
Bei meinem heutigen Streifzug durch eine Gedichtesammlung bin ich auf Joachim Ringelnatz gestoßen – ein wunderbarer Autor, wie ich finde, den ich leider aber immer wieder vergesse. Dabei sind seine mitunter extrem albernen Gedichte ein echter Stimmungsaufheller und großes Vergnügen. Zum Einstieg also hier von Ringelnatz das Gedicht:
Überall
Überall ist Wunderland.
Überall ist Leben.
Bei meiner Tante im Strumpfenband.
Wie irgendwo daneben.
Überall ist Dunkelheit.
Kinder werden Väter.
Fünf Minuten später
Stirbt sich was für einige Zeit.
Überall ist Ewigkeit.
Wenn Du einen Schneck behauchst,
Schrumpft er ins Gehäuse,
Wenn Du ihn in Kognak tauchst,
Sieht er weiße Mäuse.
Für mich sagt dieses Gedicht aus, dass neben den großen Themen des Lebens wie „Strumpfband-Aktivitäten“, Geburt, Tod und Ewigkeit immer auch das Groteske, Lachhafte, Witzige existiert. Und das muss nicht mal intellektuell verbrämt sein, nein, es darf die besoffene Schnecke sein, was nun wirklich eine alberne Vorstellung ist. Aber wie herrlich ist das denn? Und wenn überall Wunderland ist, dann können wir auch überall Lustiges finden. Ich weiß nicht, ob ich den Bogen damit überspanne, aber mir fällt dazu eine kleine Begebenheit ein: als mein Kater Frodo gestorben war, kam ein Mitarbeiter der Tierbestattung zu mir nach Hause und platzierte einen Karton für das tote Tier bei mir in der Diele. Der Karton war offen. Ich heulte gerade Rotz und Wasser, hatte Frodo im Arm und zögerte, ihn in den Karton zu legen. Da kam meine Katze Fee herbei und sprang in den Karton und forderte mich auf zum Spielen – wie sie es immer macht, wenn ein leerer Karton bei mir rumsteht. Ich wusste nicht, ob ich Lachen oder Weinen sollte. Es war eine absurd-witzige Situation, die ich zu dem Zeitpunkt zwar nicht als solche erkannte, aber im Nachhinein find ich es ziemlich lustig.
Ich glaube, es ist gut, wenn wir uns immer wieder daran erinnern, dass Humor und Lachen helfen. Selbst in schwierigen Situationen, oder vielleicht gerade dann, sollten wir den Sinn für das Absurde nicht verlieren. Und es tut gut, ausgelassen und albern zu sein, das Leben bietet so viele Gelegenheiten zum ernst sein und Grübeln – da sollte man mit Witz nicht sparen. Witze helfen übrigens, Widersprüche und Konflikte zu verarbeiten, sie gehören also sogar zur Psychohygiene.
Und weil es so schön ist, hier zum Abschluss des heutigen Beitrags noch ein Werk von Ringelnatz:
Gedicht in Bi-Sprache
Ibich habibebi dibich,
Lobittebi, sobi liebib.
Habist aubich dubi mibich
Liebib? Neibin, vebirgibib.
Nabih obidebir febirn,
Gobitt seibi dibir gubit.
Meibin Hebirz habit gebirn
Abin dibir gebirubiht.
(Beide Gedichte entnommen aus: Der Kleine Conrady, Düsseldorf 2008)
Für heute wünsche ich Euch viele Gelegenheiten zum Schmunzeln und Lachen!
Wie immer, Eure Merle