Über Verantwortung

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Wieder mal ein großes Thema, zu dem ich mehr Fragen als Antworten habe… da ich mir auf theoretischer Ebene bisher nicht so viel Gedanken darüber gemacht habe und damit klar ist, worum es geht, hier die Eingangsdefinition von Wikipedia:

Verantwortung ist im Allgemeinen die (freiwillige) Übernahme der Verpflichtung, für die möglichen Folgen einer Handlung einzustehen und gegebenenfalls dafür Rechenschaft abzulegen oder Strafen zu akzeptieren. Sie setzt Verantwortungsgefühl und -bewusstsein, ein Gewissen sowie die Kenntnis der Wertvorstellungen sowie der rechtlichen Vorschriften und sozialen Normen voraus. (Eintrag Wikipedia vom 26.10.20)

Mir ist heute aufgefallen, dass ich mir eigentlich noch nie in meinem Leben bewusst gesagt habe, dass ich für dieses oder jenes die Verantwortung übernehme. Ich bin mir aber immer sehr meiner Verpflichtungen bewusst. Als Mieterin, früher als Berufstätige in meinem Arbeitsgebiet, als Freundin, als Verkehrsteilnehmerin, als Mitbürgerin in Zeiten von Corona… Ich glaube, dass wir alle sehr oft Verantwortung übernehmen, ohne uns immer die Folgen einer Handlung bewusst zu machen. Ich weiß noch, dass ich in meinem Beruf sehr oft Dinge unterschrieben oder Prozesse angestoßen habe, ohne alle möglichen Konsequenzen zu kennen, das war einfach gar nicht möglich – trotzdem habe ich die Dinge getan, die ich für richtig und notwendig hielt. Ich weiß auch noch, dass ich mir damals oft gesagt habe, dass ich das im Notfall gut rechtfertigen kann, aber oft wusste ich wie gesagt nicht, was auf mich zukommen könnte. Ich habe also Verantwortung übernommen, um handlungsfähig zu sein und bin damit oft ein Risiko eingegangen.

Als junger Mensch, der noch zu Hause gewohnt hat, habe ich mir oft die Frage gestellt, wie das die Erwachsenen machen, mit all den Verpflichtungen und Zwängen. Am meisten besorgte mich immer der Gedanke, dass man immer genügend Geld für die Miete einer Wohnung haben muss. Ich hab mich dann immer gewundert, woher man denn wissen soll, dass man immer ausreichend finanzielle Mittel für sein Leben haben wird. Schließlich kann man seinen Job ja verlieren. Wie kann man denn da einen Mietvertrag unterschreiben? Und woher wussten eigentlich Erwachsene immer, was für Kinder gut ist? Und wie, bitte schön, trifft man Entscheidungen, wenn man gar nicht wissen kann, was so eine Entscheidung alles auslösen kann? Ich muss mich korrigieren, ich habe schon früh über Verantwortung nachgedacht, ich wusste nur nicht, dass das so heißt.

Heute, ca. 35 Jahre später, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass Verantwortung übernehmen ganz oft Entscheidungen beinhaltet, deren Konsequenzen wir eben nicht überblicken können. Verantwortung tragen ist immer ein Risiko. Allerdings eines, das ich gerne eingehe, wenn es nur um mich selber geht. Wenn ich mit negativen Folgen rechnen muss, ist das in Ordnung. Gar nicht vorstellen könnte ich mir, für Kinder die Verantwortung zu übernehmen. Die Gefahr, bei der Fürsorge für kleine Menschen grobe Fehler zu begehen, wäre mir immer zu groß gewesen. Deshalb habe ich keine Kinder.

Mit dem Weitwinkel betrachtet, ist eigentlich das ganze Leben eine Reihe von Entscheidungen und Handlungen, deren Konsquenzen wir nicht ganz überblicken können und das Risiko, einen Griff ins Klo zu landen, doch enorm groß. So gesehen ist es eigentlich erstaunlich, wie wenig in meinem Leben bisher schief gelaufen ist. Aber es gibt natürlich auch Dinge, die recht gut überschaubar sind und trotzdem treffen wir verkehrte Entscheidungen. Zum Beispiel die Tatsache, dass ich Raucherin bin, das ist ja eine Entscheidung und obwohl ich die negativen Konsequenzen kenne, bleibe ich dabei. Ich trage Verantwortung für meine Gesundheit und kann das nichtmal gut rechtfertigen… und ein Stück weit stehle ich mich hier aus der Verantwortung, weil ich natürlich überzeugt davon bin, dass mich der Krebs nie treffen wird… Die Bereitschaft, die negativen Folgen zu tragen, ist hier eher gering ausgeprägt.

Allerdings, was wissen wir denn schon über die Zukunft? Wie wollen wir all die Handlungsstränge und Potentiale verfolgen und die jeweiligen Ergebnisse kontrollieren? Das können wir nicht! Ja, das ist irgendwie schade aber auch irgendwie gut, wir wären ja sonst nur noch mit Kontrolle beschäftigt. Loslassen ist das Zauberwort. Und damit komme ich zum aktuellen Thema, das mich überhaupt erst auf das heutige Thema gebracht hat: ich möchte einen Hund. Nicht irgendeinen Hund, sondern einen Magyar Vizsla. Das ist ein Jagdhund, der sehr aktiv ist und der gut beschäftigt werden will. In der Tat ist es so, dass viele Züchter den Hund nur an Jäger abgeben, damit „sicher gestellt ist“, dass das Tier auch ordentlich was zu arbeiten hat. Als ich angefangen habe, mir Rasseprofile des Vizslas anzusehen, war ich noch vollkommen überzeugt, dass das der richtige Hund für mich ist. Ich möchte einen Hund, der mich fordert, mit dem ich drei Stunden täglich oder mehr draußen bin und mit dem ich Hundesport machen kann. Ich habe viel Zeit und stelle es mir sogar schön vor, mit meinem caninen Kumpel durch Regen zu stapfen und stelle es mir herrlich vor, durch den Schnee mit ihr zu laufen. So weit, so gut. Ich glaubte zu wissen, was es bedeutet, Verantwortung für ein Haustier zu übernehmen, immerhin habe ich Katzen bzw. jetzt noch eine Katze und Dinge wie Tierarztkosten, eine Person, die im Notfall für ein paar Tage die Pflege übernehmen kann, zerstörte Gegenstände oder ein Malheur auf dem Wohnzimmerboden – alles keine Fremdworte für mich. Auch die Vergesellschaftung zweier felliger Individuen gehört zu meinem Erfahrungsschatz. Damals war ich mir meiner Verantwortung sehr bewusst und habe meine zweite Katze extra von jemandem zu mir geholt, der sie zurück genommen hätte, falls Frodo und die kleine Fee nicht miteinander ausgekommen wären. Dem Himmel sei Dank, lief das damals aber perfekt. Für mein Hundeprojekt macht mir Mut, dass ich vor einigen Jahren einen jungen Vizsla für ein paar Wochen bei mir hatte, mit dem sich meine Fee sehr gut verstanden hat, sie lag mit ihm sogar nachts im Korb…

Ich bin also der Meinung, sehr verantwortlich vorzugehen, alle wichtigen Dinge zu beachten und mich rundum zu informieren (zwei Bücher über Vizslas hab ich auch schon gelesen) – und doch bin ich total verunsichert, seitdem mir klar geworden ist, dass ich keine Garantie dafür habe, dass ich dem neuen Mitbewohner gewachsen sein werde. Ich kann mich noch so viel einlesen, mit anderen Hundehaltern sprechen, ich kann meinen Patenhund für ein paar Tage zu mir holen und gucken wie das ist – ich werde nicht wissen, wie es wirklich ist, wenn so ein Welpe dann da ist und wirklich zu mir gehört und meine Aufmerksamkeit braucht. Konsequente Hundeerziehung, alle zwei Stunden raus zum Pinkeln, zerkaute Schuhe, vier mal am Tag spazieren gehen… kann ich das wirklich und für bis zu 15 Jahre? OK, der Teil mit alle zwei Stunden raus betrifft ja nur die ersten Wochen, aber der Rest bleibt. Stelle ich mir das nur schön vor? Ist das dann auch schön, wenn es real wird? Und hier würde ich ja nun auch die Verantwortung für ein kleines Lebewesen übernehmen, ein Tier, für das es nach meiner Einschätzung schlimmer wäre als für eine Katze, wenn es nach ein paar Wochen oder Monaten wieder abgegeben würde.

Und deshalb stelle ich mir die Frage, ob ich verantwortungslos handle, wenn ich mir einen Hund hole, ohne 100% sicher zu sein? Aber kann man das überhaupt? Gibt es nicht immer ein Restrisiko, genannt Leben? Es fängt ja schon damit an, dass ich nicht weiß, welches fellnasige Individuum da in mein Heim kommen würde, jeder Hund ist anders! Ich habe außerdem keine große Erfahrung in Hundeerziehung, also weiß ich nicht, ob ich souverän genug bin. Wie gesagt, vorstellen kann ich mir das alles sehr gut, aber das ist eben noch nicht die Realität. Ich gehe also ein Risiko ein, wenn ich den Schritt tatsächlich wage und das Risiko betrifft nicht nur mich, sondern auch den Vierbeiner und das macht es mir richtig schwer. Ginge es nur um mich, wär das in Ordnung, aber so…

Verantwortung zu übernehmen ist bei Leibe nicht immer leicht. Im Gegenteil, je mehr uns das Ausmaß der Konsequenzen einer Entscheidung bewusst wird, umso abschreckender kann es werden. Ich finde es dennoch gut, dass ich mir so viele Gedanken über das Thema Hund mache, schließlich geht es hier wirklich um was. Trotzdem glaube ich auch, dass ich ein wenig loslassen und mich auf ein Abenteuer einlassen muss. Ohne eine gewisse Risikobereitschaft wird es nicht gehen, denn es gibt zu viele Aspekte, die ich einfach nicht vorhersehen kann. Insofern ist wohl die richtige Balance zwischen Planung und Entdeckerfreude gefragt… ich hoffe sehr, dass mich mein Mut nicht verlässt!

Falls es übrigens unter meinen Leser*innen Hundehalter gibt, die ihre Erfahrung über die Zeit vor und/oder nach der Anschaffung teilen möchten, würde ich mich sehr freuen!

Damit wünsche ich Euch eine schöne Woche und bleibt gesund!

Eure Merle

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