
„Der Glaube ist ein großes Gefühl von Sicherheit für die Gegenwart und die Zukunft, und diese Sicherheit entspringt aus dem Vertrauen, auf ein übergroßes, übermächtiges, unerforschliches Wesen. Auf die Unerschütterlichkeit dieses Glaubens kommt alles an.“ J.W. von Goethe, aus Dichtung und Wahrheit, 3. Teil, 14. Buch.
Ich beantworte die Frage im Titel gleich am Anfang: Vertrauen ist, wenn ich einigermaßen ungezwungen Leben möchte, ein Muss. Ich denke, Goethe hat Recht mit der Unerschütterlichkeit des Glaubens, auf die alles ankommt. Ich habe, vor etwas über einem Jahr meine ich, schonmal über Vertrauen geschrieben, aber da ging es mehr um das Vertrauen zwischen den Menschen. Heute möchte ich über das Vertrauen in das Leben bzw. in ein übergeordnetes Prinzip oder Wesen schreiben. Wie wir dabei das „Wesen“ nennen, ist vollkommen egal. Die einen mögen „Gott“ sagen, die anderen „Schicksal“, wieder andere das „Unerklärliche“ oder „Allah“ oder „Adonai“… Andere mögen es einfach Glück nennen. Ich persönlich habe mich – mangels besserer Alternativen – für das All-Eins oder auch das Unbenennbare entschieden. Es geht also um das Vertrauen, dass sich die Dinge des Lebens zu meinen Gunsten ergeben, dass das, was ich mir in meinem Leben für mich erschaffen möchte, auch so eintritt. Es geht um den Glauben, dass ich – auf eine schwer mit Worten beschreibbare Art und Weise – aufgehoben bin und das Glück mir hold ist, um eine antiquierte Ausdrucksweise zu bemühen.
Wieso ich gerade jetzt drauf komme? Nun, ich suche ja derzeit nach einer neuen Wohnung und obwohl ich noch keinen Erfolg vermelden kann – was nach nicht ganz zwei Wochen Suche auch nicht erstaunlich ist – habe ich bzw. haben einige Anteile von mir, ein sehr großes Vertrauen, dass das klappen wird und ich eine schöne, bezahlbare Wohnung finden werde. In Zeiten, in denen das eigentlich unmöglich erscheint und in der der Mietmarkt ein Ort der utopischen Mietpreise und Scharen verzweifelter Sucher ist. Aber ich kann nicht umhin, ich sehe mich schon in meiner tollen, neuen Wohnung! Nun muss ich dazu sagen, dass ich bei meinen bisherigen Wohnungssuchen (nur vier an der Zahl) immer großes Glück hatte. Ich habe bei jedem Umzug, obwohl in Städten mit besagter Mieternot, schnell und unkompliziert ein schönes neues Zuhause gefunden. Wobei, vielleicht war es eben mehr als Glück, vielleicht hat mich etwas behütet, vielleicht gab es da eine Kraft, ein Wesen, dass mich in meiner Suche geleitet hat? Jetzt könnte man auch sagen: Spinnerin, das war der Makler! Ja, aber nur in einem Fall und auch den richtigen muss man ja erstmal finden :-)!
Was die Suche nach einem neuen Heim angeht, scheine ich jedenfalls ein glückliches Händchen zu haben und das ist insofern erstaunlich, weil das Thema „Heim“, ich verwende absichtlich dieses heimelige Wort, mein größtes Angstthema ist. Ohne einen eigenen Raum, eine eigene Schutzzone, fühlen wir uns ausgeliefert und schutzlos, kein Zuhause zu haben ist eine katastrophale Vorstellung, das macht eine Heidenangst! Während also ein Teil von mir total hippelig und ungeduldig auf die Benennung durch das Wohnungsamt für eine Wohnung wartet, chillt der andere Teil lässig vor sich hin und weiß, ich werde rechtzeitig eine neue Wohnung bekommen. Kein Grund zur Sorge!
Dieser Teil der vertraut, hat tatsächlich einen unerschütterlichen Glauben daran, dass das Notwendige eintreten wird. Dass ich nicht auf der Straße landen werde (und ja, ich kenne Menschen, die tatsächlich in einer Unterkunft gelandet sind, weil sie keine zahlbare Wohnung gefunden haben!) und dass mein neues Zuhause ein gemütliches, hübsches sein wird. Andererseits ist es natürlich so, dass meine trotzdem vorhandenen Ängste dazu führen, dass ich sehr intensiv suche und man könnte sagen, das alleine garantiert ja schon ein happy end. Wirklich? Ich glaube, da gäbe es viele Wohnungssuchende, die dem widersprechen würden! Und da komme ich wieder auf das Zitat von Goethe zurück: die Unterschütterlichkeit des Glaubens, auf die alles ankommt! Ich bin tatsächlich davon überzeugt, dass Vertrauen dabei hilft, ein Ziel zu erreichen. Auch bei Dingen, die scheinbar den Gesetzen einer Lotterie unterliegen. Sicher hilft auch das vertrauensvolle Auftreten beim potentiellen zukünftigen Vermieter, dennoch glaube ich, dass der Entwicklung zukünftiger Potentiale der Boden bereitet wird, wenn wir darauf vertrauen, dass sie eintreten.
Insofern ist Vertrauen in der Tat kein Luxus sondern eine Notwendigkeit. Ohne Vertrauen müssten wir ständig kontrollieren, Macht ausüben, agieren, ja, „Gewalt“ anwenden in dem Sinne, dass wir die Dinge versuchen zu erzwingen. Das jedoch funktioniert nach meiner Erfahrung nicht. Hilft es, gut organisiert und aktiv zu sein? Aber sicher! Wobei ich zugeben muss, dass ich den Verdacht habe, es würde schon reichen, eine Entscheidung zu treffen und dann informiert zu bleiben. Ob mein aus der Angst geborener Aktionismus wirklich notwendig ist, da bin ich mir nicht sicher. Allerdings habe ich nicht den Mut, nicht aktiv zu suchen, den Beweis bleibe ich mir also schuldig.
Die geneigte Leserin denkt sich jetzt wahrscheinlich: ja, wie denn nun, Vertrauen oder Angst? Chillen oder Aktionismus? Nun, jetzt kommt der entscheidende Satz des Beitrags: es ist eine Entscheidung! Ausschließliches Vertrauen ohne Zweifel ist wohl nur wenigen in die Wiege gelegt. Die meisten Menschen, so mein Eindruck, haben beides in sich: Vertrauen, ja Glaube einerseits und Ängste und Zweifel andererseits. Letztere in den Boden zu stampfen ist leider in der Regel nicht möglich. Ich kann versuchen, diesen destruktiven Stimmen den Mund zu verbieten, ich kann das negative Gelaber leiser stellen wie ein Radio, ich werde sie aber meistens nicht einfach los. Also entscheide ich mich immer wieder aufs Neue für Vertrauen. Ich kultiviere den Glauben an den guten Ausgang und pflege dem Zweifel gegenüber Mitgefühl und Achtsamkeit. (Da ist es wieder, das A-Wort…!) Ist das mitunter verdammt anstrengend? Aber ja! Doch ich bin mir sicher, dass es sich lohnt, das bisweilen zarte Pflänzchen Vertrauen zu hegen und zu pflegen und sozusagen das mentale Unkraut zu jähten.
Ich gebe zu, auch in mir regt sich gerade die Stimme, die sagt: „na, lass uns mal nächste Woche abwarten… wir sprechen uns noch!“ Und gleichzeitig spüre ich dieses warme, angenehme Gefühl, dass da sagt: „Das läuft, es wird sich alles rechtzeitig ergeben… .“ Und weil ich die Freiheit der Wahl habe, entscheide ich mich, der vertrauensvollen Stimme zu glauben und bin dankbar, dass ich sie hören kann.
In jedem Fall werde ich über den weiteren Verlauf berichten und bin schon sehr gespannt, was die nächsten Wochen so bringen… 😉
Euch wünsche ich ein schönes Wochenende und verbleibe herzlich,
Eure Merle