Einsamkeit

Meine Hauptmotivation diesen Blog zu schreiben besteht darin, gegen Scham und Wertung anzuschreiben, die ich sowohl bei mir als auch bei anderen bezüglich einer ganzen Reihe von Gefühlen und Gemütszuständen beobachte. Ein ganz großes Thema in diesem Kontext ist Einsamkeit. Ich kenne niemanden, der gerne zugibt, dass er oder sie einsam ist. Interessanter Weise gibt es aber eine Menge Studien, die belegen, dass sehr viele Menschen sich einsam fühlen und dass Depressionen im klinischen Sinne stetig zunehmen. Ein Hauptmerkmal von Depressionen ist das unfassbar schwer wiegende Gefühl von Einsamkeit, nicht verbunden sein mit der Welt.

Doch ich höre immer noch die Meinung, daran sei ja jeder selber schuld, es gäbe ja so viel, was man tun kann, um unter Menschen zu sein. Nunja, die Einsamkeit von der ich spreche, ist keine, die man unbedingt mal so eben durch Gesellschaft behebt. Es geht um eine Einsamkeit, die sich anfühlt, als sei da eine Wand oder als sei man von Mauern umgeben und man kommt einfach nicht durch zur Welt und manchmal auch nicht zu sich selbst.

Ich persönlich neige dazu, wenn dieses Gefühl aufkommt, geschäftig zu werden, mich abzulenken. Sei es durch einen Spaziergang, durch Malen, Schreiben etc… das ist nicht das Schlechteste, aber es ist auch eine Ablenkung und ich habe mir vorgenommen zu versuchen, das Gefühl einfach mal da sein zu lassen, zuzuhören, zu spüren, wie sich das anfühlt, ohne wegzurennen. Das ist harter Tobak. Und natürlich kommt auch der Impuls, zum Telefon zu greifen… mir persönlich hilft es, dem Impuls nicht nachzugeben, denn erstaunlicher Weise, wenn ich es tue und jemanden erreiche, fühle ich mich nach einem Gespräch unter Umständen sogar noch einsamer und leerer.

Die Krux bei mir ist, so meine ich verstanden zu haben, dass ich im Laufe meines Lebens gelernt habe, dass bestimmte Gefühle, Themen usw. „nicht erlaubt“ sind. Es gibt ganze Begebenheiten, die verstecke ich sozusagen vor mir selbst, geschweige denn, mit jemand anderem darüber zu reden. Es sind abgekapselte Wunden, wie sie wohl jeder von uns in sich trägt, und sie sind, meines Erachtens, Hauptursache für das Einsamkeitsgefühl. Doch das Sprech- oder Fühlverbot hat natürlich gute Gründe und so ist es nicht so einfach, so eine Wunde mal eben zu heilen, indem ich sage: na gut, dann geh ich halt in Kontakt damit oder such mir jemand, mit dem ich darüber sprechen kann! Schöner Gedanke, in der Praxis aber oft ungemein schwierig, denn die Wunde ist ja noch da und wird geschützt, weil wir gelernt haben, dass es nicht gut oder gar gefährlich ist, sich so oder so zu zeigen. Einsamkeit entsteht in meiner Wahrnehmung also hauptsächlich durch Verletzungen, die wir im Laufe des Lebens ansammeln und um die wir uns noch nicht ausreichend mit Achtsamkeit und Mitgefühl gekümmert haben. Wie soll ich mich auch verbunden fühlen, wenn mir eine Stimme permanent einflüstert, dass ich falsch bin, ungenügend, auf irgendeine Art und Weise „nicht richtig.“ Da mann man ja nur zumachen und sich abwenden.

Ich finde es alarmierend, wie viele Menschen sich ihrer selbst oder für bestimmte Aspekte ihres Seins schämen und wie wenig wir lernen, wenn wir aufwachsen, gnädig und gut mit uns zu sein. Insofern wundert mich aber auch nicht, dass Depression zur Volkskrankheit wird und dass Einsamkeit ein so weit verbreitetes Phänomen ist. Ich möchte auch gar nicht wissen, wieviele von uns gar nicht merken, dass sie einsam sind oder sich so fühlen, weil sie so beschäftigt mit Arbeit, Familie, Alltag sind.

Die einzige Heilung dieser existentiellen Einsamkeit ist in meinen Augen die Fähigkeit, sich (wieder) verbunden zu fühlen. Wir kommen damit auf die Welt, verlieren es aber bzw. können dieses Gefühl nicht gut in uns etablieren, wenn wir zu wenig die Erfahrung sicherer Verbundenheit machen wenn wir klein sind. Oder wir machen irgendwann oder Stück für Stück zu, wenn zu viele oder zu große Enttäuschungen oder schmerzhafte Erfahrungen uns vermitteln, dass Verbundenheit und Liebe (zu den Menschen) gefährlich ist. Das kann zum Beispiel auch der Tod eines nahen, geliebten Menschen sein, nach dem man die Entscheidung trifft, nie wieder so zu leiden und deshalb das Herz verschließt.

Es gibt das schöne Konzept der Resilienz. Man weiß nicht genau, warum manche Menschen besser mit Enttäuschungen und Verletzungen und Rückschlägen umgehen können als andere – außer den bekannten Faktoren in der Kindheit, die dazu beitragen, dass wir sicher und gut auf eigenen Beinen stehen. Ich bin dafür, dass Resilienz, also die Ressourcenbildung, das vor allem auch emotionale Krisenmanagement, mehr Raum in Schulen bekommt und als wichtiger Teil der Gesundheitsvorsorge in unserem Gesundheitssystem gefördert und etabliert wird. Resilienz besteht aus einem Netz an Faktoren, die dazu beitragen, dass wir gut durch stürmische oder ungute Zeiten kommen. Dazu gehört vor allem, in der Lage zu sein, die Grundbedürfnisse zu erfüllen, das Bedürfnis nach Autonomie, Selbstwirksamkeit, aber auch nach Bindung und sozialer Anerkennung. So wichtig die Selbstfürsorge ist und die Fähigkeit, alleine mit Krisen klar zu kommen, so wichtig ist es auf der anderen Seite, die nötige Unterstützung im Außen zu bekommen, wenn es nicht mehr anders geht und davon abgesehen eben auch spüren zu dürfen: ich bin nicht allein, anderen geht es gegebenenfalls genauso und schau, da sind Menschen, mit denen kann ich ja vielleicht doch auch mal über mein Inneres sprechen, wenn ich das möchte.

Wir sind eine Gesellschaft, die viel kommuniziert aber oft wenig sagt. Es fehlt die Zeit, das Fühlen, der sensible achtsame Umgang und die Langsamkeit, die das Herz braucht, um zu heilen und sich wieder freudig der Welt zuzuwenden. Ich wünsche uns allen den Mut, diese Dinge immer öfter zu erbitten, wo nötig einzufordern und damit auch bei sich selbst anzufangen. Bin ich achtsam und langsam genug oder hetze ich gerade wieder von einem Tagespunkt zum nächsten? Ich habe keine Patentlösung, wie man in diesen Zeiten sich nicht hetzen lässt und nicht dem Stress und Druck erliegt, den schon allein die Arbeitswelt oft genug mit sich bringt. Aber ich weiß eines: Unsere Innenwelt braucht was anderes, und ohne eine heile, sichere Innenwelt stehen wir sehr einsam da.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein gutes Gespür für die Chancen und Möglichkeiten der achtsamen Langsamkeit in dieser Welt…

Merle

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