Die Fragilität des Seins

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Heute früher Nachmittag, ich sitze mit meiner Freundin J. vor einem kleinen Café an einem sehr belebten Platz. Man sitzt sehr schön dort, große, alte Ahornbäume spenden Schatten, der Verkehrslärm ist vorhanden aber nicht im Vordergrund, das Klientel ist angenehm, der Café schmeckt – kurz, ein wunderbarer Moment der Entspannung an einem schönen Sommertag bietet sich an.

An diesem Platz gibt es neben Geschäften, einem U-Bahnbahnhof und Bushaltestellen auch Bänke, die zum Verweilen einladen. Ich bin ziemlich häufig dort zum Einkaufen oder weil ich Bus und U-Bahn benutze. Schon häufiger ist mir dabei aufgefallen, dass auf den Bänken immer die gleiche Gruppe von Alkoholikern und Drogensüchtigen sitzt. Es ist schwierig, nicht auf sie aufmerksam zu werden, weil meistens ein ziemlicher Geräuschpegel von der Ansammlung ausgeht. Mir ist auch aufgefallen, dass ich diesen Umstand unangenehm finde und konnte bisher nicht genau sagen warum, außer dass ich mich geärgert habe, wenn besagte Gruppe bei Regen die Sitze an den Bushaltestellenhäuschen besetzt. Ich finde, diese gehören den Fahrgästen. (Interessant: ich habe Hemmungen „Alkoholiker und Drogensüchtige“ zu schreiben. Warum? Weil ich eigentlich niemanden so definieren möchte und die Worte eben eine negative Konnotation haben. Dennoch bleibt es eine Tatsache, dass die gemeinten Mitbürger nunmal so in der Öffentlichkeit auffallen: trinkend und/oder nicht mehr ganz Herr ihrer Sinne…) Ich korrigiere meinen obigen Satz: der Ort hat Bänke, die unter anderen Umständen zum Verweilen einladen würden.

Jedenfalls, während J. und ich uns unterhalten, wird es plötzlich laut und aus der Richtung der nächsten Bänke ist ein Polizist zu hören, der mit ordentlicher Stimmkraft und Vehemenz die Anwesenden auffordert, endlich ihre Ausweise hervorzuholen und vor Ort zu bleiben. Ich weiß nicht, ob wir die Polizeikontrolle mitbekommen hätten, wenn es nicht so laut geworden wäre… ich fange jedenfalls an, mich unwohl zu fühlen. Ich kann den Polizist sehr gut verstehen, der ein bißchen seine Nerven verloren zu haben schien und denke mir, dass das echt kein dankbarer Job ist, was er da gerade macht oder machen muss. Andererseits: muss die Polizei das machen und wenn ja, warum? Ist das keine Diskriminierung? Und braucht es nicht eher einen Notarzt für den Mann, der am Boden liegt? Nachdem die Personalien aller dort befindlichen Personen festgestellt wurden, hat sich die Gruppe verzogen. Nur der junge Mann, der kaum fähig ist aufzustehen, ist noch da und als ich nach meinem Einkauf (der dem Cafébesuch folgte) an der Bank vorbei gehe höre ich, wie er einem Polizisten sagt, er habe einen Betreuer. Ich erschrecke, weil ich mir denke: er hat also Hilfe, scheint aber dennoch sein Leben nicht wirklich auf die Reihe zu bekommen. Und das macht mich traurig.

Das ganze hängt mir ziemlich nach und ich frage mich zum wiederholten Mal, was mich daran so beunruhigt, warum finde ich es so unangenehm, mit dieser Realität konfrontiert zu werden. Und plötzlich wird mir klar, dass ich Angst davor habe, auch ich könnte in so ein Leben hineinrutschen. Was wäre denn gewesen, wenn ich während meiner schlimmsten Phase meiner Krankheit nicht mehr die Kraft gehabt hätte, mich um meine Angelegenheiten zu kümmern? Was, wenn ich so einen schlimmen Schicksalsschlag erleide, dass ich anfange zu trinken? Was, wenn man niemanden mehr hat, der einem den Kopf waschen kann, wenn keine Freunde als Korrektiv vorhanden sind? Ich habe mich vor meiner Krankheit immer als jemand betrachtet, die immer in der Lage sein würde, zu arbeiten. Wenn ich Existenzängste hatte, dachte ich immer: Merle, mach Dir keine Sorgen, irgendeine Arbeit wirst Du immer finden und wirst immer die Kraft dazu haben. Ja, denkste. Das Leben hat mich eines Besseren belehrt und dehalb frage ich mich jetzt: wie sicher sind denn meine Annahmen über mich? Ich glaube nicht, dass ich zur Sucht neige und ich glaube auch, dass ich im Zweifelsfall Hilfe suchen und annehmen würde – aber genau wissen kann ich das nicht!

Ich bin  inzwischen in einem Alter, in dem ich mehrere Menschen kenne, inklusive meiner einer, die durch die ein oder andere Wendung in ihrem Leben eben dieses total auf den Kopf stellen mussten. Die nicht mehr in der Lage waren oder sind, zu arbeiten, denen die Sicherheit abhanden gekommen ist, dass sie immer leistungsfähig sein werden. Wo ist die Schwelle, die einen zur Sucht oder gar Obdachlosigkeit führt? Ist es eine Frage des Verantwortung übernehmen Wollens? Ist es eine reine Frage der Kraft? Geht es um die Verfassung der Psyche bzw. allgemein der Gesundheit? Je mehr Fragen ich mir stelle, umso klarer wird mir: sicher ist, dass nichts sicher ist. Wer glaubt, ihm könne das Leben nichts anhaben, der irrt ziemlich sicher. Wir haben weder Gesundheit für immer gepachtet noch ein funktionierendes soziales Umfeld. Um in diesem Dasein gut durchzukommen, braucht es auch Glück und vor allem Kraft, um immer wieder aufzustehen.

Und wieder einmal bin ich enorm dankbar für alles das, was ich in meinem Leben derzeit habe. Ein Dach über dem Kopf, genug zu Essen, Freunde, Kraft, jeden Tag in Angriff zu nehmen und die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen. Vor allem Letzteres halte ich für enorm wichtig – und nicht zwingend für selbstverständlich. Auch diese Fähigkeit kann einem zeitweise abhanden kommen, wenn man total überfordert und aus der Bahn geworfen ist. Die Existenzen, die wir uns aufgebaut haben, sind fragil. Keiner kann mit Sicherheit sagen, ob er morgen eine Krebsdiagnose oder eine Psychose bekommt, den langjährigen Partner oder den Job verliert. Wie wir mit den Krisen umgehen, ist entscheidend, doch die sogenannte Resilienz ist zu einem großen Teil auch etwas, das uns mitgegeben wurde oder nicht. Wir können an ihr arbeiten, aber nicht jeder hat das Glück, (ausreichend) damit versehen zu sein.

Vor dem Hintergrund der Fragilität unseres Seins gewinnt für mich die Achtsamkeit einmal mehr an Bedeutung. Im Hier und Jetzt zu sein, so oft wie möglich, ist das größte Geschenk, dass wir uns selber machen können. „Sich um die Zukunft Sorgen zu machen, ist so effektiv, wie durch Kaugummi-Kauen eine Algebra-Gleichung lösen zu wollen.“ (Übersetzt aus dem Englischen.) Der schöne Satz stammt leider nicht von mir, sondern von Baz Luhrmann:

Schenkt Euch dieses Gänsehaut-Lied… ich finde es passend, berührend, kurz: fantastisch!

 

 

Wie immer, Eure Merle

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