Liebe LeserInnen und Leser, ich hoffe, Ihr habt eine schöne Weihnachtszeit verlebt und ich wünsche Euch einen geschmeidigen Jahreswechsel! Wie jedes Jahr verzaubert mich die Verlässlichkeit des Rhythmus‘ der Natur: nach dem Vergehen kommt das neue Leben, das Licht der Tage wird wieder länger, die Erde dreht sich weiter… ist das nicht einfach wunderbar?! Darauf dürfen wir vertrauen, nun, wir tun es, ohne uns darüber bewusst zu sein. Die Bäume, die ihre Blätter abgeworfen hatten, werden in wenigen Monaten wieder Knospen treiben, die Sonne geht jeden Tag auf, auch wenn wir sie Nachts nicht sehen, die Sterne sind da, auch wenn der Himmel bedeckt ist, nach der Nacht folgt wieder der Tag.
Darauf vertrauen wir, weil wir wissen, es ist der Lauf der Natur. Nur wenn es um uns selbst, den Menschen geht, vertrauen wir leider schon lange nicht mehr auf uns unsere Natur. Wir sind uns in der Regel nicht bewusst, dass auch wir dazu da sind, um zu wachsen, lebendig zu sein, uns zu entfalten, unsere Pracht zu leben und zu zeigen. Wir haben vergessen, dass wir nicht artgerecht gehalten werden, dass wir uns selbst nicht artgerecht halten. Kennt Ihr das Bild, auf dem ein Löwenzahn durch einen Riss im Asphalt hindurch wächst, sich durchgemogelt hat, dem Grau und der Härte des Umfelds trotzt? Dieses Motiv hat für mich eine unglaubliche Symbolkraft.
Die Realität für die meisten von uns ist, dass wir im evolutionär geprägten Muster unserer Hirnchemie gefangen sind oder zumindest glauben, dass wir es sind. Entwicklungsgeschichtlich sinnvoll, ist der Verstand des Menschen derart strukturiert, dass er jeder neuen Situation, dem Leben an sich, mit der Enzyklopädie der gemachten Erfahrungen unter dem Arm begegnet. Wir können auch sagen, er trägt eine Brille, deren Gläser von der eigenen Biografie geschliffen sind. Also betrachten wir die Welt und das Hier und Jetzt mit einer Stirnlampe, wie sie Bergleute haben: was habe ich bisher gelernt, wo ist die Gefahr, worauf muss ich achten? Wie hat xy in der Vergangenheit reagiert, welcher Pfad ist der bekannte, was hat mir in der Vergangenheit geholfen? Das ist, wie gesagt, evolutionär betrachtet, sinnvoll. Zu wissen, wie ich mich vor dem angreifenden Löwen schütze oder am schnellsten die Flucht ergreife, ist gut. Vorausschauendes Denken ist auch im Autoverkehr sehr hilfreich. In der Psychologie und Psychotherapie ist das sogenannte mind mapping inzwischen ein wichtiges Konzept: sich in andere hinein versetzen und wissen, was der andere denkt und fühlt, kann in Beziehungen schützen und helfen, den anderen zu verstehen.
Die Sache hat nur einen Haken: abgesehen von der Löwenbegegnung und dem Straßenverkehr, agieren wir auf diese Art und Weise auf der Basis von ERWARTUNGEN. Mit diesen Erwartungen, die wir im Gehirn statistisch aufgrund unserer Erfahrungen berechnet haben, perpetuieren wir allerdings Verhaltensmuster. Undzwar nicht nur unsere eigenen sondern oft auch die unseres Gegenübers.
„Die Erfahrung ist wie eine Laterne im Rücken; sie beleuchtet stets nur das Stück Weg, das wir bereits hinter uns haben.“ (Konfuzius) Und eine Laterne im Rücken wirft logischer Weise einen Schatten auf den Weg vor uns. Wir sehen nicht, was dort alles zu entdecken wäre. Wie gesagt, es ist vernünftig und in unserem Gehirn zunächst so angelegt, dass wir aufgrund unserer Erfahrungen neue Situationen einschätzen und uns entsprechend verhalten. Gleichzeitig ist dieses Prinzip der Grund für sehr viel Leid in unserem Leben und auf unserer Welt.
Warum ist das so? Weil unsere Erwartungen unsere Realität prägen und wir durch unsere innere Haltung das Verhalten von unserem Gegenüber mit beeinflussen. Ich habe dies sehr eindrucksvoll erfahren, als ich vor etwa zwei Jahren eine Reittherapie gemacht habe. Anfangs begegnet ich dem Pferd, mit dem ich arbeiten sollte, mit großer Scheu und ängstlich. Ramses reagierte entsprechend. Als geschultes, geduldiges Pferd orientierte er sich am anwesenden Therapeuten und blieb verhältnismäßig ruhig, aber er spiegelte meine Angst deutlich, indem er immer wieder entweder provokant auf mich zuging oder sich schnell zurück zog und desinteressiert seiner Wege ging. Je mehr ich ihm vertraute, desto mehr vertraute er mir. Nachdem er mehrfach die Erfahrung gemacht hatte, dass ich keine Bedrohung darstellte und er von mir etwas zu Fressen bekommt, kam er zu Beginn der Stunde gleich an den Rand der Koppel getrabt. Wir hatten eine Arbeitsbasis aufgebaut.
Leider verläuft das Leben in der Regel nicht im geschützten therapeutischen Rahmen und oft haben wir nicht die Gelegenheit, Vertrauen aufzubauen. Nehmen wir zum Beispiel ein Grundschulkind, dass neu in eine Klasse kommt. Nehmen wir weiterhin an, es hat im Kindergarten schlechte Erfahrungen gemacht, denn es ist wegen seiner Brille und der seltsamen Kleidung wegen gehänselt worden. Wahrscheinlich wird es am ersten Schultag vorsichtig und ängstlich in die Schulklasse gehen und erwarten, dass es genauso behandelt wird wie zuvor im Kindergarten. Aus dieser Erwartungshaltung heraus hat es wahrscheinlich eine entweder aggressiv-ablehnende Haltung entwickelt oder aber eine übertrieben freundliche, unterwürfige Haltung oder beides. Die perfekten Voraussetzungen, ein Mobbingopfer zu werden. Da Menschen sind, wie sie sind, wird dem Kind in der Gruppendynamik die entsprechende Rolle zugewiesen und die Grundlage für sich repetierende Erfahrungen ist gelegt.
Das gleiche Prinzip erklärt natürlich auch, warum Menschen, die eine vergleichsweise schmerzfreie Kindheit hatten, in der Regel im weiteren Verlauf ihres Lebens eher positive Erfahrungen machen. Natürlich ist dies eine vereinfachte Darstellung, denn es spielen viele Faktoren eine Rolle, warum wir im Leben wie aufgestellt sind und die meisten von uns haben, Gott sei Dank auch nicht ausschließlich schlechte Erfahrungen in ihrer Kindheit gemacht. Doch dass unsere innere Haltung, unser vorhandenes oder nicht vorhandenes Vertrauen eine zentrale Rolle in der Lebensgestaltung spielt, daran gibt es keinen Zweifel. Wer nicht vertraut, kämpft in der Regel (unbewusst) oder flieht. Wer kämpft, kreiert sich Kampf im Umfeld und wer flieht, ist einsam und wird sich eher selten seine Wünsche erfüllen können.
Aber Merle, denkt Ihr jetzt vielleicht, wenn das biologisch in unserem Gehirn so verankert ist, wie sollen wir das dann ändern? Die gute Nachricht ist: es gibt Neuroplastizität, das heißt, unser Gehirn lernt ein Leben lang, aufgebaute Verknüpfungen und Strukturen im Gehirn sind veränderbar. Dazu ist es notwendig, neue Erfahrungen zu machen und das gelingt mit einem Konzept aus der Meditation bzw. dem Zen-Buddhismus, das auch in der inzwischen weit bekannten Achtsamkeitspraxis eine wichtige Säule ist: Shoshin, oder der Anfängergeist. Darunter verstehen wir eine Offenheit und das Fehlen jeglicher Annahmen über etwas oder jemanden und die Bereitschaft, die Situation, den Menschen, ein Objekt, vorurteilsfrei wahrzunehmen. In der Meditation bezieht sich diese Haltung besonders auch auf das, was wir in uns selbst wahrnehmen, um so zu einem freien Geist zu gelangen.
Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass die regelmäßige Einübung dieser Haltung sehr lohnenswert ist. Weil sie uns zum Loslassen von Bewertungen führt undzwar vor allem auch der Bewertung dessen, was wir fühlen. Und je wertfreier ich meine Gefühle beobachten kann, desto besser geht es mir. Sie führt aber auch zu einer Offenheit, die das Leben schlicht einfacher macht. Auf die Spitze getrieben wird diese Wahrheit in der bekannten Geschichte vom Mann, der sich einen Hammer vom Nachbarn leihen möchte. Er ist so gefangen in seinen Erwartungen und Ängsten vor Ablehnung und Komplikationen und grübelt so lange über das Ausleihen nach, dass er am Ende beim Nachbarn klingelt und ihm entgegen ruft: „Dann behalten Sie doch ihren dämlichen Hammer!“ So wird das nichts mit der freundlichen Nachbarschaft und Kooperation. (Es sei denn, der Nachbar ist Therapeut, sehr gut im mind mapping und sehr mitfühlend, aber das ist eine eher theoretische Annahme ;-).)
Es ist nicht jedermanns Sache zu meditieren und sich regelmäßig und mehrmals am Tag Zeit zu nehmen für das Innenleben. Das ist sehr verständlich und ich habe auch meine Widerstände gegen diese Übung. Ich versuche, diese zu akzeptieren und merke, es hilft schon, mich mehrmals am Tag daran zu erinnern, bewusst ein paar Atemzüge zu nehmen, mich anzuschauen und zu sagen: „Aha, so fühle ich mich jetzt, so fühlt sich das an, wenn ich verärgert/gestresst/wütend… bin.“ Wer sich auf den Weg macht wird merken, dass das Bedürfnis nach dieser Praxis des Innehaltens und sich Anschauens wächst. Das Wunder, das dabei passiert, ist: ich vertraue mir selbst immer mehr. Was eigentlich kein Wunder ist, denn was ich kenne, dem kann ich leichter vertrauen. Je mehr ich mich selbst erkenne und weiß, wie ich ticke, desto besser kann ich mich auf mich einlassen. Ich nenne es dennoch Wunder, weil es immer noch Experten gibt, die behaupten, wer am Anfang des Lebens kein (Ur-)Vertrauen mitbekommen hat, wird es nie mehr erlangen. Das ist schlicht falsch. Vertrauen ist eine Entscheidung und trainierbar. Und wenn jeder Aspekt in mir schreit, dass er nicht vertraut: ich, als die, die atmet, entscheide mich für Vertrauen.
Nun gibt es Studien, die zeigen, dass Menschen, die eher pessimistisch durchs Leben gehen, erfolgreicher (gemessen am Einkommen bei Selbständigen) sind, gesünder im Alter, mit sich schneller im Reinen nach Misserfolgen. Die vorhandene Skepsis vor dem was kommen möge, scheint dazu zu führen, dass Menschen, die das Glas eher halb leer als halb voll sehen, besser Vorsorge treffen, vorsichtiger agieren und bei nicht erfüllten hohen Erwartungen nicht so enttäuscht sind. Pessimismus schützt vor Enttäuschung und kann eine kluge Lebensstrategie sein. Allerdings erfordert sie viel Arbeit, Energie und niemand weiß, ob die Dinge, vor denen ich mich durch Vorsorge schützen möchte, überhaupt eingetreten wären. Eine Freundin von mir sagte mal den klugen Satz, dass sie lieber optimistisch und im Vertrauen durchs Leben geht und dabei Freude am Leben hat als ständig ängstlich und pessimistisch zu sein, es mache keinen Sinn, schon vor einer erwarteten Enttäuschung zu leiden, das könne sie dann ja immer noch. Wie wahr!
Ich denke, der Debatte Optimismus versus Pessimismus ist ein wichtiger Punkt hinzuzufügen: beide Positionen gehen wieder von Erwartungen aus und es geht ja genau darum, nicht zu erwarten sondern zu vertrauen. Um wieder ein Beispiel aus meinem Leben zu bemühen: auf meiner Suche nach einer Wohnung gehe ich nicht davon aus, dass ich eine 3-Zimmer Altbauwohnung in meinem Traumviertel zum Spottpreis bekomme, sondern ich vertraue darauf, dass ich eine Wohnung bekommen werde, in der ich mich wohl fühle und die für mich genau richtig ist. Wobei es eine Stimme in mir gibt, die sagt, dass ich mich damit auch schon wieder limitiere. Wäre ich frei genug und könnte die Erwartungen über die „Realität“ des Wohnungsmarktes hinter mir lassen, würde ich auch die Traumwohnung bekommen. An dem Punkt übe ich noch, ich habe mich mit mir darauf geeinigt, diese Variante zumindest nicht auszuschließen.
Anders formuliert: solange ich Ängste habe und noch nicht vollends darauf vertraue, dass ich mir alles in mein Leben einladen kann, was ich mir wünsche und was meiner Natur entspricht, nämlich aus dem Vollen zu schöpfen, solange ist es sinnvoll, Vorkehrungen zu treffen. Die Vorstellung, dass mir alles zusteht, was das Leben an Fülle zu bieten hat, dass ich die Fähigkeit besitze, mir mühelos Reichtum zu kreieren, ist so unerhört, dass mein Verstand sofort widerspricht. Da ist zum einen der Wohnungsmarkt und den kenne ich ja – da ist zum anderen die Angst, bitter enttäuscht zu werden und nicht früh genug eine neue Bleibe zu haben, wenn ich nichts entsprechendes tue. So bin ich gestrickt und das ist in Ordnung. Ich bin mir aber auch bewusst, dass das menschengemachte Begrenzungen sind auf der Basis von Glaubenssätzen die ich durch Erfahrungen gebildet oder von meinen Eltern übernommen habe. Erfahrung macht klug, heißt es. Nunja. Ich bin mehr und mehr davon überzeugt, dass die Orientierung an der Vergangenheit mir die großartigen Potentiale der Zukunft verbaut.
In noch anderen Worten: auch wenn ich deutlich spüren kann, dass das Leben mir so viel mehr zu bieten hat und dass auch die 3-Zimmer Altbauwohnung zum Spottpreis möglich ist, akzeptiere ich meine Ängste und dass ich mir selbst noch nicht komplett vertraue. Denn was, wenn es nicht klappt. Kann ich mit Scheitern umgehen? Was, wenn ich vertrauensvoll auf den Löwen zugehe und er mich dann doch frisst? Ich behaupte, wer komplett integriert ist, kann ohne Lebensgefahr auf den Löwen zugehen. Da ich es noch nicht bin, werde ich Vorkehrungen treffen. Aber ich werde auch Stück für Stück loslassen, mir meine Ängste ansehen und hoffentlich irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft so sehr vertrauen, dass der Löwe mich entweder ignoriert oder wir Freundschaft schließen.
Das ist das Paradox: je mehr ich mir liebevoll mein Menschsein erlauben kann, desto größer und stärker wird mein göttliches Schöpferpotential bzw. desto mehr spüre ich es. Unsere ursprüngliche Natur ist frei, opulent, kreativ… die Blume in uns will wachsen und sich ausbreiten. Das zu spüren und gleichzeitig die eigenen Ängste und Widerstände zu erkennen und annehmen zu müssen kann sehr frustrierend sein und macht mich teils sehr ungeduldig. Doch ich vertraue darauf, dass ich genau da bin, wo es gut für mich ist und ich weiß, dass Vertrauen sehr vernünftig ist, auch wenn meine Vernunft widerspricht.
Denn egal, wie weit ich es mit meinem Schöpferpotential treiben will und auch wenn ich nicht daran glaube, dass ich meine Realität selbst erschaffe: wenn ich Veränderung will, macht Vertrauen mehr Sinn als nicht zu vertrauen. Wenn ich Veränderung will, ist es unvernünftig, mich an der Vergangenheit zu orientieren. Wenn ich angenehme Erfahrungen in meinem Leben möchte statt schmerzhafte, wie kann mir dann das Festhalten am Schmerz helfen? Wenn ich reiten lernen will, hilft es mir nicht, mich ans Abstrampeln auf dem Fahrrad zu erinnern. Wenn ich eine Konfliktdynamik mit einem Freund ändern möchte, hilft es nicht, mit der Erwartung eines erneuten Streits ins Gespräch zu gehen und defensiv zu sein.
Unsere Erinnerungen sind nicht objektiv und unsere Erwartungen nur begrenzt vernünftig. Zu Vertrauen wider der Vernunft, (die mir sagt, ich müsse mich schützen und verhindern, dass wieder Mist passiert,) ist vernünftig, weil es neue Wege eröffnet und mich frei macht. Die Lampe der Erfahrung im Rücken zu dimmen und das Licht des Anfängergeistes leuchten zu lassen, eröffnet völlig neue Möglichkeiten.
Man könnte sagen, Vertrauen ist eine höhere Vernunft als die Vernunft des Statistikers in uns. Und obwohl ich auch einen Aspekt habe, der grundsätzlich immer vom Schlimmsten ausgeht, weiß ich, Vertrauen macht mehr Sinn. Und dann atme ich mit der Angst und dem Zweifel und dem Misstrauen und bin für mich da. So gut es geht.
Was immer Ihr tut, vergesst das Atmen nicht!
Merle