
Ich bin eine Prokrastiniererin, ich leide unter der Krankheit Aufschieberitis. Nicht in kleinen oder mittelgroßen Angelegenheiten. Ich zahle pünktlich meine Rechnungen, ich stelle alle nötigen Anträge beim Amt sobald nötig. Ich gehe 1x im Jahr zum Zahnarzt (ok, das schiebe ich schon vor mit her…) und kümmere mich im Allgemeinen zeitnah um meine alltäglichen Aufgaben. Aber wenn es um wirklich große Themen geht, dann kneife ich und sage mir, seit Jahren: „das mache ich, wenn…“. Aber entweder „wenn“ tritt nie ein oder falls doch, fallen mir bestimmt andere Gründe ein, warum ich dies oder das jetzt nicht machen kann. Und so lebe ich in gewisser Weise schon lange am Leben vorbei. Das ist eine harte Erkenntnis, aber sie ist richtig. Ich muss mich der Tatsache stellen, dass ich auf einer Ebene schon lange stagniere und mir immer wieder neue Ausreden suche, warum dies oder jenes jetzt gerade nicht möglich ist.
Darüber habe ich mich gestern mit einer sehr klugen Frau, die ich sehr schätze, unterhalten und fing schon wieder an mit: „Das kann ich erst machen, wenn…“ und ihre erste Antwort war: „Frau S., Sie sind zu alt um so zu leben, Sie haben keine Zeit mehr sich zu sagen, das mache ich erst, wenn…!“ Das saß. Die Botschaft kam an, undzwar genau da, wo es wehtut. Ich bin 46. Die Mitte meines Lebens ist schätzungsweise vorbei und es stimmt, ich sollte endlich anfangen das Leben herein zu lassen und Veränderungen anzustoßen, die ich mir doch zum Teil auch schon so lange wünsche. Worum es geht? Es geht ums Reisen, um einen Umzug ins Grüne und darum, einen Hund in mein zu Hause zu holen. Es geht darum, mir eine Gruppe zur Meditation zu suchen und wieder Tai Chi zu machen. Es geht darum, neue Erfahrungen zu sammeln und die Komfortzone zu verlassen.
Zu Hause dachte ich darüber nach, was mir jetzt gerade am wichtigsten ist und stellte fest, dass der Umzug mir am heftigsten im Nacken sitzt und dass es Zeit wird, nach einem neuen Zuhause zu suchen. Damals hatte ich hier berichtet, dass das Mietshaus, in dem ich wohne, von einer Baufirma gekauft wurde und dass der Verdacht im Raum schwebt, dass die Wohnungen luxussaniert werden sollen. Innerhalb relativ kurzer Zeit sind 5 von 12 Wohnungen frei geworden und der Eigentümer hat aus allen 5 Wohnungen Arbeiterunterkünfte gemacht. Das ist nicht nur Zweckenentfremdung, es ist auch ein Wink mit dem Brückenpfeiler, dass es wohl nicht mehr lange dauern wird, bis auch die restlichen Mieter hinaus komplimentiert werden. Jetzt habe ich mich beim Mieterverein schlau gemacht und so schlecht sieht es rechtlich gar nicht aus, aber Angst habe ich vor den üblichen Entmietungsmethoden, die einem blühen können, wenn einen der Eigentümer los werden will. Das Ganze beschäftigt mich schon länger, ich fühle mich im Haus nicht mehr so wohl und habe eigentlich schon seit geraumer Zeit das Gefühl, dass ich hier nicht sehr viel länger werde wohnen können. Aber ich hatte nicht angefangen, eine neue Wohnung zu suchen, ich hatte den Kopf in den Sand gesteckt. Das hört jetzt auf. Ich möchte nicht so lange warten, bis ich wirklich gezungen werde, auszuziehen. Und dann wahrscheinlich irgendwas nehmen zu müssen. Also habe ich entsprechende Suchanfragen im Internet hinterlegt und werde jetzt aktiv und intensiv nach einer neuen Wohnung suchen. Das macht in der Stadt, in der ich wohne, keinen Spaß und auch die grünen Gegenden im Umland, die ich mir vorstellen könnte, sind allesamt kein Mieterparadies… Aber es hilft ja nichts. Es wird Zeit.
Genauso wie es Zeit wird, all die anderen Dinge anzugehen. Ich werde nicht alles auf einmal beginnen, so realistisch bin ich schon, zu sehen, dass ich mich nicht von heute auf morgen in einen anderen Menschen verwandle und drauf los agiere… aber ich habe eine Prioritätenliste (der Hund steht an nächster Stelle :-)) und ich habe einen Tritt in den Hintern bekommen, der ordentlich was in mir ausgelöst hat. Carpe diem ist irgendwie Klischee – und dann wieder nicht. Ich habe begriffen, dass es keinen Sinn macht, immer auf richtige Momente zu warten, die kommen im Zweifelsfall nie, man muss sie sich erschaffen oder einfach entscheiden, dass es jetzt los geht. Ansonsten trete ich auf der Stelle bis der Sensenmann mich holt und das ist eine wirklich schreckliche Vorstellung: all die unerledigten, nicht getanen Dinge. Ich habe vor einer Weile in einem Beitrag schonmal geschrieben, dass das Ergebnis einer Umfrage ergab, dass Menschen kurz vor dem Tod viel eher das bereuen, was sie nicht getan haben, als das, was sie getan haben. Auch daran mus ich gerade wieder denken. Ich möchte nicht mehr warten, bis das Leben mir Veränderungen aufzwingt, denn nichts bleibt wie es ist – ich möchte Veränderungen selbst gestalten. Und damit fang ich jetzt an.
Drückt mir die Daumen für die Wohnungssuche und einen lang anhaltenden Elan!
Es grüßt Euch herzlich, Eure Merle