Ein Phänomen, dass viele von uns gut kennen: ich bin der Meinung, eine Entscheidung treffen zu müssen, stehe unter Druck, weil ich das „Richtige“ tun will und habe Angst, das „Falsche“ zu wählen. Ich könnte versagen, es könnte nicht klappen, außerdem weiß ich nicht, was das Neue bringt und vielleicht will ich hinterher den alten Status Quo zurück…und dann?
Bewusste Entscheidungen zu treffen ist so wichtig, damit unser eigenes System sich darauf einstellen einstellen kann, was wir wollen. Mit System meine ich nicht nur unsere inneren Anteile sondern vor allem auch die uns inne wohnende Schöpferkraft, unsere Kreativität und unsere Fähigkeit, uns das ins Leben einzuladen, was wir uns wünschen. Ja, so großartig sind wir.
Allerdings sind wir auch mit Widerständen ausgestattet. Nun, die meisten von uns. Angst vor Veränderung, vor Verlust, vor Unlust und Langeweile, Unzufriedenheit… In der Regel versuchen wir in Entscheidungsprozessen, unseren Verstand arbeiten zu lassen. Das ist gut, wenn es ums Autofahren geht. Es ist wenig hilfreich in Fragen der Lebensgestaltung. Was will ich wirklich?
Unser Verstand funktioniert in Gegensatzpaaren, in der Dualität und unterscheidet zwischen richtig und falsch, gut und böse etc… deshalb kommen wir mit ihm nur begrenzt weiter, wenn wir unsere wahren Wünsche spüren wollen und unser Potential entfalten möchten, Entscheidungen zu realisieren. Deshalb ist es wichtig, mich zu spüren, zu fühlen, was in mir vor sich geht, welche Gefühle und Widerstände ich wahrnehmen kann in Bezug auf ein Thema. Das erlaubt es uns, Kopf, Herz, Bauch und Essenz in Einklang zu bringen oder doch zumindest zu erfassen, was ich tatsächlich möchte.
Das kann so aussehen, dass ich erst einmal merke, wovor ich Angst habe und dass sich alle Stimmen zu einer Frage zu Wort melden. Ein veritabler Salat wird offenbar, alle wollen was anderes, keine der Stimmen ist zu Kompromissen bereit und am Ende stehe ich da und denke, ich kann keine Entscheidung treffen! Ich weiß nicht, was ich will! Gut. Ich akzeptiere das und atme und stelle fest, im Moment kann ich keine Entscheidung treffen. Das ist in Ordnung. Dann nehme ich Wut und Frust wahr, weil ich doch jetzt eine Entscheidung treffen wollte und es funktioniert nicht! Ok. Ich akzeptiere die Wut und lasse sie da sein. Und atme. So gut es geht, bin ich im Mitgefühl mit mir selbst.
Dieser Zustand kann sich eine Weile hinziehen und ich vertraue darauf bzw. merke dabei in der Regel, dass ich noch gar keine Entscheidung treffen muss. Ich habe mich unter Druck gesetzt und war zu ungeduldig. Jetzt lasse ich erst einmal den Salat da sein und beobachte ihn in Mitgefühl, so weit das möglich ist. Lasse ich mich auf diesen Prozess ein, werden früher oder später einzelne Aspekte, also Gefühle, in den Vordergrund treten und ich kann fühlen, wer in mir was will. Aspekt A möchte unbedingt ein neues Fahrrad haben, Aspekt B findet, dafür ist nicht genug Geld da. Aspekt C will ganz dringend DIESES EINE Fahrrad, während Aspekt D der Meinung ist, das ganze ist völlig egal. F sagt, „Du spinnst komplett, Du willst immer nur das teuerste, glaubst Du echt, das steht Dir zu??“ und so weiter und so fort, manchmal bis das ganze Alphabet voll ist…
Die Kunst besteht darin, ALLES zu spüren und zu beobachten und da sein zu lassen. Und damit zu atmen. Mit der Zeit verändern sich die Gefühle und es stellt sich Klarheit ein. Ich komme mir selbst auf die Schliche und werde mir bewusst, was ich wirklich möchte, was dagegen spricht, was dafür. Ich erkenne meine gegensätzlichen Impulse an und genau dadurch wird deutlich, wo es hingehen soll. Das kann sein, dass ich mir zwei Dinge leiste, wenn ich mich nicht entscheiden kann; es kann sein, dass ich eine Anschaffung verschiebe. Es kann heraus kommen, dass ich eigentlich gar keinen neuen Nebenjob möchte, obwohl mir seit Wochen eine Stimme ins Ohr flüsterte, das sei jetzt aber mal geboten. Meistens geht es bei unseren Entscheidungen ja um überschaubare Risiken. Aber was, wenn es um große Fragen geht, wie zum Beispiel einen Umzug? Sicherheit oder Neuland? Nun, die Vorgehensweise ist wie oben beschrieben. Irgendwann kommt der Punkt, an dem ich genau spüre, wo es mich hinzieht oder wohin es mich stärker hinzieht. Es gibt Glückliche, die wissen sehr schnell, was sie wollen, bei mir kann das lange dauern und auch dann ist das Ergebnis nicht eindeutig. Irgendwann treffe ich dann eine Entscheidung, sagen wir, umzuziehen. Diese Entscheidung wird alle möglichen unangenehmen Gefühle auslösen, alle Aspekte aktivieren, die für Sicherheit und gegen Veränderung sind. Damit atme ich dann und akzeptiere das. Mit der Zeit wird es besser und dadurch, dass ich eine Entscheidung getroffen habe, ändern sich Konstellationen in mir und in meinem Umfeld. Es ist zum Beispiel sicher kein Zufall, dass ich, als ich vor ein paar Wochen die Entscheidung traf, jetzt bereit für einen Umzug zu sein, plötzlich Wohnungsanzeigen auf Immoscout für genau den Ort bekomme, wo ich am liebsten hin möchte. Über ein Jahr kamen exakt gar keine Anzeigen für diesen Ort.
Und um das ganze noch komplizierter zu machen: die angebotenen Wohnungen waren nichts für mich und ich merkte ausserdem, hoppla, ich bin noch gar nicht bereit für einen Umzug! Das schöne ist ja, wir können uns jederzeit umentscheiden. Wer jetzt denkt, naja, bei einem Ortswechsel ist das nicht so einfach, dem kann ich sagen: hab ich auch schon hinter mir. Innerhalb eines Jahres zwei Mal quer durch die Republik umziehen macht keinen Spaß, ist aber möglich.
Je klarer ich im Innen bin, desto klarer ist mein Umfeld. Mein Innen spiegelt mein Aussen. Das Prinzip trifft auch auf Entscheidungen zu. Habe ich eine Entscheidung getroffen und daraufhin geht der Punk in mir ab, hilft nichts ausser spüren, erlauben, atmen, bewusst wahrnehmen – und die Entscheidung bzw. das damit erschaffene Potential loszulassen. Dafür braucht es Vertrauen. Ich kann nicht kontrollieren, wie meine Entscheidung in der Realität manifestiert wird. Ich kann loslassen und vertrauen. Das sollte ich sogar. Bemerke ich auf dem Weg dorthin, das passt mir jetzt aber gar nicht, was sich da ergibt, dann kann ich mich umentscheiden.
Neben Vertrauen sind zwei Dinge, glaube ich, sehr wichtig: den alten Zustand herzustellen ist unmöglich. Ich glaube auch nicht, dass das Sinn und Zweck des Lebens ist, denn ein wenig Entwicklung wird es immer geben. Als ich vor Jahren zurück nach München kam, hatte ich dafür eine viel schönere Wohnung als vorher… Der andere Punkt, der uns sozusagen auf Level 100 anspricht, sind Entscheidungen, die wir tatsächlich nicht rückgängig machen können: ein Kind bekommen, schwerwiegende körperliche Eingriffe, Suizid… An dieser Stelle ist es zynisch zu sagen, es gäbe kein richtig oder falsch, alles ist Erfahrung. Ich kann sagen, dass ich mich mit Punkt 2 und 3 lange beschäftigt habe und ich habe es für mich jeweils so gelöst, dass ich hineingespürt (nicht gedacht!) habe, wie das sein mag. Was das bedeuten könnte. Doch, das geht, auch bei Suizid.
Es ist nämlich so: je achtsamer ich mit allen meinen Gefühlen umgehe, desto mehr nehme ich in mir wahr. Das bedeutet, ich beginne, mehr als den Salat, die Unentschiedenheit zu spüren und fühle eine Präsenz und ein tiefes Wissen in mir, das mir den für mich passenden Weg zeigt. Darin liegt auch sehr viel Vertrauen. Vertrauen, dass sich alles für mich stimmig arrangieren wird. Dass ich immer alles haben werde, was ich brauche und dass meine Entscheidungen von meiner Schöpferkraft unterstützt werden. Dieses Wissen haben wir alle, es ist nur bei vielen sehr verschüttet. Auch wenn ein Anteil immer nach dem fünften Eis und der Achterbahnfahrt im Anschluss schreit, weil sich das so wahrhaftig, so schön nach Fülle und Lebendigkeit anfühlt. Ich weiß, das ist nicht gut für mich. Durch Achtsamkeit, Langsamkeit und Bewusstsein kommen wir dorthin zurück, was uns von Natur aus gegeben ist: zum Gespür dafür, was gut für mich ist.
Die Krux ist der Verstand und die Glaubenssätze, die uns sagen, was angeblich möglich und unmöglich ist. Wir haben gelernt, dass alles einen Preis hat. Wenn ich x wähle, dann muss ich auf y verzichten. Wenn ich nicht arbeiten kann, wie soll ich dann an Geld kommen? Wie kann ich zwei scheinbar widersprüchliche Wünsche in einem vereinen, das geht doch nicht. Doch, das geht. Das sind Glaubenssätze der Begrenzung und der „Vernunft“ die uns von klein auf eingeimpft werden und ich lade dazu ein, sie loszulassen. Es ist viel mehr möglich, als wir denken können. Es gibt diesen herrlichen Satz: „Alle dachten, das geht nicht. Dann kam einer, der wusste das nicht und hat es einfach gemacht.“ Ich erinnere auch gerne an die Hummel. Das Tierchen kann nach physikalischen Gesetzen mit ihrem Körperbau und Proportionen eigentlich nicht fliegen. Sie tut es doch.
Wer sich jetzt fragt, wie das mit dem Vertrauen geht: wer es nicht in sich spürt oder noch nie kannte: tu so als ob. Triff die Entscheidung, Dir selbst und dem Leben zu vertrauen. Immer und immer wieder. Deine Essenz spürt das und wird Dich unterstützen. Es ist, wie Achtsamkeit, ein Muskel, den wir trainieren können. Es ist ein wenig wie das Prinzip: fake it till you make it. Und es funktioniert.
Einfach ist es oft nicht. Es kommt auch darauf an, was wir bisher in unserem Leben erlebt haben. Aber machbar ist es. Und wenn gar nichts geht, dann treffe ich die Entscheidung, keine Entscheidung zu treffen. Auch das ist in Ordnung. Ich empfehle nur, zusätzlich zu entscheiden, dass ich so bald wie möglich in der Lage bin, eine Entscheidung zu treffen. Warum? Je öfter ich bewusst entscheide, desto mehr bin ich Gestalterin meines Lebens und nicht Getriebene. Und wenn ich doch das fünfte Eis gegessen habe, Achterbahn gefahren bin und es mir danach hundeelend geht? Dann habe ich Mitgefühl mit mir und allen Gefühlen, die das hervor bringt, inklusive Reue, Scham und Wut auf mich selbst. Und sorge gut für mich.
Bei allem, was Ihr tut: vergesst das Atmen nicht 😉
Merle