Paul Celan – Corona

Nein, natürlich hat Paul Celan nicht über Covid-19 ein Gedicht geschrieben. Aber aufgrund des Titels ist mir das Werk selbstverständlich ins Auge gesprungen, wobei Celan mit Corona wohl die sogenannte Nördliche Krone meinte, nämlich ein Sternenbild: Corona Borealis. Laut Wikipedia hat die Corona Borealis eine besondere Bedeutung in der Mythologie:

Der griechischen Mythologie nach war die Nördliche Krone die mit Edelsteinen besetzte Krone der Ariadne, Tochter des Königs Minos von Kreta. Mit Ariadnes Hilfe bezwang der Held Theseus den Minotaurus. Theseus erhielt von ihr einen Faden, mit dem er den Weg aus dem Labyrinth fand, in dem das Untier gefangen gehalten wurde. Nach der gemeinsamen Flucht von Kreta wurde sie von Theseus auf der Insel Naxos zurückgelassen, wo sie von Dionysos aufgenommen und zur Frau erwählt wurde. Dionysos warf ihre Krone in den Himmel, wo sie dann zu einem Sternbild wurde.[1] Diese Verstirnung eines Gegenstands bzw. einer Person wird auch Katasterismos genannt und hat einige Entsprechungen in antiker Dichtung.

In der keltischen Mythologie war die Nördliche Krone (Caer Arianrohd) das Rad (oder auch das Schloss) von Arianrhod. (Wikipedia-Eintrag „nördliche Krone“ vom 13.11.2020)

Mir gefällt das Gedicht von Paul Celan vor allem deshalb, weil es so großen Interpretationsspielraum lässt. Ich empfinde es wie ein Gemälde, in dem jeder Betrachter etwas anderes sieht und sehen darf. Es wird vermutet, dass das Gedicht an Ingeborg Bachmann gerichtet ist, mit der er eine Liebesbeziehung hatte. Ich perönlich glaube, dass sich in der letzten Strofe Anspielungen auf seine Lagererfahrungen während des dritten Reichs finden. Es ist Zeit, dass der Mantel des Schweigens über die damaligen Greueltaten gelüftet wird. Vielleicht ist es aber auch einfach nur Zeit, weiter zu gehen. Oder das Unmögliche möglich zu machen: „Es ist Zeit, dass der Stein sich zu blühen bequemt“. Ich verbinde mit „Corona“ sowohl das warme Gefühl von großer Innigkeit und Intimität, wie auch die Rastlosigkeit eines Liebhabers, der weiß, dass er den Schatz in Händen hält und doch weitergehen muss. Ein klassischer Konflikt also zwischen Bleiben und Gehen?

Corona

Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt; wir sind Freunde.
Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie gehn:
die Zeit kehrt zurück in die Schale.

Im Spiegel ist Sonntag,
im Traum wird geschlafen,
der Mund redet wahr.

Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:
wir sehen uns an,
wir sagen uns Dunkles,
wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,
wir schlafen wie Wein in den Muscheln,
wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.

Wir stehen umschlungen im Fenster, sie sehen uns zu von der Straße:
es ist Zeit, daß man weiß!
Es ist Zeit, dasß der Stein sich zu blühen bequemt,
daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.

Es ist Zeit.

(Paul Celan, 1920-1970; aus Der Kleine Conrady, Düsseldorf 2008)

Manchmal sind Gedichte für mich wie undeutliche Farbschattierungen, die Worte hinterlassen in der Leserin Gefühle, Ahnungen, Andeutungen, aber es gibt keine klaren Linien. Die Verse provozieren Assoziationsketten doch genaue Bedeutung entsteht nicht. Vielleicht müsste man Celan-Kenner sein, um mehr aus diesem Gedicht zu lesen, doch mir gefällt ja gerade, wie oben erwähnt, dass freie Interpretieren. Ich gehe also weniger der Frage nach: Was will der Künstler uns damit sagen? als vielmehr der Frage: was sagt das Werk mir?

Insofern wünsche ich heiteres Hineindeuten und einen schönen Freitag Abend!

Eure Merle

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