
Viele Menschen, darunter auch ich früher, (hoffentlich jetzt nicht mehr, aber im Sinne des Titels bin ich vorsichtig), wissen genau, was richtig und falsch ist, was anderen gut tut, dass sie selbst auf dem richtigen Weg sind und überhaupt haben sie den Über- und Durchblick und lassen sich von Zweifeln nur selten beirren. Ich kenne das, bei mir war die Angst vor (Selbst-) Zweifeln so groß oder vor der Möglichkeit, falsch zu liegen, dass ich beschloss, zumindest für mich genau zu wissen, was richtig und was falsch ist, wie ich sein sollte und was ein gutes Leben ausmacht.
Das ist eine gerüttelt Weile her und heute würde ich sagen: das ist das Privileg der Jugend und je älter ich werde desto mehr merke ich: ich weiß eigentlich herzlich wenig, schon gar nicht, was für andere gut und richtig ist und bei mir selbst bin ich immer noch am rausfinden. Und es bleibt ja auch nichts gleich. Was gestern in der einen Situation stimmig und gut für mich war, kann morgen in einer ähnlichen Situation schon wieder unpassend sein. Und das macht das Leben so anstrengend aber auch fantastisch:
Eigentlich ist alles jeden Tag neu, wir sind nur so in unseren Mustern und Bewertungen gefangen, dass wir es oft gar nicht merken. Der Verstand arbeitet binär und teilt ein in richtig und falsch und damit macht er genau das, wozu die Evolution ihn bestimmt hat. Schade ist nur, dass dabei das Staunen und das neu entdecken und das Sich-Neu-Einlasssen damit irgendwie schwieriger werden. Wir müssen also lernen, die Einteilungen unseres Verstandes wahrzunehmen aber nicht immer unbedingt Folge zu leisten. Um das an Beispielen zu verdeutlichen: wenn mir mein Verstand sagt: die Ampel ist rot, es kommt ein Auto, also ist es gut, am Straßenrand stehen zu bleiben – dann ist das würde ich sagen eine kluge Einschätzung der man wahrscheinlich folgen sollte. Wenn mein Verstand mir sagt, es sei peinlich und lächerlich mich bei einem alten Freund zu melden, von dem ich lange nichts gehört habe, weil ich ja nicht weiß, ob der noch Interesse am Kontakt und es ist ja peinlich, sich jetzt nur zu melden, weil ich ihn zur Vernissage einladen möchte – dann würde ich sagen: Määääp, das ist eine Selbstwertfalle, die nichts mit richtig und falsch zu tun hat und da ich nicht wissen kann, ob besagte Person sich freut und ich niemandem weh tue, wenn ich die Einladung versende, wäre es doch gut, das zu tun. Im schlimmsten Fall bekomme ich nicht mal eine Absage, aber auch das ist VERKRAFTBAR.
Und das ist meiner Meinung nach die Krux: wir „wissen“ so viel und haben von so viel eine Ahnung weil es so schwer verkraftbar scheint, nicht zu wissen. Ungewissheit ist ein fieses Ding, sie ist schwer auszuhalten und natürlich streben wir in vielen Dingen nach Gewissheit. Das Versicherungswesen weiß ein fröhliches Lied davon zu singen. Aber ist davon nicht ganz viel Illusion? Natürlich. Und ich erlebe es immer öfter als Erleichterung, als ob eine Last von mir abfällt, wenn ich mir erlaube zu sagen: ja, ich weiß gerade nicht, was das Beste ist, ich kann mich vielleicht auch jetzt noch gar nicht entscheiden. Und nein, ich weiß auch nicht, was morgen sein wird, aber ich versuche, das Beste draus zu machen.
Ich weiß es nicht. Was für eine Erkenntnis. Vielleicht habe ich einen blinden Fleck und finde das eigentlich doof. Ja, das kann sein, ich weiß es nicht. Natürlich renne ich jetzt nicht jeden Tag durchs Leben und sage wie ein Mantra: ich weiß es nicht. Aber was diese Haltung fördert, ist ein neugieriges, zugewandtes Gucken vor allem nach Innen, um wirklich rauszufinden: was ist da gerade und was brauche ich JETZT? Und mit dieser Haltung komme ich immer mehr mit mir selbst in Verbindung was wiederum meine Verbindungen nach außen schöner und lebendiger macht.
Von daher heute meine Einladung an alle Interessierten, öfter mal den Mut zu haben zu sagen: ich weiß es nicht, aber ich schau und hör mal hin…
In diesem Sinne wünsche ich uns ein gutes Gespür fürs Nicht-Wissen
Merle