber nein, ich soll ja nicht abschalten, ich soll neutraler Beobachter sein! – Und das war der Punkt, an dem ich beschlossen habe, zu schreiben, undzwar darüber, dass Achtsamkeit so langsam zu einem Todschlag-Argument wird. Dir geht’s nicht gut? Sei achtsam. Du ärgerst Dich? Atme tief ein und aus. Du fühlst Dich nicht wohl? Übe Selbstfürsorge – und sei achtsam! Ja doch, ich habs verstanden und die Theorie klingt wundervoll! In der Praxis allerdings frage ich mich was aus dem guten, alten Wutausbruch geworden ist, oder warum ich mich nicht einfach mal mitten in meine Wohnung stelle und laut „Scheiße“ schrei, und wieso ich nicht einfach vor mich hin jammern und in Selbstmitleid baden darf?! Kriegt ja eh keiner mit. (Liebe LeserIn, ich verstehe, wenn dieser Beitrag zu nervig ist, Sie können ja jederzeit aufhören zu lesen…)

Vielleicht hab ich bzgl. der Achtsamkeit etwas völlig falsch verstanden, (ich lass mich da gern eines besseren belehren!) aber so wie ich sie erlernt habe, bedeutet sie, dass man alle Gefühle ernst nimmt – aber nicht zu ernst – und eben nicht ausagiert. Durch das mitfühlende (nicht mitleidende!) Beobachten werden sich dann, so die Idee, die Emotionen mit der Zeit beruhigen und durch das Beobachten des Atems stellt sich Ruhe und Gelassenheit ein. Nur dass das eben nicht immer funktioniert bzw. zum Teil eine erhebliche Zeitspanne braucht, bis sich das System langsam entspannt. Die Geduld habe ich nicht immer, heute zum Beispiel gar nicht. Heute denke ich mir, ich habe keine Ahnung, warum ich schlecht gelaunt bin, ich weiß nicht, um welche Ecke diese Verdrießlichkeit gebogen kam und ich wäre extrem dankbar, wenn mein Gemüt sich wieder angenehmen Dingen zuwenden könnte.

Ich weiß nicht genau warum, aber wenn mir inzwischen jemand zur Achtsamkeit rät, wenn es mir schlecht geht, dann höre ich immer so einen kleinen, aber feinen Subtext von: selber schuld, wenn Du achtsam wärst, ginge es Dir besser. Genau, weil es so einfach ist, sich selbst wertfrei zu betrachten und weil mit Achtsamkeit alle Ärgernisse und schlechte-Laune-Gründe weggeatmet werden. Ich weiß nicht, wieviele Jahre man das praktizieren muss, bis sich tatsächlich eine grundlegende Veränderung in der Stimmung und Haltung einstellt – ich weiß nur, dass ich da noch nicht angekommen bin und ich würde gern auch von meinem Gegenüber ernst genommen werden, anstatt mit dem Hinweis auf Achtsamkeit und Akzeptanz mundtot gemacht zu werden. Denn ich kann darauf tatsächlich nichts erwidern. Wie denn auch? In der Formel „akzeptiere was da ist und es wird Dir besser gehen“ ist die Widerspruchslosigkeit schon angelegt.

Und ganz ehrlich Leute, Ihr kennt mich und wißt, dass ich um Achtsamkeit weiß. Aber manchmal braucht es vielleicht einfach nur ein offenes Ohr von jemand anderem oder meintewegen auch stilles vor sich hin Brüten, bis man wieder einigermaßen in der Spur ist und über sich selbst lachen kann. Manchmal ist der neutrale Beobachter im Urlaub oder sonstwo, jedenfalls nicht bei mir, und wenn ich dann zusätzlich zu meinem schlechten Befinden auch noch auf die Suche gehen muss, ist mir das an Tagen wie diesen einfach zu viel. Von daher werde ich mir jetzt eine Decke holen, mich auf mein Sofa pflanzen und ein gutes Buch lesen und schlicht und einfach die gute alte Taktik des Ablenkens praktizieren, das scheint mir grad am vielversprechendsten.

Im Übrigen möchte ich natürlich niemandem zu nahe treten, der selbst auch Achtsamkeit praktiziert. Ich glaube tatsächlich, dass Achtsamkeit im Alltag erstrebenswert ist – aber eben nicht nur und ausschließlich…

Und so grüße ich Euch – schon wieder lächelnd und mit einem Augenzwinkern – und wünsche Euch noch einen schönen Freitag Abend!

Eure Merle

 

6 Gedanken zu „Im Clinch mit der Achtsamkeit“

  1. Achtsamkeit ist mehr etwas für junge leute. die denken, mit Achtsamkeit würden sie die welt insgesamt besser machen. je älter aber die menschen werden, umso klarer wird ihnen, dass manche menschen eben einfach dumm, gemein und unbelehrbar sind. denen Achtsamkeit entgegen zu bringen, ist perlen vor die säue werfen. und schließlich befreit es ungemein, eben diesen idioten rückhaltlos die Meinung zu sagen oder (wenn man sich das gerade noch verkneifen kann) sie mit Missachtung zu strafen.
    jaja, genau DAS ist der grund, aus dem ältere Arbeitnehmer so gern „freigesetzt“ werden: man beginnt, angst vor ihnen und der unvermeidlichen Wahrheit zu haben. denn viel zu verlieren haben die alten nicht mehr.
    auch ich mag die jungen positivisten in meinem Umfeld und umgebe mich gern mit ihnen, aber sie werden nicht so bleiben. (im Gegenteil habe ich den verdacht, dass sie auch meine missmutige Gegenwart genießen, die sie – noch – als spaß empfinden. abwarten!)

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    1. Hm, liebe Erphschwester, Du sprichst da zwei Aspekte an, die mir im Zusammenhang mit Achtsamkeit ehrlich gesagt noch nie eingefallen sind: zum einen der Anspruch, anderen mit Achtsamkeit zu begegnen (ich nehme an, daran erkennt man meinen eigenen Egozentrismus) und zum anderen, mit Achtsamkeit die Welt zu verbessern. Ich habe Achtsamkeit immer als eine Technik oder Herangehensweise zum Umgang mit sich selbst kennengelernt, also tatsächlich die neutrale Selbst- Beobachtung und das bewusste Atmen als Form der Psychohygiene und Motor des eigenen inneren Wachstums. Achtsam mit anderen umzugehen beinhaltet für mich Respekt und Wertschätzung -die zunächst mal jeder von mir erwarten darf, bis er mir das Gegenteil von sich bewiesen hat :-D. Mit Achtsamkeit die Welt zu verbessern halte ich für eine, pardon, Schnapsidee: ich wüsste nicht, dass die großen Lehrer der Achtsamkeit missionarisch unterwegs waren bzw. sind (siehe z.B. Jon Kabat Zinn). Wenn, dann überhaupt nur in dem Sinne, dass es allen besser geht, wenn sich jeder um sich selbst kümmert. Aber ich kann noch so achtsam mit mir selbst sein oder mit meinem Gegenüber: wenn dieses nach anderen Regeln spielt, dann ist da nichts zu machen, dann wird auch meine Achtsamkeit nichts daran ändern, dass jemand unlautere Motive hat oder machtbesessen ist oder einfach ein sadistischer Idiot. Leider kenne auch ich das hauptsächlich aus der Arbeitswelt…

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      1. Jetzt musste ich erst einmal nachlesen, ob und ggf. warum ich mit meiner Achtsamkeitsbetrachtung so „schief“ liege. Aber das tue ich gar nicht. Ich selbst setze Achtsamkeit mit dem Eigenen als selbstverständlich voraus. Ist vielleicht eine Frage des Alters. Wenn man einige biografische und/ oder gesundheitliche Tiefschläge einstecken musste, ergibt sich das m.E. von selbst. Aber bei Kabat-Zinn kommt noch, und das ist für mich das Wichtigste, die Komponente des nicht-Wertens hinzu. das schließt natürlich die Anderen ein, gilt womöglich sogar vordergründig den Anderen. Denn unsere eigenen Motive und Abgründe kennen wir ja, die der anderen jedoch nicht. Wie also können wir (be-)werten, was andere zu ihrem Verhalten treibt?
        Vielleicht erklärt sich so auch mein Kommentar zu deinem Folgeblog.

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      2. Zunächst mal ist mir wichtig, dass ich gar nicht fand, dass Du schief lagst! Mir war nur aufgefallen, dass ich diese Aspekte (Weltverbesserung und Achtsamkeit ggü. anderen) nicht bedacht hatte. Dabei war ich allerdings der Meinung, in meinem Beitrag die Wertfreiheit mit eingeschlossen zu haben – die dann natürlich auch dem Gegenüber gilt -was wiederum für mich selbstverständlich ist, wenn ich von Respekt und Wertschätzung spreche 🙂

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  2. Liebe Merle,

    wenn ich Deinen Text lese, fühle ich mich ganz angestrengt und denke auch, dass Du Dich fürchterlich anstrengen müsstest, um achtsam zu sein. Ich möchte Dir zurufen: „Sei einfach! meine nicht, so viel `machen` zu müssen.! Schalte den Kopf aus !“
    Vielleicht kannst Du Dich in der schlechten Laune und miesen Stimmung selber an die Hand nehmen und Dich liebevoll fragen, was BRAUCHE ich jetzt und/oder was braucht dieses Gefühl jetzt von mir??? So und ähnlich mache ich es gerne und so ist schon mal der Druck weg. In einer Krise oder schwierigen Stimmung auch noch was müssen zu sollen, ist ja eh` für`n Keks.
    Achtsamkeit hat ja auch was mit bewusstem Wahrnehmen zu tun, was jetzt gerade ist- und gerade ist da Abwehr gegen Achtsamkeit, na und? Morgen gehst Du vielleicht wieder raus, schaust die Schneeglöckchen an und bist berührt von dem, was die Natur da Wunderbares zustande bringt. …
    Ich wünsche Dir gemütliche Stunden auf dem Sofa…:-)

    Miriam

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    1. Danke, liebe Miriam, Du hast mich an was ganz entscheidendes erinnert, was mir sehr gerne entfällt: auch die Widerstände dürfen sein! Das scheint „Absicht“ von meinem Unterbewusstsein zu sein, dass ich mitten in der Praxis immer wieder meine, die Widerstände oder die Abwehr müssten doch jetzt mal weg sein! Dabei, was wären wir ohne Ecken und Kanten und Widerstände? Wie langweilig! – Und ja, ich glaube Dir, das der Text sehr angestrengt rüber kam, das war ich auch ;-). Aber meine Sofa-Taktik ist voll aufgegangen…*lach*
      Liebe Grüße! Merle

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