Der innere Kritiker

Jeder kennt ihn, jeder hat einen, alle, die ich kenne, sind von ihm genervt und da ist er trotzdem: der innere Kritiker. Meist arbeitet er eng mit dem inneren Schweinehund zusammen, aber nicht immer. Im kreativen Prozess schaltet er sich gerne ein, weil sein Rennrad, der Drang zum Perfektionismus, dann noch schneller fährt als sonst. Deshalb kann Kreativität auch Angst machen und der Drang, aktiv zu werden, blockiert sein – wer lässt sich schon gern am laufenden Band erzählen, wie mies und ungenügend er oder sie ist?

Wenn ich hier vom inneren Kritiker schreibe, dann nicht, um fishing for compliments zu betreiben sondern um Licht ins Dunkel eines Phänomens zu bringen, dass so quälend und schmerzhaft sein kann – und das doch einmal seinen Sinn hatte. Letztlich ist der innere Kritiker ja das ständige Repetieren des Wertesystems unserer ersten Bezugspersonen und dass wir uns die Ge- und Verbote und Beschimpfungen zu eigen machten, diente der eigenen Anpassung an ein Umfeld, auf das wir als Kind angewiesen waren. Es ist eine Anpassungsleistung, die dem Überleben diente, die nur, wenn wir dann mal flügge und eigenständig sind, meist eher ungünstig wirkt.

Denn der innere Kritiker verhindert leider oft, dass wir unser Potential leben, dass wir unsere eigene Größe und Schönheit erkennen und leben und hält uns oft in – inneren wie äußeren – Umständen, die ungut für uns sind, aber wir glauben uns selbst oft nicht, dass wir etwas ändern könnten. (Ich schreibe „wir“ weil ich das Phänomen bei so vielen Menschen sehe, aber grundsätzlich schreibe ich wie immer natürlich hauptsächlich über mich und möchte niemandem etwas unterjubeln.)

Bis vor kurzem bin ich noch ziemlich verzweifelt und wütend über diese innere Abwertungsmaschine gewesen – ich würde auch lügen, behauptete ich, dass sei gänzlich vorbei. Aber. Ich spüre langsam, dass es ein Trugschluss ist, hier eine Lösung finden zu wollen. Zu diskutieren, zu verhandeln, etwas zu finden, damit das endlich aufhört. Wenn mein innerer Kritiker auf Hochtouren läuft, habe ich oft das Bild eines inneren Gemetzels vor mir und denke: Oh. Mein. Gott. Hilfe. Ich muss was tun!!!! Oft genug falle ich dann auch in mehr oder weniger blinden Aktionismus und auch das ist ja nicht völlig verkehrt, diese Kraft will ja auch raus… Was aber langfristig sinnvoller ist, ist das Da Sein Lassen. Keine Lösung suchen, nicht ins Geschehen eingreifen und damit den inneren Krieg ihn die Länge ziehen, WENN ES MÖGLICH IST auch nicht fliehen sondern beobachten.

Wenn es möglich ist. Das ist ein, in meinen Augen, ganz entscheidender Zusatz. Eine der wichtigsten Zutaten bei Achtsamkeitsübungen, die sich mit stark wertenden, kraftvollen bis aggressiven inneren Anteilen beschäftigen. So sinnvoll alle unsere inneren Anteile einmal waren, können sie uns irgendwann das Leben richtig schwer machen, deshalb entwickelt der Mensch im weiteren Verlauf des Lebens neue Aspekte, um damit besser umzugehen, sei es Verdrängen, Sublimieren oder was auch immer. Und auch das darf sein. Achtsamkeitslehrer, die darauf bestehen, dass für alle inneren Anteile zu jedem Zeitpunkt das gleiche Mitgefühl aufgebracht werden soll, haben nicht verstanden, dass dafür bereits eine stabile, gesunde Selbst-Basis vorhanden sein muss. Ansonsten verschlimmert sich der innere Kampf und man geht unter Umständen zumindest zeitweise unter. Und wo wäre ich ohne die Wut auf den inneren Kritiker? Natürlich ist die auch wichtig!

Aspekte integrieren ist wie Zwiebel schneiden: man arbeitet sich unter vielen Tränen durch die Schichten.

Als ich noch Studentin war, wollte ich gern in einer großen humanitären Organisation die Welt verbessern. Ich studierte im Nebenfach Politik, machte ein Praktikum bei der UN in Genf und war voller Idealismus. Der nahm nicht nur im Lauf des Praktikums schnell ab sondern je älter ich wurde, desto klarer wurde mir: wenn ich Frieden will, muss, kann und darf ich bei mir selbst anfangen. Heute bin ich davon überzeugt, dass es richtig gut war, mich nicht für eine Causa im Außen aufgearbeitet zu haben sondern mich dem inneren Schauplatz zu widmen, den inneren Weg zu gehen, wie man im Tai Chi sagt. Es muss, kann und darf immer viele Menschen geben, die sich für eine bessere Welt engagieren. Nur kam mir neulich der Gedanke, wenn wir uns alle etwas mehr um die inneren Kriegsspiele kümmerten, wäre die Welt vielleicht auch schon ein besserer Ort.

Herzlich,

Merle

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