Ich muss leider „nein“ sagen…

oder: die Kunst, damit zu leben, andere zu enttäuschen.

Es ist, finde ich, gar nicht so leicht, anderen eine Absage zu erteilen, insbesondere, wenn das Gegenüber ein sogenannter signifikanter Anderer ist. Auch wenn mein Verstand weiß, dass eine Entscheidung für mich in der Regel keine Entscheidung gegen den Anderen ist – mein Herz und mein inneres Kind finden es nicht schön, jemanden zu enttäuschen. Nein zu sagen, auch wenn ich weiß, dass es am Ende allen damit besser geht.

Ich spreche jetzt nicht von Absagen bei Verabredungen. Da bin ich inzwischen meist gut im Reinen mit mir und in meinem Freundeskreis ist allen klar, dass jeder mal kurzfristig verhindert sein kann, warum auch immer. Je nach Person ist mir das zwar immer noch mehr oder weniger unangenehm, aber das kommt vor und ist nicht so dramatisch.

Ein inneres Drama spielt sich in mir ab, wenn ich jemandem, die mir wichtig ist, in einer wichtigen Sache keine Unterstützung geben kann, weil ich weiß, dass mich das zeitlich oder kräftemäßig überfordern würde. Schlimm ist, dass ich derzeit üben muss, meine Katze nachts konsequent aus dem Schlafzimmer zu sperren, weil sie mich einfach nicht schlafen lässt. Sehr schmerzhaft war es, Beziehungen beenden zu müssen, weil ich merkte, das tut mir nicht gut. Egal, wie groß die Liebe sich anfühlt, das hier tut mir nicht gut und ich weiß, es wird sich langfristig nichts ändern – also muss ich gehen.

Die eigenen Grenzen zu spüren und sie wenn nötig zu schützen bzw. jemandem aufzuzeigen, der ein Anliegen hat, einen (Herzens-) wunsch oder ein Bedürfnis mir gegenüber hat, ist unfassbar schwierig und tut mir körperlich weh. Ich bin froh, dass ich den Schmerz spüre, auch wenn ich die Intensität oft viel zu heftig finde, aber der Schmerz zeigt mir an, ich bin emphatisch, ich bin, auch wenn ich meinen eigenen Willen und Wunsch spüre, in der Lage, mich in den Anderen hinein zu versetzen und kann mir vorstellen, wie es sich anfühlt, dass ein Wunsch nicht erfüllt wird, dass sich jemand vielleicht sogar abgelehnt oder eben ausgeschlossen fühlt.

Und auch wenn ich grundsätzlich möchte, dass jeder sich frei entfalten kann und dass meine Gäste oder Mitbewohner sich frei fühlen und ganz sie selbst sein können – es gibt eben doch Grenzen und meine Freiheit hört da auf, wo die des Anderen anfängt. Also hört auch die Freiheit der Katze auf, wo meine anfängt. Übersetzt heißt das: sie muss lernen, dass sie nicht mehr zu jeder Zeit überall hin kann und auch nicht mehr bei mir im Bett schlafen kann. Ich muss lernen, dass auch Katzen – wie Kinder auch – lernen können, mit sich zu sein, sich mit sich selbst zu beschäftigen und dass ich nicht ständig für das Wohlergehen meiner Mitbewohnerin zuständig bin. Also jedenfalls nicht in der Form, dass ich mir nächtliches Jaulen anhören muss. Selbst wenn ich einfach nur entdeckt hätte, dass ich inzwischen besser schlafe, wenn mein Bett ganz mir gehört, wäre das auch schon Grund genug.

Ich habe als Kind gelernt, dass es immer gilt, die jeweiligen Bedürfnisse in ihrer Wichtigkeit einzuordnen. Komischer Weise (Achtung, Ironie) wurde daraus, dass die Bedürfnisse des Rests der Familie immer wichtiger waren als meine. Das wirklich fatale ist der Irrtum, dem ich, wie viele andere auch, lange aufgesessen bin: ich dachte, es gehe dem anderen besser, ich möchte dem anderen ja was Gutes tun…wenn ich meinen eigenen Wunsch hintenanstelle.

Das mag in Einzelfällen so sein. Beispiel: ich möchte ins Kino, mein Freund ist krank und liegt mit Fieber im Bett. Da breche ich mir keinen Zacken aus der Krone und es ist wahrscheinlich netter für den Kranken, wenn ich dann zu Hause bleibe, ihm auf Wunsch Wadenwickel mache und den Tee ans Bett bringe. Das ist freundschaftliche Fürsorge und wunderbar, wenn es möglich ist, weil es mir selber gut genug geht und ich Zeit und Kraft habe, das zu tun. Ungut wird es, wenn das Zurückstellen der eigenen Bedürfnisse zur Strategie wird um die Angst zu vermeiden, jemand anderen zu enttäuschen. (Wobei es natürlich auch oft so ist, dass wir die Enttäuschung in den anderen hinein projizieren, wir unterschätzen vielleicht die Gelassenheit des Anderen. Ich spreche hier und heute jedoch über die Fälle, in denen offensichtlich ist, dass mein Gegenüber mit meinem Nein zunächst ein Problem hat.)

Dabei gehört das zum Leben und auch zu Beziehungen und Freundschaften dazu. Dass zwei oder gar mehrere so im Takt schwingen, dass es keine unterschiedlichen Richtungen und Tendenzen gibt, halte ich für eine Ausnahme. Und daher ist es ungesund, undzwar für alle Beteiligten, wenn jemand nicht für sich und die eigenen Grenzen, Wünsche und Bedürfnisse einsteht. Denn das kann auf Dauer nur Groll und Wut erzeugen undzwar auf beiden Seiten! Der eine pflegt seinen Groll, weil er nie bekommt, was er will, der andere ist wütend, weil er nie genau weiß, was der andere will und ständig das Gefühl hat, auf die Bedürfnisse des anderen ungefragt Rücksicht nehmen zu müssen.

Wenn ich weiß, meine Freunde sagen im Zweifelsfall nein, kann ich viel entspannter und vertrauensvoller kommunizieren, was ich möchte. Das gilt natürlich in beide Richtungen. Deshalb ist klare Kommunikation und eine klare Haltung so wichtig. Wichtig finde ich vor allem beim Nein-Sagen zu üben, dies freundlich aber bestimmt zu tun. Das gelingt mir noch nicht so gut in vielen Fällen, ich bin eher bestimmt als freundlich, aber ich bleibe dran. Mit Menschen jedenfalls kann ich oft über eine mögliche Enttäuschung sprechen, kann mich erklären (nicht rechtfertigen) und kann signalisieren, dass es mir leid tut, den Wunsch des anderen nicht erfüllen zu können, was nicht immer, aber oft die Enttäuschung auf der anderen Seite schon schmälert.

Teilen, sich kümmern, umsorgen, beisammen sein… das ist alles wunderschön. Aber ohne das rechte Maß und das immer wieder in den eigenen Raum zurückkehren und gucken: was brauche ich jetzt, damit es mir gut geht, ohne das wird Offenheit zu mangelnder Selbstfürsorge und Großzügigkeit zu Respektlosigkeit mir selbst gegenüber.

Es gehört zur Integrationsleistung wenn wir uns auf den Weg zu uns selbst machen dazu, den Schmerz zu spüren, zu erkennen und da sein zu lassen und in dem Moment zu entscheiden, wo und wie möchte ich jetzt sein, was möchte ich geben, was annehmen? Und sich immer wieder klar zu machen: niemandem ist geholfen, wenn ich über meine Grenzen gehe um jemand anderem zu helfen und/oder vermeintlich Schmerz zu nehmen. Am Beispiel der Katze: wahrscheinlich ist sie erstmal sauer oder vielleicht sogar verängstigt, wenn ich mein Verhalten ändere und sie nachts aussperre oder wenn ich in Ruhe an etwas arbeiten möchte. Orientiere ich mich daran, komme ich zu wenig zu meinem eigenem Kram und viel schlimmer, ich bekomme nicht den ungestörten Schlaf, den ich brauche. Das führt mit der Zeit zu immer mehr Stress auf meiner Seite, der sich wiederum auf meine Katze überträgt was sie wiederum zu mehr Gejammer anregt… ad infinitum. Insofern ich nicht Verantwortung übernehme, nein sage und Grenzen setze. Es ist der größere Liebesbeweis für uns beide, dass ich lerne, mit dem daraus (noch) resultierendem Schmerz umzugehen und Selbstfürsorge zu betreiben, anstatt weiter eine Stressspirale zu befeuern.

Das klingt in der Theorie natürlich toll und ich bin momentan optimistisch, hier konsequenter zu sein, als ich es in der Vergangenheit war. Was, denke ich, in einem Leben, mit verschiedenen Menschen in verschiedenen Situationen, immer wieder schwierig sein wird, ist das abwägen und erspüren, was für mich im jeweiligen Augenblick stimmig ist. Wir ändern uns, Umstände ändern sich, so sind wir auch gezwungen, flexibel zu bleiben und uns immer wieder daran zu erinnern: nichts ist in Stein gemeißelt.

Und so übe ich mich derzeit in Dankbarkeit, dass mir meine fellige Mitbewohnerin die Chance gibt, mit ihr zu üben, nein zu sagen, meine Bedürfnisse genauso wichtig zu finden wie ihre – wenn nicht – Himmel bewahre – sogar zum Teil wichtiger (sic!) und ich bin gespannt, wie sich das mit uns hier entwickelt. Wir sind beide nicht mehr die jüngsten und so staune und erfreue ich mich an der Erkenntnis, dass sich auch nach so langer gemeinsamer Zeit unsere Beziehung entwickelt.

Und so wünsche ich uns allen ein gutes Gespür, auch fürs nein sagen.

Merle

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