Liebe LeserInnen, ich bin nicht oft sprachlos, aber heutige Begebenheit hat es geschafft und ich möchte Euch diese Anekdote nicht vorenthalten.
Wie fast jeden Samstag Nachmittag saß ich heute mit meiner Freundin im Stammcafé und genoß es, das Treiben auf der Straße zu beobachten, als eine Bekannte mit ihrer Tochter hereinkam. Wir kennen die beiden nur flüchtig aus eben jenem Café, da die beiden auch gerne Samstag nachmittags einen Kaffee zu sich nehmen und bei der Gelegenheit immer ausführlich mit dem Hund meiner Freundin schmusen. Bisher hatten wir immer nur das ein oder andere oberflächliche Wort miteinander gewechselt, aber mein Eindruck war eigentlich, dass die beiden recht sympathisch seien.
Heute begann die Ältere sofort von einem Gespräch zu erzählen, dass sie mit einem Unicef-Ehrenamtlichen hatte, der sie offenbar angesprochen hatte um Spenden zu sammeln. Sie berichtete, dass sie diesen sofort gefragt hätte, ob er denn nicht auch für Tiere sammeln würde und sie gäbe nichts für Menschen, da sie Menschen nunmal nicht möge und Kinder schon gleich gar nicht. Die, zugegeben erwachsene, Tochter stand daneben… aber auch sie wird ja mal Kind gewesen sein?! Aber es ging noch weiter: wer Tiere quäle, den würde sie am liebsten „an den Baum binden und verrotten lassen“. Und von da ging es munter weiter, dass die Kinder von heute ja alle „weich gespült“ wären, weil man sie nicht mehr schlagen dürfe und das neuste Übel sei außerdem, dass es jetzt auch noch transgender-Menschen gäbe, das sei ja wohl der größte Blödsinn, das hätte es früher nicht gegeben, da hätte es Schwule und Lesben gegeben und das reiche ja wohl. Es würde sie besonders in ihrem Job nerven, wo sie angewiesen sei, transgender Menschen extra zu adressieren. – Davon abgesehen, dass mir ganz schwindlig wurde von der Rasanz, mit der sie von einem Thema zum nächsten sprang, wurde mir flau, als herauskam, wo sie arbeitet: im Sozialreferat der Stadt!
Nach ihrer Tirade, während der sie hingebungsvoll den Hund kraulte, versuchte meine Freundin, abzuwiegen und gemäßigte Gedanken einzubringen… ich sah sie an und dachte mir: ich würd jetzt auch gern was sagen – aber ich kann nicht! Mir fiel einfach nichts ein, so erschrocken war ich über diesen Ausbruch und auch desillusioniert. Ich dachte plötzlich: siehst Du, Merle, ganz nette Menschen von nebenan haben solche Ansichten, und damit sind die beiden sicher nicht allein. (Die Tochter hatte während des Wortschwalls zustimmend genickt.) Wie entsetzlich trostlos muss es sein, so zu sein! Leider fand ich auch weiterhin keine Worte, im Nachhinein hätte ich sie gerne gefragt, wie so eine intolerante, hasserfüllte und dumme Frau an einen Job im Sozialreferat kommt. (Ich bin wohl sehr naiv zu denken, dass dort Menschen sitzen, die Menschen helfen wollen!)
Gestern hat erphschwester auf meinen Beitrag zur Achtsamkeit kommentiert und geschrieben, „dass manche Menschen eben einfach dumm, gemein und unbelehrbar sind“. Und ich dachte noch, puh, das sind ja starke Worte… aber hey! Seit heute unterschreibe ich das, es gibt Menschen, die sind genau das! Bisher bin ich solchen Individuen nur in der Führungsebene bei meinem früheren Arbeitgeber begegnet, aber diese Spezies ist ganz offensichtlich weiter verbreitet als gedacht.
Wie man am Besten mit solchen Leuten umgeht, ich weiß es nicht, ich finde Schweigen eigentlich nicht die angemessene Reaktion, aber es war auch deutlich, dass die klugen Worte meiner Freundin überhaupt nicht bei diesem Menschenexemplar ankamen. Ich hätte sie trotzdem gern in ihre Schranken verwiesen und ihr gesagt, dass ich solche Ausfälle nicht hören möchte – aber leider fallen mir schlagfertige Antworten oft erst hinterher ein.
Eigentlich wundert es mich, dass ich mich so wundere – immerhin hat dieses Land inzwischen eine erkleckliche Anzahl an AFD-Wählern und dass es immer einen rechts-konservativen Bürgeranteil gab und gibt, war mir auch klar. Ich bin nur noch nie mit jemandem so direkt zusammen gestoßen und vielleicht hat mich auch das sonst so liebenswürdige Auftreten der Frau in Verbindung mit dieser Dreckschleuderei aus dem Konzept gebracht.
Ich nehme mir in jedem Fall vor, verbal zu intervenieren, sollte mir so etwas nochmal über den Weg laufen. Leuten, die gerne Kinder prügeln, Selbstjustiz üben wollen und Diversität ablehnen, muss man die rote Karte zeigen, so oder so.
Mit dieser leider nicht so erquicklichen Anekdote verabschiede ich mich in den Samstag Abend und wünsche Euch einen wunderschönen selbigen!
Eure Merle
Achjee, immer diese Klischees. Beim Sozialamt dürfen also nur gute Menschen arbeiten. Dann dürften aber bei Polizei und Bundeswehr auch keine Rechten Dienst tun. Als ob wir das nicht besser wüssten.
Ich schätze, bei solchen Bewertungen wird nie in Betracht gezogen, dass diese Berufsgruppen im Schmelztiegel unserer Gesellschaft sitzen. Sprich: Sie haben oft mit den anstrengendsten, nervigsten und womöglich auch bösartigsten Teilen der Gesellschaft regelmäßig zu tun. Da, wo du und ich die Wahl haben, einen Bogen drum zu machen, sind diese Beschäftigten schon von ihrer Profession her zum Umgang mit unerfreulichen Kandidaten unserer Gesellschaft gezwungen. Das zieht beinahe zwangsläufig extreme Ansichten nach sich. Von diesen Leuten erwarten zu wollen, sie sollten besser sein, setzt übermenschliche Anstrengungen voraus, die zu erbringen sie vielleicht gar nicht in der Lage sind, weil der Job selbst schon alle Kraft kostet. Eine gewisse Betriebsblindheit tut dann ihr übriges. Denn natürlich sind nicht alle „Kunden“ des Sozialamtes Idioten. Aber die Nicht-Idioten, die armen Schweine, die unser aller Hilfe wirklich und dringend brauchen, sind oft die stillen Kandidaten, die man sich am Ende eines Tages weniger gut merkt als die krakeelenden, frechen, übergriffigen.
Schau dich doch um, was draußen in der Welt los ist. Da werden Behördenangestellte angegriffen und sogar getötet. Da werden selbst Ersthelfer und Feuerwehrleute attackiert. Da ist es für den Polizisten schon normaler Alltag, ein „Scheißbulle“ zu sein …
Sich bei diesem Dauerstress ein Ventil zu suchen, halte ich nur für allzu menschlich. Die Alternative ist der viel belächelte „Burn-Out“. Diese Leute machen immerhin weiter. Wenn dir ihre Meinungen nicht gefallen, kannst du tun, was wir alle im Alltag sowieso tun: Ihnen wie so vielem anderen Unangenehmen aus dem Weg gehen.
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Klischee, nunja, ich fürchte ich bin so naiv und gutgläubig – bis zu einem gewissen Grad. Ich habe nicht umsonst die AFD-Wähler erwähnt. Dass die genannten Berufsgruppen mit den „bösartigsten“ Teilen der Gesellschaft zu tun haben, ist nach meiner persönlichen Meinung so zu krass ausgedrückt, ebenso stimme ich der „Ventil“-Theorie nicht zu, da ich der Meinung bin, dass bestimmte Jobs nunmal bestimmte Anforderungen haben, in denen man sich gewisse Dinge einfach nicht leisten kann (ich hatte auch ne Grundschullehrerin, die Kinder geschlagen hat, die war auch überfordert – macht es das besser?) – aber Himmel sei Dank ist ja hier genügend Raum für unterschiedliche Meinungen und Ansichten! LG, Merle
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Ich schätze, ehe man nicht drin steckt, kann man da nur schwer mitreden.
Tatsache ist doch aber, dass deine Toleranz schon versagt, wenn wer was Falsches äußert. Nu stell dir bloß vor, jemand würde dir gegenüber übergriffig. Und das wäre dein Job, dir das gefallen zu lassen, diese Dinge runter zu schlucken.
Anforderungen hin oder her. Gingen alle da weg, die das nicht mehr schaffen (und viele tun das wirklich), bleiben nur die übrig, DIE es schaffen. Allzu zart besaitet dürfen die aber nicht sein. Nur .. entsprechen die dann noch den Anforderungen?
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Hm, ich finde es ist eine Sache, im Job überfordert zu sein, und eine ganz andere, dafür zu plädieren, dass man Kinder wieder schlagen darf und dass Menschen, die transgender sind, minderwertig sind. Tut mir leid, da sehe ich keinen Zusammenhang bzw. keine Entschuldigung. Wie weit meine Toleranz geht kann ich Dir sagen: sie hört bei Gewalt und Vorurteilen auf!
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Ich finde es hat nichts mit Toleranz oder Intoleranz zu tun, wenn man der Meinung ist, dass jemand der Menschen hasst, nicht im Sozialamt arbeiten sollte. Leute die Kinder hassen, sollten auch keine Lehrer werden und die, die Tiere hassen nicht unbedingt beim Tierschutz arbeiten. Das bedeutet nicht, dass ich intolerant bin, sondern, dass bestimmte Jobs tatsächlich gewisse Anforderungen haben. Schließlich erwarte ich auch, dass ein Arzt sich mit Krankheiten auskennt und ein Finanzexperte zumindest Rechnen kann. Da brauch ich nicht tolerant sein, wenn ein Beinbruch statt einer Thrombose diagnostiziert wird oder der Experte sich um ein paar Nuller verrechnet hat! Das Menschen im Sozialwesen oft auch mit den „bösartigeren“ Teilen der Gesellschaft zu tun haben, kann sehr gut sein, aber trotzdem erwarte ich von ihnen, dass sie den Rest der Leute anständig behandeln. Ich persönlich habe zum Glück positive Erfahrungen mit Mitarbeitern des Sozialamts gemacht, die mir tatsächlich helfen konnten. Bin mir auch nicht sicher, wie ich ihnen anderenfalls hätte „aus dem Weg gehen“ können. Ein Ventil suchen bedeutet auch nicht, dass man das Recht hat seine, wenn auch berechtigte, Wut an anderen auszulassen. Soweit ich den Artikel verstanden habe, geht es auch nicht darum, dass „jemand was falsches sagt“. Das war kein Meinungsunterschied den man nun mal akzeptieren muss. Es hieß nicht „ich kann Kinder nicht leiden“, stattdessen sprach die Dame von Gewalt und Hass. Und wenn jemand nur Hass und Gewalt von sich gibt, dann ist es nicht tolerant sich stillschweigend wegzudrehen, sondern feige. In diesem Artikel wird jedoch tatsächlich „nur“ eine Meinung geäußert, doch anscheinend fällt es ‚erphschwester ‚ schwer diese zu akzeptieren. Ganz schön intolerant finde ich! 😉
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Wunderbar zusammen gefasst – lieben Dank dafür! LG, Merle
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