
Alles was wir tun und sagen, tun und sagen wir letztlich für uns selbst. Diesen klugen Satz hat mir neulich eine sehr lebenskluge Frau gesagt und ich kann ihn nur unterstreichen. Die Schlussfolgerung aus ihm heißt für mich: nichts, was jemand mir sagt oder mir antut, ist in erster Linie gegen mich gerichtet sondern schlicht und einfach eine Aussage über die Probleme und Themen des anderen. Das heißt nicht, dass ich mich nicht schützen darf oder dem anderen Einhalt gebieten sollte, wenn mich etwas trifft – aber auf der emotionalen Ebene kann ich mir eigentlich das Verletzt-Sein sparen und weise lächeln: denn am Ende des Tages hat es nichts mit mir zu tun.
Soweit die Theorie. In der Praxis bin ich natürlich gekränkt, weil eine Trennung ohne eine narzistische Kränkung gar nicht möglich ist. Nicht mehr die wichtigste Person im Leben desjenigen zu sein, der einem bisher am nächsten stand, das muss erstmal verdaut werden. Und natürlich bin ich auch wütend. Darauf, dass wir es nicht geschafft haben; darauf, dass Loslassen so schwer ist; darauf, dass wir nach meinem Empfinden jetzt seltsam miteinander umgehen. All das kränkt und frustriert ungemein. Mein aktueller Impuls ist, in den Rückzug zu gehen, doch gleichzeitig möchte ich nicht aus dem Kontakt gehen, weil dieser Mensch mir nunmal sehr wichtig ist. Und in Trennungszeiten, auch das habe ich in den letzten Wochen gelernt, verhalten sich Menschen gerne sehr seltsam, weil Trennungen eben schwierig sind. Für beide, egal, wer wen verlassen hat. Es ist also Großmut und Geduld angesagt.
Einerseits. Andererseits will ich meine Gefühle nicht klein reden oder gar ignorieren. Ich habe das dringende Bedürfnis, meine Befindlichkeiten an der richtigen Adresse loszuwerden. Aber ob das jetzt Sinn macht? Es bahnt sich eine Zäsur an, mit der zu rechnen war, die ich aber trotzdem gern verhindert hätte. Die Kränkungen sind allesamt für sich genommen keine große Sache, es sind vielmehr lauter kleine Nadelstiche, die peu à peu die vertraute Ebene des sich aufeinander Beziehens erodieren und die mir das Gefühl vermitteln, plötzlich nicht mehr zu zählen. Das kränkt. Gewaltig. Der Prozess der Veränderung des eigenen Gefühls-Koordinatensystems ist schmerzhaft und es braucht seine Zeit, bis das Verlassenwerden nicht mehr beschämt und sich nicht mehr wie ein Angriff auf die eigene Persönlichkeit und Integrität anfühlt sondern als das empfunden wird, was es ist: das Ergebnis einer unterschiedlichen Entwicklung zweier Individuen.
Selbstverständlich ist mir bewusst, dass das alles zur Loslösung dazu gehört. Mir ist auch klar, dass die Wandlung einer Paarbeziehung in eine Freundschaft wohl eher selten geschmeidig vonstatten geht sondern holprig und mit vielen Fallstricken versehen ist. Das ändert nur leider nichts am Zustand des Gekränkt-Seins und macht es irgendwie auch nicht besser. Ich hatte mehr erwartet. Von uns beiden.
Wie also mit der Kränkung umgehen? Nun, ich schreibe viel für mich auf, ich spreche mit Freunden, ich trauere bewusst und übe mich im mitfühlenden Loslassen. Vor allem aber führe ich mir immer wieder obigen Satz vor Augen: alles was wir tun und sagen, tun und sagen wir für uns selbst. Das heißt, die Frage, was das Handeln des Anderen mit mir zu tun hat, taucht in der Gleichung nicht mehr auf. Das ist immens befreiend und erleichternd. Und ich erkenne an, dass ich an meinem ehemaligen Partner Seiten entdecke, die ich vorher nicht kannte. Das ist eine gute Erinnerung daran, dass man letztlich niemanden wirklich umfassend kennt. Diverse Umstände können diverse Aspekte einer Persönlichkeit zu Tage fördern, die vorher niemals aufgetaucht sind. Was das für Beziehungen bedeutet, die eigentlich für ein Leben gedacht waren, darüber meditiere ich noch…
Sich gekränkt fühlen ist nicht das Ende der Welt. Aber wir sollten dieses Gefühl auch ernst nehmen, denn es zeigt auf, wo die eigenen Grenzen im Umgang mit anderen sind und erinnert uns daran, liebevoll mit uns selbst umzugehen. Dafür sind nicht in erster Linie die anderen verantwortlich sondern wir selbst. Das gilt ganz besonders dann, wenn eine Liebesbeziehung zu Ende geht. Das fällt schwer, denn war da nicht bis vor kurzem noch jemand, der einem Trost und Zuwendung gegeben hat? Und jetzt soll ich selbst dafür zuständig sein? Ja. So ist es. Und deshalb ist es auch meine Aufgabe, mit der Kränkung zurecht zu kommen und mich sozusagen selbst in den Arm zu nehmen.
Alles, was wir tun oder sagen, tun oder sagen wir für uns selbst. Hmmmhmmm. Das bedeutet, so wird mir gerade klar, dass ich diesen Text auch für mich selbst schreibe. Ich bin ein wenig erschrocken über das Maß an Persönlichem, das ich hier preisgebe und doch fühlt es sich richtig an. In solchen Dingen gehe ich nach meinem Bauchgefühl und das sagt mir definitiv „ja“.
Und obwohl ich diese Worte also für mich schreibe, ist dieser Beitrag auch mit der Hoffnung verbunden, für den ein oder anderen Leser ein Anstoß zu sein, sich nicht zu sehr zu grämen, wenn wir gekränkt werden. Am Ende bleibt ein weises Lächeln.
Liebe Grüße
Eure Merle