
„Ich will Dir nicht weh tun!“ Nun habe auch ich diesen Satz gehört, im Gespräch mit meinem Partner, das uns beiden zu Ex-Partnern gemacht hat. Und ich frage mich ernsthaft: ist eine Trennung ohne Schmerzen möglich, ohne dem anderen weh zu tun? Gibt es nicht immer unbequeme oder unangenehme Wahrheiten? Ich habe in den letzten Tagen Stimmen gehört, die sagen, ich solle mich schützen und nicht nach der ganzen Wahrheit fragen. Ich gestehe, ich kann nicht nicht fragen. Ich möchte die ganze Wahrheit, seine Wahrheit, hören.
Nach über acht Jahren Beziehung sind unsere Leben und unser jeweiliges Sein immens mit dem des anderen verwoben. Es wird schon allein weh tun, dieses filigrane Netzwerk aufzulösen. Erinnerungen, die auftauchen und schmerzen, weil sie vor Augen führen, was man verliert. Die unweigerliche Erkenntnis, dass die romantische Liebe sich gewandelt hat und nicht mehr die gleiche der ersten Jahre ist. Die noch nicht ganz akzeptierte Erkenntnis, dass ich nicht mehr Teil einer Einheit bin, die wir einmal gebildet haben. Die körperlich schmerzende Erkenntnis, dass da, wo Verliebtheit, Verlässlichkeit und Verbindung war, jetzt ein großes Loch klafft. Wenn wir es schaffen, eine Freundschaft zu entwickeln, wie wir es uns beide wünschen, dann wird es eine neue Verbindung geben, aber sie wird nie mehr wie die Liebesbeziehung sein.
„Ich will Dir nicht weh tun“ – das ist ein heerer Anspruch und ich respektiere und erkenne dieses Ansinnen an. Dennoch möchte ich nicht unter dem Vorwand des geschützt werdens von wichtigen Wahrheiten ferngehalten werden. Wenn eine Beziehung, die einmal für immer gedacht war, auseinander geht, möchte ich doch zumindest daraus lernen und verstehen und erkennen, wo es gehakt hat, welcher Schritt zum nächsten Schritt geführt hat, möchte verstehen, wieso die Dinge sich so und nicht anders entwickelt haben. Acht Jahre Beziehung zu einem guten Ende zu führen, das erfordert Mut und Offenheit von beiden Seiten und die Bereitschaft, ehrlich zueinander zu sein und miteinander zu reden, bis die Verworrenheit und der emotionale Schock der Trennung langsam einer Klarheit weichen. Ich bin zuversichtlich, dass wir das schaffen werden – und doch treibt der Titelsatz mich um.
Ich nehme lieber den Schmerz einer unschönen Wahrheit in Kauf, als nicht zu verstehen. „Ich will Dir nicht weh tun“, das bedeutet für mich ein Stück weit eine Entmündigung. Bitte überlass doch mir, wie ich mit der Situation fertig werde. Und ja, ich werde weinen und werde trauern – aber war das unsere gemeinsame Zeit nicht wert? Ist sie das nicht immer noch? Was bin ich für ein Mensch, wenn ich über das Ende einer so intensiven Liebe nicht weinen kann? Bei früheren Trennungen habe ich die Erfahrung gemacht, dass „Ich will Dir nicht weh tun“, oft genug ein Deckmantel und eine stillschweigende Rechtfertigung für Lügen ist. Dabei wird vorausgesetzt, dass das Gegenüber die Lügen nicht erkennt und die vorgegaukelte Wahrheit soll den Konflikt und die Wut verhindern. Man nennt das auch „gaslighting“ – dem anderen solange seine Wahrnehmung falsch reden, bis der irre wird, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich glaube gar nicht mal, das da immer eine böse Absicht dahinter steckt, sondern vielmehr ein Unvermögen, vielleicht auch mangelnde Kraft, sich hinzustellen und zu dem zu stehen, was ist.
„Ich will Dir nicht weh tun.“ Nichts verletzt so sehr wie Lügen, egal welch hohe Motive hinter den Unwahrheiten stecken. Es kann keine Wahrheit geben, die mir so sehr weh tut wie eine bewusst formulierte Lüge. Sich in einer Trennung hinter diesem Satz zu verstecken und die Story vom toten Hund zu erzählen, ist respektlos und zieht das, was zwischen den Partnern einmal war, in den Schmutz. Von daher kann ich nur alle Partner, die sich trennen aufrufen, ehrlich zueinander zu sein und den Mut zu haben, den anderen zu verletzen. Aufrichtigkeit heilt schneller als jede gut gemeinte Verbiegung der Tatsachen.
Meiner Erfahrung und Ansicht nach ist es kaum möglich, sich ohne Verwundungen zu trennen. Auch wenn man, wie es so schön heißt, im Guten auseinander geht. Es steckt in der Natur der Sache, dass Wut, Trauer, Konflikt und Schmerz aufkommen und die Kunst ist es, über all dem die Liebe nicht zu vergessen: die Liebe, die war und die Liebe, die immer noch ist. Das bedeutet aber auch, dass beide sich ihre Verwundbarkeit eingestehen müssen und zu einer reflektierten Auseinandersetzung bereit sein müssen.
Die nächsten Wochen werden zeigen, wohin unsere Reise geht und wie wir sie bewältigen. Ich habe guten Grund zu der Annahme, dass wir eine neue, auf Freundschaft basierende Ebene finden werden – doch über den Satz „Ich will Dir nicht weh tun“ müssen wohl noch ein paar Worte gewechselt werden.
Und so verabschiede ich mich heute, irritiert, verwundet und trauernd – aber auch voll Hoffnung, auf das, was kommen mag.
Herzlich,
Eure Merle
Es tut immer weh und das gehört zum Trennen.
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Absolut, da führt kein Weg dran vorbei…
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