Als ich jung war, war ich Gefühl. Ich analysierte nicht, ich identifizierte mich mit dem, was ich fühlte und war oft fast überwältigt von der schieren Wucht meiner Gefühle. Dann stand meine erste große Lebensentscheidung an, nämlich, was möchte ich studieren und zu einem gefühlten soul searching kam der Verstand mehr in den Vordergrund, als ich es für die Zeit davor erinnern kann. Ich grübelte, analysierte, las, sprach mit Berufsgruppenvertretern – ich wußte einfach nicht, was für mich das richtige sein sollte und hatte Angst, mich allein auf mein Gefühl zu verlassen. Am Ende wurde es doch eine Bauch-Herz-Entscheidung, bei der der Verstand allerdings auch eine große Rolle spielte, in dem Sinne, dass ich anfing zu planen und strategisch zu denken, wie ich mit meinem Orchideenfach (Ethnologie) doch einen Fuß auf die Erde bekommen könnte. Das Studium war eine wunderbare Zeit, denn ich beschäftigte mich mit dem, was ich liebte und was mich faszinierte, doch es schulte vor allem meinen Intellekt. Analyse, Hermeneutik, Argumentieren, Beschreiben und Hypothesenbildung – eben alles, was zu einer Geistes- und Sozialwissenschaft dazu gehört, wurden mein Handwerkszeug und ohne dass es mir bewusst war, wurden dies auch mehr und mehr meine Alltags- und Lebenswerkzeuge.
Spätestens, als es darum ging, wie ich meinen Lebensunterhalt langfristig verdienen muss, übernahm der „Verstand“ die Hauptrolle und ich wurde, was man gerne „erwachsen“ nennt. Verantwortung, Aufgaben, Pflichten, Funktionieren, Durchstarten und vieles mehr, was ich eher mit Ratio und Verstand assoziiere, wurden immer Raum einnehmender. Und ohne, dass ich es merkte, bestimmten rationale Entscheidungen meinen Alltag, wo früher einmal hauptsächlich Gefühl war. Es ist also kaum verwunderlich, dass so ca. ab der Mitte meines Lebens meine Gefühle sich mit ziemlicher Wucht zurück meldeten und sagten: hoppla, wir sind auch noch da und willst Du wirklich den Rest Deines Lebens so gestalten und walten? Und der Witz ist: jetzt lerne ich seit einer ganzen Weile neu mit mir und meinen Gefühlen umzugehen.
Der Verstand ist ein wunderbares Etwas. Wir können Auto fahren – und Autos bauen! Wir können Noten zur Musik aufschreiben und andere können sie lesen und die Musik reproduzieren. Ohne den Verstand gäbe es keine Stereoanlagen, Bauwerke, Bücher und und und. Aber wenn es um unser ganzheitliches Wohlbefinden geht, sind Gefühle nunmal oft wichtiger und wenn es darum geht, zu wachsen und zu sich selbst zu kommen, ist Fühlen an der Reihe, nicht denken oder analysieren. Besonders, wenn ich einen inneren Konflikt wahrnehme, also spüre, dann falle ich immer wieder gerne in die Falle des Durchdenkens und beleuchte das Problem von allen Seiten mit dem Verstand. Bis ich mich wieder erinnere: Moment mal, da war doch was, ach ja richtig, fühlen!
Wie fühlt sich das an? Es ist so erstaunlich, wie (nach meiner Erfahrung) wenige Menschen ihre Gefühle beschreiben können. Wo im Körper sitzt es? Ist es eng oder weit, hell oder dunkel, hat es eine Farbe oder Form? Ist es kalt oder warm oder lau? Wenn ich auf dieser Ebene mit meinem Gefühlen umgehe, kommt in der Regel früher oder später für jedes Thema eine Lösung oder ein Thema löst sich. Fest sitzende Gefühle (Schmerz oder Trauer zum Beispiel) scheren sich, pardon, einen Dreck, was mein Verstand dazu sagt. Von ihm ist da keine oder wenig Erleichterung zu erwarten. Sich z.B. mit dem Verstand zu sagen, das ist jetzt aber albern, dass ich darüber immer noch weinen muss, ist eher kontraproduktiv. Davon wird’s nicht nachhaltig besser.
Natürlich ist der Verstand gut, wenn es um Impuls- und Triebkontrolle geht (wobei hier das Herz und Mitgefühl nicht zu unterschätzen sind!), um das Erfassen von Situationen, darum, Entscheidungen treffen zu müssen. Unser Wissen und unser Gedächtnis helfen uns auf so viele Arten und Weisen, das Leben zu meistern. Man stelle sich zum Beispiel vor, der Weg zur Arbeit würde sich jeden Tag wie neu anfühlen! Und doch ist spätestens genau da, wo wir nicht im Fluss sind, wo Gefühle feststecken, wo wir Unangenehmes spüren, das Fühlen oft wichtiger als das Verstehen mit dem Verstand.
Ich möchte weder das eine noch das andere missen! Aber ich möchte wieder mehr auf mein Gefühl hören, öfter lauschen und wahrnehmen, wie fühlt sich das an, was ich da gerade mache. Findet das nur mein Verstand gut oder mein Herz auch? Und was sagt meine Intuition eigentlich dazu?
Ich glaube, es ist sehr weit verbreitet, dass wir im Laufe des Erwachsenwerdens vergessen oder verdrängen, dass Gefühle mindestens genauso wichtig sind, um gut im Leben zu stehen, wie der Verstand. Sich unbewusst dem Gefühl hinzugeben und Gefühle auszuagieren ist auch nicht Sinn und Zweck der Übung, im Idealfall ist alles in der Balance. Der bewusste, kluge und reife Umfang insbesondere mit unseren Grundemotionen ist sicher eine der größten Leistungen, die wir meistern können. Insofern ist das Schulen des Verstandes, das sich aneignen eines eigenen Wertesystems, Bildung und Wissen ungemein wichtig für die eigene Orientierung. Außerdem ist Erkenntnis ein wunderbares Erlebnis. Und doch spüre ich Wehmut, dass ich so lange meine wichtigsten Sensoren und Begleiter vernachlässigt habe. Und dann denke ich wieder: alles hat seine Zeit. Und wenn wir ganz fein hinfühlen, können wir genau spüren: meistens bin ich genau da, wo ich gerade sein soll.
Ich wünsche uns allen also ein gutes Gespür.
Merle