Ausgangsbeschränkungen – Tag 29

In Kanada sind in einem Altersheim die Pfleger nicht mehr zur Arbeit erschienen, aus Angst vor Corona. In der Folge wurden dutzende Senioren dehydriert und unterernährt aufgefunden, 31 Personen verstarben. – In den USA sucht Amazon in den Lagerhallen mit Wärmebildkameras nach fiebernden Mitarbeitern. – In Spanien hat Corona inzwischen mehr als 20.000 Menschen das Leben gekostet. – In Deutschland stehen 32.000 Soldaten zum Einsatz im Inland bereit. – Ein CDU-Politiker, Herr Schäuble (sic!), fordert gesellschaftliche Konsequenzen aus Corona zu ziehen und das Verhältnis zwischen Marktwirtschaft und staatlicher Regulierung neu zu definieren. –  Ein Spiegel-Kommentator meint, nach Corona könne die Welt eine bessere, nachhaltigere werden. (…)

Jede dieser Nachrichten ist für sich bemerkenswert oder schockierend bzw. traurig. Normaler Weise würden solche Dinge mich ins Grübeln stürzen oder doch zumindest sehr nachdenklich machen. Doch fast genauso erschütternd wie zum Beispiel die Todeszahlen aus Spanien oder Italien ist für mich, dass es mich nicht mehr erschüttert. Ich wollte ja eine gewisse Distanz zu dem ganzen Themenkomplex Corona, aber dass ich abstumpfe, damit habe ich nicht gerechnet, und doch ist es so. Ich stelle mit Bestürzen fest, dass die Sterberaten und sämtliche Hiobsbotschaften, die jeden Tag verkündet werden, mich längst nicht mehr so berühren wie noch vor ein paar Wochen. Die Dinge werden zur Routine, Tote gehören dazu, jeden Tag ein neuer Rekord, jeden Tag eine neue Dummheit von Trump, nicht zu vergessen die vergessenen Flüchtlinge in ihren unsäglichen griechischen Camps…es ist zu viel. Mein Verstand ist wach, aber diese Unmenge an Informationen und Bildern, sie überfordert mich und führt offensichtlich dazu, dass ich „dicht mache“. Auch positive Ausblicke wie die des Spiegel Kommentars, die mich vor kurzem noch begeistert zustimmen ließen, sie prallen an mir ab.

Ich bin mit Nachrichten übersättigt und kann doch nicht aufhören, Nachrichten zu lesen. Es ist ein bißchen wie ein Zwang – auch wenn ich den ein oder anderen Tag eine Medien-Null-Diät mache – ich habe das Gefühl, informiert sein zu müssen und diese Krise nicht ignorieren zu dürfen, selbst wenn ich es könnte. Aber ich kann es nicht. Und das nehme ich dem Virus wirklich übel! Nicht nur, dass das Leben im Alltag ohnehin nicht mehr wiederzuerkennen ist, nein, auch in den zeitlichen Nischen, in denen ich eigentlich an was ganz anderes denken könnte, bin ich doch irgendwie mit dem Thema beschäftigt. Aber eben nur intellektuell, ohne ein Gefühl für das menschliche Drama, das hinter so vielen Meldungen steckt. Ich kann daraus nur eine Schlussfolgerung für mich ziehen: strikte Nachrichtenreduktion, mehr und konsequenter als bis jetzt. Ich will wieder zu einer differenzierten Wahrnehmung gelangen und nicht einfach Liveblog-Einträge abhaken.

Und so nehme ich mir also zum x-ten Male vor, weniger Zeit im Internet zu verbringen, nicht jeden ndr-Podcast zu hören, kurz: mich wieder mehr mit anderen Dingen zu beschäftigen als dieser Pandemie, die schon viel zu viel Macht über uns alle entwickelt hat. Ich weiß nicht, ob es übertrieben ist zu sagen, die Welt ist im Würgegriff von Corona – ich will es jedenfalls nicht sein.

Und so übe ich mich jetzt im Abschalten, im alle-vier-grade-sein-lassen und darin, meine Seele im ganz privaten Paradies baumeln zu lassen…

Habt ein schönes (Corona-freies) Wochenende und genießt den Frühling!

Herzlich, Eure Merle

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