Der Tag fing nicht besonders gut an, er hat aber noch Zeit, sich zu steigern. Ich hab ihm gesagt, er soll sich mal anstrengen. Aufgewacht bin ich mit denselben Überlegungen wie immer in den letzten Wochen, nämlich mit Gedanken an die Trennung und schmerzhaften Erinnerungen – an dieser Front also nichts Neues – doch heute wurde das ganze überlagert von einem dumpfen Gefühl, dass da noch was Schreckliches war, ich wusste nur erst nicht, was. Ach ja, fiel es mir wieder ein, die Ausgangssperre. Ich sank zurück in meine Kissen und weigerte mich, aufzustehen.
Als ich schließlich eine Stunde später mit meinem Kaffeepot in der Küche saß, hörte ich plötzlich eine quäkend-blecherne Stimme, die ich zunächst nicht zuordnen oder verstehen konnte. Bis sie immer lauter wurde und ich immerhin den Satz „Bleiben Sie zu Hause!“ erkannte. Aha, offensichtlich fuhr die Polizei durch die Straßen und forderte die Bürger auf, daheim zu bleiben. Was für ein Tagesanfang – dankeschön! Aber immerhin las ich kurz darauf in den Nachrichten, dass es in Bayern in der Nacht kaum Verstöße gab, das ist ja schonmal was…
So, jetzt musste ich einkaufen gehen. So wenig Lust das zu tun verspürte ich schon lange nicht mehr. Wenn man die meiste Zeit des Tages ohnehin keinen Appetit hat und die Läden leergefegt sind von Hamsterkäufen, macht das alles noch weniger Spaß als sonst. Doch dann raffe ich mich auf und tapere los mit meinem Rucksack. Die Straßen alle unbevölkert, Läden und Cafés geschlossen, es regnet… geisterhafte Atmosphäre, ich fühle mich sehr unwohl.
Im Supermarkt angekommen bin ich freudig überrascht, dass der verhältnismäßig leer ist. Ich hatte mit Massen an Menschen gerechnet, die sich für die nächsten Wochen eindecken wollen. Immerhin das bleibt mir erspart. Allerdings, auch hier gibt es kein Toilettenpapier und Haferflocken sind auch aus… bestimmt gibt es noch viel mehr gerade nicht, aber ich laufe zielstrebig durch den Laden und habe bald alle Lebensmittel die ich brauche beisammen. Also gehe ich zur Kasse. Hier halten die Leute einigermaßen Abstand, auch das überrascht mich positiv. Und während ich meine Sachen auf das Kassenband lege, fällt mir ein großer Joghurtbecher hinunter und platzt. Natürlich, das ist genau das, was mir jetzt noch gefehlt hat. Meine Einkäufe bekleckert, der Wagen, der Boden, die Tüten, die an der Kasse unten hängen… ich bin den Tränen nahe, reiße mich aber zusammen und marschiere zum nächsten Mitarbeiter und bitte ihn um Putzzeug. Doch der lächelt mich freundlich an und sagt: „das machen meine Jungs, keine Sorge!“ Ein anderer Mitarbeiter kommt sofort mit Küchenpapier und fängt an, aufzuwischen, ich helfe ihm so gut es geht und entschuldige mich mehrmals für meine Ungeschicktheit. Doch auch er lacht nur und sagt: „keine Sorge, halb so wild!“ Und als das dann auch noch die Kassiererin wiederholt, glaube ich es langsam und bin wirklich froh und erleichtert. So viel Freundlichkeit auf einen Haufen, das passiert einem nicht so oft. Etwas mit dem Tag versöhnt, gehe ich nach Hause und notiere mir diese kleine Anekdote als einen Eintrag in mein mentales „Tagebuch“.
Ja, und nun sitze ich hier und schreibe und überlege, was ich mit dem Rest des Tages anfangen soll. Normaler Weise treffe ich mich jeden Samstag Nachmittag mit einer Freundin in einem Café, das fällt ja jetzt aus. Und damit der rege Austausch über unsere Woche, was alles passiert ist, wie es uns geht… da muss jetzt das Telefon reichen, was mir gar nicht behagt. Aber sei’s drum, es hilft ja nix zu Jammern, ich bin froh, dass ich über Internet und Telefon mit der Welt verbunden bin, es könnte also alles schlimmer sein.
Just in diesem Moment erinnere ich mich daran, wie ich einmal mit einer Freundin, die am anderen Ende der Republik lebt, zeitgleich denselben Film auf DVD gesehen habe während wir beide für die Dauer des Films auch am Telefon waren. Das war herrlich und sehr vergnüglich – wobei die Komik dadurch erhöht wurde, dass meine DVD immer ein paar Sekunden hinterher hing… Jedenfalls ist auch das, dank Flatrate, eine Möglichkeit, wenn das Verreisen bzw. Treffen mit Freunden nicht mehr erlaubt ist…
So, ich mach mir jetzt erst einmal einen Kaffee und werde dann sehen, wonach mir ist.
Kommt gut durch den Tag und vielleicht bis später,
Eure Merle