Versteckt Euch nicht!

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Heute beschäftige ich mich mit einem Phänomen, dass mir in den letzten Wochen wieder vermehrt begegnet ist – bei anderen und bei mir selbst – und das mich regelmäßig total irritiert und ja, ich kann sagen, dass mich traurig macht: Viel zu viele Menschen trauen sich nicht zu sagen, was sie möchten, was sie stört, wie ihre Meinung ist. Das betrifft auch mich selbst und ich habe den festen Entschluss gefasst, ab heute nicht mehr rumzueiern, keine Ausreden mehr zu erfinden und auch keine Notlügen mehr zu benützen. Ich will mich nicht mehr klein machen, ich möchte mich nicht mehr verstecken.

Die Situationen, in denen ich das bisher immer wieder getan habe, sind vielfältig: so habe ich mich neulich nicht getraut, einer Freundin abzusagen, weil ich müde und überanstrengt war. Ich hatte schlichtweg Angst, dass sie kein Verständnis hat. Also habe ich eine Notlüge benutzt, um mich aus der Affaire zu ziehen. Als ich mich neulich bei der Tiertafel angemeldet habe, um Unterstützung für die Kosten der Medizin für meine Katze zu bekommen, habe ich mich nicht getraut, nachzufragen, wieviel der Kosten für den Tierarzt die Tiertafel übernehmen wird. Die nette Dame vom Verein hatte vergessen, mir das mitzuteilen, sie sagte nur, dass sie einen Teil übernehmen werden. Und ich war zu schüchtern um nachzufragen, wieviel das sein wird. Weil ich ja eigentlich kein Anrecht auf Unterstützung habe, dachte ich. Und weil man doch wenn man was „geschenkt“ bekommt, so eine Frage nicht stellen kann. Was für ein bullshit. Als ich neulich auf einem Date war, habe ich mich drei Stunden lang vollquatschen lassen, wovon die letzte Stunde schon ein wenig zur Tortur wurde. Warum habe ich nicht einfach gesagt, dass ich jetzt gehen möchte? Aber er ist doch so nett und das ist ja unhöflich, wenn ich jetzt gehe… Und natürlich habe ich eine Ausrede benutzt, als ich dann ging. Ich bekäme noch Besuch. Blödsinn. Ich hätte auch einfach „danke für den netten Nachmittag“ sagen können und dass ich nach Hause möchte. Punkt. Am krassesten aber fand ich meine unangemessene Zurückhaltung, als ich mit „meiner“ Tätowiererin das Nachstechen meiner Pfauenfeder besprach. Geschlagene fünf Minuten fand ich keine Worte, faselte unverständlich hin und her – bis mich, dem Himmel sei’s gedankt – eine innere Stimme in den Arsch trat und mir geradezu zubrüllte: „Du wirst das Teil den Rest Deines Lebens tragen, also mach gefälligst den Mund auf!“ Und das tat ich dann auch und siehe da, es war überhaupt kein Problem, wir einigten uns bald und ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis.

Doch ich bin, wie gesagt, nicht die einzige, die sich oft nicht traut, für sich zu sprechen: eine gute Bekannte erzählte mir, dass sie neulich beim Zahnarzt zu hören bekam, dass ein erst kürzlich sanierter Zahn nun doch gezogen werden müsse und ein Implantat gesetzt werden müsse. Das sind immense Kosten. Und der Zahnarzt erklärte ihr nicht, warum er den Zahn ziehen wollte. Und weil der Arzt doch immer so nett ist und einer der besten sein soll, fand sie nicht den Mut, ihn zu fragen, warum der Zahn raus soll. Sie lehnte kurzerhand ab, ohne weitere Fragen gestellt zu haben. Zu Hause ärgerte sie sich unendlich und hatte das Gefühl, dass der Dentist ihr nur wegen der Einnahmen ein weiteres Implantat setzen wollte. Erfreulicher Weise hatte sie sich auf meinen Rat hin dann doch eine Zweitmeinung eingeholt und weiß nun auch, warum der Zahn gezogen werden muss. Nun traut sie sich aber nicht mehr zu ihrem Zahnarzt… sie hätte sich doch keine Zweitmeinung einholen dürfen…

Es gäbe noch eine ganze Reihe mehr an Beispielen, aber ich denke, es ist klar geworden, worauf ich hinaus will. Bei den meisten Menschen sind so verquere mindsets am wirken, dass sie nicht in der Lage sind, für sich selbst einzustehen, selbst in wichtigen Situationen, selbst bei negativen Konsequenzen. Ich bin da keine Ausnahme. Und es ist ja auch üblich und weit verbreitet, Notlügen zu benutzen, die Migräne vorzuschieben, oder eben nicht nachzufragen, wenn einem eine vermeintliche Autoritätsperson (besonders Ärzte!) etwas sagt oder nicht sagt. Wir wollen nicht den Unmut des anderen auf uns ziehen, wir trauen uns nicht zu sagen: „Ich möchte aber bitte…“, aus Angst, der andere könnte uns kritisch betrachten, nicht einverstanden sein, kein Verständnis haben. Dabei liefe die Kommunikation so viel besser, wenn wir für uns einstehen. Wir würden uns viele negative Gedanken und Gefühle sparen, wenn wir gerade heraus wären; wir hätten ehrlichere und damit intensivere Beziehungen, wenn wir unseren Mitmenschen unsere Befindlichkeiten mitteilen würden und es gäbe weniger Komplikationen und Missverständnisse, wenn wir statt der höflichen Ausrede einfach sagen, was wirklich Sache ist. Das fängt übrigens schon damit an, dass wir oft nicht die Wahrheit sagen, wenn uns jemand fragt, wie es uns geht. Wer sagt da schon: „oh, ich habe letzte Nacht nicht geschlafen und habe jetzt ziemlich schlechte Laune.“ Die häufigste Antwort ist doch: „ach ja, danke, passt!“ Oder, was mich rasend macht: „Alles gut!“ Das ist der neue Modeausdruck: „Alles gut.“ Ich weiß nicht, wie oft ich das in den letzten Wochen gehört habe. Damit wird über alles mögliche drüber gebügelt, Auseinandersetzungen vermieden, Unangenehmes verschwiegen. Alles gut. Danke für’s Gespräch.

Aber warum sind wir so unfair uns selbst und anderen gegenüber? Nun, ich kann mich erinnern, dass ein fester Bestandteil meiner Erziehung war, dass man anderen, vor allem Autoritätspersonen, keine unangenehmen Wahrheiten sagt und auch keine „unpassenden“ Fragen stellt. Ich kann mir vorstellen, dass das bei vielen in der Kindheit so war. Aber es liegt meines Erachtens auch an einer seltsamen Vorstellung von Höflichkeit und zu wahrender Harmonie in unserer Gesellschaft. Und an der leider immer noch weit verbreiteten Auffassung, dass manche Personen mehr Wert haben als andere. Das gilt insbesondere für Ärzte, aber auch bei Amtspersonen oder solchen, die eine bestimmte berufliche Funktion inne haben, in der sie – vorgestellt oder real – Macht über uns haben. Schließlich kommt aber noch hinzu, dass viele nicht gelernt haben, auf die eigenen Bedürfnisse zu achten und diese als gleichwertig in die Interaktion mit anderen einzubringen. Wenn ich eine Verabredung mit einer Freundin habe und zu müde dafür bin, dann stelle ich zuerst mal das Bedürfnis meiner Freundin nach Einhaltung der Verabredung über mein Bedürfnis, zu schlafen oder mich auszuruhen. Die meisten von uns, und, so ist mein Eindruck, vor allem Frauen, sind nicht dazu erzogen worden, ihre eigenen Wünsche und Vorstellungen zu äußern und ggf. durchzusetzen. Für mich wäre es zum Beispiel wichtig zu wissen, wie hoch der Betrag sein wird, den die Tiertafel von den Rechnungen übernimmt – aber meine verquere Vorstellung von Höflichkeit hat erstmal dazu geführt, dass die Frage im Gespräch mit der Frau von der Tafel gar nicht in mir aufkam und als ich bereits draußen war und die Frage auftauchte, war ich nicht selbstbewusst genug zurück zu gehen und nachzufragen. Jetzt muss ich das ganze per Email klären und drücke mich seit Tagen darum. Aber, ich werde das heute noch erledigen, denn ich will meinem Vorsatz treu bleiben.

Vielleicht werden wir das ein oder andere Mal doof angeguckt, wenn wir unbequeme Wahrheiten aussprechen. Vielleicht reagiert eine Freundin mal verschnupft, wenn wir ihr absagen. Und ja, vielleicht fühlt sich jemand mal in seiner Eitelkeit gekränkt, wenn wir ihn oder sie in Frage stellen oder überhaupt Fragen stellen. Doch meine bisherige Erfahrung sagt mir eigentlich, dass die meisten Menschen es schätzen, wenn man direkt und frei heraus mit ihnen spricht und wenn uns mal jemand fragt, wie es uns geht, ohne dass sie tatsächlich an einer Antwort interessiert ist – dann hat sie Pech gehabt und hätte sich die Frage sparen sollen 😉

Und so wiederhole ich den Eingangssatz: versteckt Euch nicht! Oder, wie ich es neulich auf einer Postkarte gelesen habe: „Sei Du selbst! Die Welt verkraftet das!“ Ich hoffe jedenfalls, ich werde mich zukünftig der Welt zumuten, so wie ich bin, alles andere kostet auch auf Dauer einfach zu viel Kraft…

Und damit wünsche ich Euch noch einen sonnigen Tag, lasst es Euch gut gehen!

Herzlich, Eure Merle

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