Unverkäuflich

Eigentlich sind wir alle irgendwie käuflich, ob wir es wollen oder nicht, weil wir alle in irgendwelchen Abhängigkeiten stecken, Bindungen eingehen, Wünsche und Bedürfnisse nicht immer bedingungslos erfüllt werden können und weil wir in der Regel jeden Tag irgendwelche Ziele verfolgen und jede Entscheidung einen Preis kostet: nämlich mindestens die verworfene Option, das zu einem Zeitpunkt x nicht genutzte Potential. Die Frage ist immer, wie hoch ist der Preis, an wen zahle ich und ist es mir das wert?

Wenn ich darüber nachdenke, wie unfrei wir in diesem Leben sind, könnte mir schlecht werden. Da sind so viele „Müssens“ und Notwendigkeiten, so viel grundlegende Rahmenbedingungen, die ich auch schlecht ändern kann. Der Lebensunterhalt, der gesichert werden will, die Bürokratie, Regeln und Gesetze des Staates, in dem ich lebe, die Wünsche, Erwartungen und Bedürfnisse meiner Mitmenschen, die nahen und die fernen, das liebe Geld im Allgemeinen und Besonderen… die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Wo bleibe denn da Ich? Meine Werte? Meine eigenen Ideale und Maßstäbe?

Und es wäre jetzt leicht, über das System zu jammern und über die – definitiv vorhandene – ungerechte Verteilung von Geld und anderen Ressourcen. Geld macht in vielerlei Hinsicht frei und ich würde nicht meckern, hätte ich mehr davon. Doch mich beschleicht in letzter Zeit immer öfter das Gefühl, dass die Unfreiheit, über die wir uns so gern so oft beschweren eine conditio sine qua non der menschlichen Existenz ist: Ich kann nicht alles auf einmal haben und ich bin nicht allein auf der Welt. Das menschliche Sein ist ein stetiges Verhandeln und Aushandeln von Möglichkeiten, Handlungsalternativen und Notwendigkeiten.

Es gibt zum Beispiel auf gesellschaftlicher Ebene viele Kompromisse, die wir machen müssen, oder auch viele Entscheidungen in der Arbeitswelt, die nicht unserem inneren Wertesystem entsprechen, die wir aber aus Gründen der Vernunft, Machbarkeit und Rentabilität doch treffen – denn wer möchte schon als Vollkoffer gesehen werden, der immer gegen den Strom schwimmt und das vielleicht nach Herz und Moral angemessene tut, während die Firmenleitlinien aber Wachstum vorschreiben?

Ich war lange und gerne immer ein bisschen unbequem in meinem früheren Job, aber nie so unbequem, wie ich eigentlich hätte sein wollen und wie es meinem inneren Maßstab entsprochen hätte. Auch ich wollte meinen Job gut machen, hatte irgendwann keine Kraft mehr, mich ständig mit Vorgesetzten anzulegen und lustig ist es ohnehin nicht, wenn man als Außenseiter gilt. Seinen Prinzipien treu zu bleiben ist ehrenhaft, aber kann ich mir das immer leisten? Die Entscheidung wurde mir in meinem Job irgendwann durch völlig veränderte Umstände aus der Hand genommen und heute habe ich das Problem nicht mehr. Ich kann jetzt zum Beispiel völlig frei meiner Kunst nachgehen, kann malen und zeichnen, wie es mir gefällt und muss mich nicht an Vorgaben, Kundenwünsche oder Gruppenzwänge halten, weil ich nicht existentiell davon abhängig bin. Diese Tatsache macht mich ungemein glücklich. Meine Bilder sind völlig frei entstanden und ich kann mir auch den Luxus leisten zu sagen: dieses Bild oder jenes liegt mir so am Herzen, es ist schlicht unverkäuflich.

Ich wäre gerne vollständig unverkäuflich, aber ich bin es nicht und wer mir sagt, er halte sich stets immer treu an seine Prinzipien, er sei so unabhängig, dass er nur tue, was er für richtig hält, dem stehe ich misstrauisch gegenüber. Und ich weiß auch nicht, wo da dann das Mitgefühl bleibt. Denn eigentlich bin ich schon käuflich, wenn ich mal einen Monat lang keine Bio-produkte kaufe, weil ich keine Lust auf Verzicht hatte und Bio mir zu teuer war. Ich bin auch käuflich, wenn ich mich immer wieder auf politische Diskussionen mit einer Freundin einlasse, obwohl ich keine Lust dazu habe, aber irgendwie doch auch eine kleine Missionarin in mir habe. Ich bin käuflich, wenn ich mich wieder mal um des lieben Friedens willen nicht beim zu lauten Nachbarn beschwere. Ich bin immer dann käuflich, wenn ich unehrlich zu mir oder anderen bin, weil die Wahrheit vielleicht Angst macht, unbequem ist, zu Konflikten führen könnte, mich Zeit kosten würde oder Nerven oder beides.

Ich bin immer ehrlich. Ich kaufe immer bio. Ich stehe immer zu meinen Grundsätzen. Ich lasse mich nie auf etwas ein, das mir nicht gut tut. Ich lebe total gesund…. Ach echt? Glückwunsch!

Ich lebe ja lieber menschlich und mit Humor. Ja, es ist wichtig und notwendig, dass es einen inneren Kompass gibt, einen inneren Maßstab, nachdem ich mit mir selber aushandle, an welchen Werten und Kriterien ich mich jetzt in diesem Moment orientieren möchte. Denn das Leben ist eine Aneinanderreihung von Momenten und keiner gleicht dem anderen. Rückgrat und Prinzipientreue sind toll, ich würde sagen, unverzichtbar und in manchen Situationen überlebenswichtig, im Zweifel nicht nur für einen sondern für Viele. Doch es gibt eben auch menschliche Schwächen und ich bin nicht in jedem Moment meines Lebens ein Held der Unbeugsamkeit. Ich finde es erstrebenswert, so ehrlich und transparent wie möglich zu sein und zu mir selbst zu stehen. Doch da fängt es ja schon an: ich selbst – wie oft sagen mein Herz, mein Bauch und mein Kopf jeweils ganz unterschiedliche Dinge? Und kann es dann nicht nur darum gehen, etwas in mir auszuhandeln, was für alle inneren Instanzen stimmig ist? Und wie oft habe ich nicht die Zeit oder die Möglichkeit, mit mir an den Verhandlungstisch zu gehen – dann muss ich „aus dem Bauch“ entscheiden und stelle vielleicht hinterher fest, da hab ich aber einen Bock geschossen?

Insofern: bestimmte innere Maßstäbe und Werte sind für mich unverkäuflich, wie zum Beispiel die Würde des Menschen. Ich glaube auch, dass es Leitlinien gibt, an die wir uns alle halten sollten, das Grundgesetz ist hier finde ich ein guter Anhaltspunkt. Ich plädiere auch für mehr Ehrlichkeit und Transparenz und die tatsächliche Anwendung des Grundsatzes „Die Würde des Menschen und des Tiers ist unantastbar“ in einem viel größeren Ausmaß, als das bisher der Fall ist. Denn was heißt denn Würde: die Unversehrtheit von Leib und Leben mindestens, ich würde aber auch das Behandeln mit Respekt und Mitgefühl auf Augenhöhe einschließen wollen. Ohne diese Grundlage geht es meines Erachtens nicht.

Und je länger ich über das Thema sinniere umso klarer wird mir, wie wichtig es ist, die Konsequenzen des eigenen Handelns und deren Reichweite kennen und ermessen zu können. Denn natürlich macht es einen Unterschied, ob ich dem lästigen Nachbarn nicht Bescheid sage oder ob ich in einer Diktatur lebe und dort für politische Selbstbestimmung kämpfe.

Auf die Spanne eines durchschnittlichen Lebens in einer vergleichsweise freien Gesellschaft wie in der BRD betrachtet, plädiere ich jedenfalls für Mitgefühl und ein Augenzwinkern, wenn es mal wieder nicht geklappt hat mit der Prinzipientreue beim Einkauf oder dem aufgezwungen Tratsch im Treppenhaus. Es ist ja ein bisschen so wie bei einer Diät: je strenger die Regeln und der Verzicht, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass ich nicht durchhalte und der Jojoeffekt so richtig zuschlägt.

Und damit wünsche ich uns allen ein gutes Gespür für das, was für uns selbst stimmig ist!

Merle

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