Beleidigt sein

Ich finde ja, beleidigt sein hat zu Unrecht einen so schlechten Ruf. Wer von uns ist nicht als Kind „beleidigte Leberwurst“ gerufen worden? Wer denkt sich nicht oft über sich selbst, ach Mensch, da kann ich jetzt aber mal schneller über meinen Schatten springen! Beleidigte Menschen werden gemeinhin belächelt, gelten als kindisch und unsachlich und meist kommt mit der Beschreibung als „beleidigt“ eine leicht verächtliche Arroganz daher. Ich kenne das von mir selbst, ich schließe mich da nicht aus. Ich möchte auch keinen beleidigten Politiker an wichtigen Entscheidungshebeln, schon gar nicht in Konfliktsituationen, wissen. Oder die Vorstellung, dass pädagogisches Fachpersonal seiner Erziehungsaufgabe im beleidigt-Modus nachgeht, finde ich auch eher abschreckend. Auch finde ich es ganz gut, dass es keine Duelle mehr gibt, in denen sich zwei wegen der beleidigten Ehre die Köppe ein- oder sonstwas wegschießen.

Aber – und es gäbe diesen Beitrag nicht, gäbe es kein Aber – manchmal und vielleicht öfter als wir es gerne hätten, sind wir angemessener Weise beleidigt, oder fühlen uns so und tuen dann gut daran, uns anzuschauen, welcher Teil von uns denn da gerade Leid empfindet. Denn das sagt ja das Wort eigentlich auch aus: be-leid-igt, also in etwa: mit Leid bedacht. Nun gibt es ja den Denkansatz oder das Menschenbild, dass mir eigentlich keine andere Person Leid zufügen kann, mich nicht verletzen kann, weil das, was ich empfinde, immer nur meine eigenen Themen und Projektionen spiegele. Nunja, spätestens, wenn mich jemand überfällt und zusammenschlägt, wird’s da finde ich schon schwierig, aber wenn wir mal auf der nicht-körperlichen Ebene bleiben: selbst wenn ich anerkenne, dass jede Handlung oder jedes Wort, die jemand ausübt oder sagt und die mich betrifft oder ins Geschehen einschließt, nur etwas in mir auslösen kann, was eh schon als Thema da ist – selbst dann vertrete ich den Standpunkt, dass meine Umwelt bzw andere Menschen Schmerz oder Leid in mir auslösen können. Weil nunmal die wenigsten von uns eine Insel sind und den meisten von uns eben nicht schnurz-piep-egal ist, was andere tun und sagen. Abhängig vom Kontext und je nach Grad der eigenen Abgrenzungsfähigkeit und des Selbstvertrauens, kann uns unser gegenüber, gerade wenn er oder sie uns nahe steht, ganz schön aus dem Konzept bringen und dann tut uns unter Umständen ein fieses Wort oder eine geringschätzige Handlung ganz schön weh. Niemand wird gern ignoriert oder beschimpft oder ähnliches.

Wie wir damit umgehen ist, wenn ich mir so die „Erwachsenen“ anschaue, oft höchst erstaunlich. Nach meiner Wahrnehmung begegnet mir oft eine Haltung, in der solche Verletzungen intellektualisiert, wegdiskutiert oder geleugnet werden. Mit großer Geste wird dann behauptet, das macht doch nichts, ich bin ja nicht so empfindlich. (Empfindlich sein ist auch fast schon ein Schimpfwort.) Oft kommt mir das vor – und auch das kenne ich von mir selbst – als würde man sich, bildlich gesprochen, das Knie bei einem Sturz aufschlagen und dann grinsend aufstehen und weiter gehen, als sei nichts passiert. Alles halb so wild, nix schlimmes. Cool. Später bemerkt man dann den Riss in der Hose, den dumpfen Schmerz im Knie und das fiese Ziehen der aufgerissenen Haut. Wenns gut läuft, kümmere ich mich dann endlich um den schmerzenden Körperteil, mache das Knie sauber und verarzte es – wenns schlecht läuft, ignoriere ich den Schmerz weiter und lasse dafür ungefiltert meine schlechte Laune an anderen aus. Weil irgendwas jammert ja die ganze Zeit. Und das will raus und gesehen werden und wenn ich mich nicht drum kümmere, findet es eben einen anderen Kanal.

Ich bin der festen Überzeugung, dass jeder im Umgang mit anderen eine gewisse Verantwortung hat und diese beinhaltet, den anderen nach bestem Wissen und Gewissen und so gut sie kann nicht weh zu tun. Dass das nicht immer klappt steht außer Frage, die Gründe dafür sind vielfältig. Es gibt zahllose Situationen, in denen ich es nicht allen recht machen kann oder auch aus gutem Grund nicht will und doch bin ich dann verantwortlich für die Konsequenzen. Und dann ist unter Umständen ein: „Es tut mir leid, ich konnte nicht anders, ich sehe, dass das wirklich ungut für Dich war, aber ich habe nach meinen Möglichkeiten gehandelt.“ das Beste, was einem passieren kann und Balsam für eine beleidigte Seele. Das Anerkennen des Leids durch den Auslöser im Außen kann innere Berge versetzen. Und da wir nunmal alle (noch) nicht erleuchtet sind, finde ich eine entsprechende innere Haltung wichtig im Umgang miteinander.

Um mal ein konkretes Beispiel zu nennen: ein sehr guter Freund meldet sich seit Monaten nicht bei mir, trotz meiner Bemühungen, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Durch einen gemeinsamen Freund weiß ich, dass es ihm gut geht, er ist nicht krank, nicht ausgewandert oder verstorben, es sind keine größeren Katastrophen bekannt. Als ich einsehen musste vor einer Weile, Mensch, der ignoriert mich, war ich ziemlich beleidigt und das eine ganze Weile länger. Vor Kurzem kam ich, nachdem ich mich um den Schmerz gekümmert hatte, langsam aus der Starre des beleidigt seins und rief wieder mal an. Nichts. Ich finde es fürchterlich, so nicht-behandelt zu werden aber ich akzeptiere es langsam, nachdem ich den, wie ich finde, völlig angemessenen Schmerz, einigermaßen metabolisiert habe. Hätte ich das nicht, wäre ich noch immer in der Starre. Sehr viel schöner wäre Kommunikation, eine Erklärung. Vielleicht ist ja mein Freund beleidigt, weil ich unwissentlich etwas gesagt oder getan oder unterlassen habe, was ihn verletzt hat. Das wäre gut zu wissen, aber da steh ich nun, ich armer Tor…

Worauf ich hinaus will: es ist wie immer: reden hilft. Und ich weiß, wie schwierig das ist, gerade wenn wir beleidigt sind und wir das Gefühl haben, vom anderen nicht gesehen und ernst genommen zu werden. Und natürlich ist es erwachsen und zeugt von emotionaler Intelligenz, wenn ich über solche Erfahrungen zügig hinweg komme und erkenne: wahrscheinlich hat das nichts mit mir zu tun und jeder hat eben seine eigenen Themen. Kein Grund für mich, mich deshalb fertig zu machen. Und doch gibt es immer wieder Situationen, in denen ich sagen würde: miteinander sprechen wäre schon die schönere Variante. (Übrigens liest besagter Freund meinen Blog nicht, dies ist also kein indirekter Aufruf. :-))

Beleidigt sein ist nach meiner Empfindung wie Wut: dieser Gefühlszustand zeigt mir an, dass eine Grenze verletzt oder ein wichtiges Bedürfnis nicht erfüllt wurde und insofern ich in Verbundenheit mit meinem Umfeld lebe und noch nicht vollkommen selbstgenügsam bin, ein völlig legitimer Zustand. Sich zurück ziehen und erstmal die Wunden lecken, ist ein heilsames Vorgehen dass uns in unserer Selbstliebe unterstützt und befähigt, sich wieder bejahend dem Außen zuzuwenden. Manchmal muss man erstmal nein sagen, bevor man dann ja sagen kann. Ich finde, das ist ein Vorgang, der nicht nur Kindern vorbehalten ist, auch wenn ich jedem von uns wünsche, dass wir als Erwachsene nicht laut weinend und aufstampfend aus der Situation gehen müssen.

Erwachsen sein heißt also meiner Meinung nach mitnichten, nie mehr beleidigt zu sein. Sondern heißt, ich kümmere mich erstmal um mich und dann kann ich wieder in den Kontakt gehen. Wann dieser Zeitpunkt ist, ist höchst individuell, genauso wie die Auslöser mannigfaltig sein können und es steht jedem zu, sich so viel Zeit zu nehmen, wie er oder sie benötigt. Irgendwann spüren wir dann, dass es in Ordnung ist, sich der Welt wieder zuzuwenden. Ein Zeichen emotionaler Reife wäre, das in wichtigen Bindungen zu kommunizieren („Ich ziehe mich jetzt erstmal zurück und melde mich dann wieder, wenn ich soweit bin…“), aber offenbar geht das nicht immer.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein gutes Gespür für unsere Verletzungen und was es braucht, um das Leid zu lindern oder gar zu heilen.

Herzlich,

Merle

7 Gedanken zu „Beleidigt sein“

    1. Grundsätzlich stimme ich dem zu. Ich möchte mit meinem Artikel dazu ermutigen, sich den Verletzungen zu widmen, die wir erfahren (man kann sich übrigens auch selbst beleidigt sein!). Und ich appelliere bei aller Bewusstheit, dass wir uns selbst die größten Verletzungen zufügen dennoch an das Verantwortungsgefühl gegenüber den Mitwesen, da ich finde, viele machen es sich mit dieser Haltung zu einfach: Du tust Dir ja nur selber weh durch Deine Haltung, also kann ich mich aufführen wie ich mag… verkürzt dargestellt. Das stößt mir persönlich auf… 🙂

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      1. Guten Tag Frau Merles,

        vielen Dank für Ihre Antwort.

        „Grundsätzlich stimme ich dem zu. Ich möchte mit meinem Artikel dazu ermutigen, sich den Verletzungen zu widmen, die wir erfahren (man kann sich übrigens auch selbst beleidigt sein!). Und ich appelliere bei aller Bewusstheit, dass wir uns selbst die größten Verletzungen zufügen dennoch an das Verantwortungsgefühl gegenüber den Mitwesen, da ich finde, viele machen es sich mit dieser Haltung zu einfach: Du tust Dir ja nur selber weh durch Deine Haltung, also kann ich mich aufführen wie ich mag… verkürzt dargestellt. Das stößt mir persönlich auf… 🙂“

        Alle Menschen, die Bösen und die Guten, sind der unteilbaren Menschenwürde.

        Was viele machen, oder nicht, dem weiss ich mir nicht.

        Wie jemand sich mir gegenüber verhält, das liegt in seiner Verantwortung.

        Ich kann niemanden zu etwas auffordern, wenn meine Grundhaltung, im anderen keine Entsprechung findet.

        Die Einsicht zum Besseren ist die tagtägliche Schwerstarbeit, die den ganzen Menschen herausfordert.

        Leid und Not sind Bestandteil des Lebens.

        Be-leid-igt sein, eine Wut, einen Zorn haben, die alle berechtigt sein mögen. –

        Wenn ich einen Angriff entgegen nehme, und mir weiss, dass eine Zwiesprache über meine Befindlichkeit nichts fruchten wird; wie ich damit umgehe, das ist ganz und gar meine Sache.

        Mein Bewusst-sein, ist in der Verschiedenheit von Menschen mit denen ich zu tun habe, eine Möglichkeit, nicht allumfassend.

        Ich habe nicht den Anspruch eine Mission erfüllen zu müssen.

        mit freundlichen Grüßen
        Hans Gamma

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      2. Guten Morgen Hans, vielen Dank für Ihre Antwort, die in meinen Augen meinem Ansatz nicht widerspricht. So, wie Sie es formulieren, würde ich sagen wollen: ja, dem ist nichts hinzuzufügen 😊 beste Grüße, Merle

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      3. Guten Tag Frau Merle,

        vielen Dank für Ihre Offenheit und Ihre Bereitschaft zum Gespräch.

        Meine Kommentare müssen keine uneingeschränkte Gültigkeit haben.

        Ich habe Sie so verstanden, in der Weise, wie Sie mir geantwortet haben.

        mit freundlichen Grüßen
        Hans Gamma

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