Ausgangsbeschränkungen – Tag 3

Nachdem gestern die Stadt wie ausgestorben war, hatte ich mich schon auf Montag gefreut, in der Hoffnung, dass dann wenigstens die Arbeit an den Bauarbeiten, die unsere Straße umgeben, weiter geht. Ich bin schon soweit, dass ich mich über Baulärm freue! Ja, ich hatte sogar kurz den Gedanken, wie toll es wäre, selber Bauarbeiter zu sein, damit ich was zu tun hätte und um Kontakt zu anderen Menschen zu haben. Das lässt tief blicken.

Aber insgesamt habe ich den Tag bis jetzt ganz gut rumgebracht. Vormittags musste ich zu einem Arzt um ein Rezept zu holen, dabei habe ich gesehen, dass die U-Bahn sehr leer war und auch sonst die Straßen kaum belebt. Die Ausgangsbeschränkungen wirken. Den Gang zur Apotheke hebe ich mir für morgen oder übermorgen auf, damit ich wieder einen Grund habe, aus dem Haus zu gehen. Das sind alles keine weiten Wege, aber eben doch ein kleiner Spaziergang und ein „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen“ zu einem anderen belebten Wesen.

Als ich am frühen Nachmittag meine Steuererklärung zur Post bringen will, stelle ich zu meinem großen Erstaunen fest, dass diese geschlossen hat. Aus betrieblichen Gründen. (?) Sehr ärgerlich – andererseits noch ein Grund, die nächsten Tage einen Spaziergang zur anderen Postfiliale zu unternehmen. Vom geschlossenen Postamt aus gehe ich zum Drogeriemarkt meines Vertrauens und werde enttäuscht: es gibt meine heißgeliebte Nuss-Nougat-Creme nicht und ob sie diese Woche noch kommt, weiß keiner der Mitarbeiter. Nebenbei bemerke ich, dass alle Regale mit Desinfektions-Produkten und Toilettenpapier leergefegt sind. Aus Neugier frage ich, wann diese Dinge wieder geliefert werden und bekomme die Antwort, das wisse man nicht, es gäbe Lieferschwierigkeiten. Aha. Nun gut, ich habe noch Toilettenpapier und Desinfektionsspray benötige ich zu Hause eigentlich so gut wie nie, also alles ganz entspannt. Wobei ich spätestens an der Kasse merke, dass die Menschen um mich gar nicht entspannt sind, was wohl auch an dem Schilderwust liegt, auf dem steht, man soll Abstand halten. Prompt fährt mir eine Mutter mit Kinderwagen in die Hacken, ich drehe mich um und bitte sie, Abstand zu halten. Ich bin auch nicht mehr entspannt.

Von der Drogerie auf zum Supermarkt, ich möchte noch Humus kaufen. Als ich an der Tür des Ladens ankomme, sehe ich mit Befremden eine kleine Menschenschlange im Eingangsbereich und ein Schild, auf dem steht, dass nur noch 10 Personen gleichzeitig im Laden sein dürfen. Es gibt auch eine Türsteherin die zählt und die Kunden einzeln durchwinkt. Ich stelle mich brav an und komme mir immer seltsamer vor. Aber sicher sind diese Maßnahmen sinnvoll, auch wenn sie erstmal befremdlich wirken. Das gilt auch für die Science Fiction-artigen Barrieren, die der Supermarkt um die Kassen angebracht hat. Es sind Gebilde aus Holzstangen und Plexiglas, die die Mitarbeiter von den Kunden abschirmen, die in dem engen Kassenbereich gar keine 1,5 oder 2m Abstand halten können. Der Einkauf wird durch die Neuerungen ein wenig zu einem surrealen Akt, aber ich finde es gut, dass das Geschäft vor allem seine Mitarbeiter schützen will.

Und während ich normaler Weise den Bus nach Hause nehme, gehe ich heute zu Fuß, um die Sonne und den Wind an meiner Nasenspitze zu spüren und sinniere dabei über diese unsere Zeiten. Ich komme mir mit jedem Tag mehr vor wie in einem schlechten Film und frage mich bang, wann wir wieder mit Normalität rechnen dürfen. Und, ohne Panik machen zu wollen, ich denke darüber nach, wie schnell unsere Freiheitsrechte mal eben aufgegeben wurden und ob es nicht wahrscheinlich ist, dass immer mal wieder so ein Virus ganze Gesellschaften lahm legt. Wieso sollte es bei Covid-19 bleiben?

Ich merke bald, solche Überlegungen sind jetzt nicht hilfreich und genieße lieber die Sonne, die mir auf dem Heimweg ins Gesicht scheint. Zu Hause erwarten mich Kaffee und Kekse, ein paar Emails und Telefonate und mein Buch, es gibt also genug zu tun. Und wer weiß, nachdem ich die Steuererklärung hinter mich gebracht habe, bringe ich vielleicht sogar mal den Elan auf, meine Fenster zu putzen – eine Tätigkeit, die mir ähnlich lieb ist…

In diesem Sinne wünsche ich Euch allen eine gute Woche und bleibt gesund!

Eure Merle

 

 

Hinterlasse einen Kommentar