
Diese eingesperrte Schönheit habe ich heute Vormittag auf dem Weg zu meinem Patenhund fotografiert – das Bild der wunderschönen Blüten hinter einem Zaun zeigt mir, dass der Frühling Einzug hält, egal wie verrückt die Zeiten gerade sind, egal, ob es eine Ausgangssperre geben wird, egal, wie eingeschränkt wir Menschen gerade sind: die Natur lässt sich ihren Lauf der Dinge nicht nehmen und das finde ich unheimlich tröstlich.
Ich hatte eigentlich nicht vor, über Corona und die Auswirkungen zu schreiben, doch nun, da die Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus auch mich persönlich betreffen und viele Menschen in meinem Umkreis, komme ich doch nicht umhin, ein paar Worte dazu zu sagen.
Gleich vorneweg: ich kritisiere die bisher getroffenen Maßnahmen nicht und auch eine drohende Ausgangssperre wird wohl notwendig sein, wenn sie beschlossen wird. Da ich gestern und heute mitbekommen habe, wieviele Menschen sich trotz der neuen Regelungen in Biergärten, in Cafés und draußen am Fluss treffen, wie oft die gesperrten Kindergärten und Sportflächen trotz der Absperrung genutzt werden, komme ich leider zu dem Ergebnis, dass sich die Menschen nicht an die Vorgaben halten und so wahrscheinlich eine Ausgangssperre provozieren. Das ist traurig und für mich unverständlich, aber genauso wie der Wahnsinn ums Klopapier-Horten etwas über uns aussagt, tun es auch die Regelübertretungen – der Mensch wird scheinbar erst klug, wenn es richtig ernst wird. Wenn überhaupt.
Was mich richtig besorgt, ist der immense Schaden, den eine Ausgangssperre bzw. die schon geltenden Besuchsverbote für ganz bestimmte Bevölkerungsteile anrichten werden. Wenn es richtig ist, dass die Maßnahmen über Monate aufrecht erhalten werden sollen, dann frage ich mich, wie all die Bewohner in Alten- und Pflegeheimen damit zurecht kommen werden. Schwer Kranke in Krankenhäusern, Menschen, die auf heilpädagogische oder andere Tagesstätten angewiesen sind, Senioren und psychisch Kranke, die alleine wohnen und sich auf soziale Netzwerke verlassen und Menschen, die aus anderen Gründen in prekären Situationen leben, die allesamt auf die Unterstützung und die Struktur von Einrichtungen und Vereinen angewiesen sind. Wie soll eine adäquate soziale Versorgung stattfinden, wenn man nur noch für Einkäufe und Arztbesuche das Haus verlassen darf? Wie können dringend notwendige Kontakte aufrecht erhalten werden, damit Menschen in Notlagen nicht in noch größere Notlagen geraten, weil sie allein und isoliert sind? Ich habe schon mehrfach die Lösung Telefon oder Skype gehört, das kann für manche vielleicht angemessen sein, vielen jedoch wird dies nicht möglich sein und gerade für zum Beispiel Altenheimbewohner kann ich mir diese Variante nur schwer vorstellen.
Während für Familien nach Lösungen gesucht wird, damit die Arbeit und das Kinderhüten unter einen Hut zu bringen sind, habe ich die Befürchtung, dass andere Gruppierungen der Bevölkerung, die ebenfalls unter den einschneidenden Veränderungen leiden, hinten runter fallen. Es kann sein, dass es keine angemessene Lösung für oben genannte Bereiche gibt – immerhin ist nunmal das social distancing die Maßnahme Nummer eins zur Bekämpfung bzw. Verlangsamung der Epidemie. Umso krasser werden eventuell die Konsequenzen für die Betroffenen sein. Man wird das wohl leider erst hinterher feststellen können, wenn die Folgen der totalen Isolation zu sehen sein werden. (Ich spreche hier bewusst die verheerenden wirtschaftlichen Folgen nicht an – nicht, weil ich sie für unwichtig halte sondern weil das ein ganz eigenes Thema ist. Mir geht es hier gerade nur um die sozialen Auswirkungen der Maßnahmen.)
Meine große Hoffung richtet sich derzeit auf einen rasch gefundenen Impfstoff oder wenigstens Medikamente zur Behandlung Corona-Infizierter, auch wenn diese Hoffnung in den Medien immer wieder gedämpft wird. Eine über Monate andauernde Ausgangssperre möchte ich jedenfalls noch nichtmal andenken… für mich ist das unvorstellbar.
Ich denke aber auch an all die Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger, die in diesen Zeiten unter enormen Druck stehen, an all die Menschen in den noch offenen Grundversorgungs-Geschäften, die trotz der grassierenden Angst vor Ansteckung weiter arbeiten – ich finde deren Leistung bemerkenswert und bin dankbar, dass es sie gibt.
Die Lage ist wie ein großes soziales Experiment, ich bin gespannt, wie wir sie meistern werden und hoffe, dass wir alle die Ruhe bewahren oder zu ihr zurück finden. Und ich wünsche Euch allen viel Zuversicht und Nervenstärke, für das was kommen mag – aber vor allem natürlich Gesundheit!
Eure Merle