Ich will oft etwas. Ein neues Buch, Ruhe, die Jacke, die ich in einer Anzeige gesehen habe, neulich einen ebook-Reader, Wein zum Abendessen, einen Kaffee, eine Zigarette… die Reihe ließe sich ewig fortsetzen. Vor ein paar Tagen wollte ich mir ein neues Parfum kaufen, bin in ein Kaufhaus, wurde schlecht beraten, wurde nicht fündig… aber mein Drang, mein Wollen nach einem neuen Duft war so groß, ich suchte weiter, bis ich fand. Um dann festzustellen, dass ich mir das diesen Monat gar nicht mehr leisten kann. Also ging ich zerknirscht aber eben doch aus dem Laden und war sehr stolz auf mich, dass ich der Versuchung widerstanden hatte.
Es geht mir öfter so, dass ich mir Dinge nicht oder noch nicht leisten kann und jedes Mal bin ich fast dankbar für die Erfahrung: in dem Moment, in dem ich entscheide, mir etwas nicht anzuschaffen, beruhigt sich das Wollen recht schnell und ich stelle erleichtert fest, dass ich es gar nicht benötige. Der Drang schwindet, ich bin zufrieden, alles ist gut.
Ich beobachte das Phänomen des Wollens oder Haben-Wollens schon länger und nicht nur bei mir. Es müssen die zwei Flugreisen im Jahr sein, das neue Auto, jede Saison neue Kleidung, hier ein Gimmick da ein Gadget, ein neues Handy und es hört einfach nicht auf.
Wie lange freuen wir uns über das neu erworbene Teil? Ab wann gehört es schon wieder zur Altware und ist der ferne Urlaub wirklich besser als der Ausflug ins Umland?
Es gibt so viele gute Gründe, sich im Konsum einzuschränken, bei mir sind es zwar eher unschöne Gründe, nämlich der finanzielle Aspekt oder bei Reisen sind es Ängste, aber es gibt ja auch noch den Punkt der Nachhaltigkeit, die Frage des ökologischen Reisens und Kaufens, der fairen Produkte und nicht zuletzt die Seelenhygiene. Man kann sich mit Gütern auch zumüllen.
Ich kann mir mehr leisten als ich brauche. Den ebook-Reader habe ich mir gekauft. Ich möchte nicht noch mehr Bücher bei mir ansammeln, nachdem ich nach dem letzten Umzug zwei Drittel meiner Bücher verschenkt habe. Ab und an kann ich essen gehen und es fehlt mir an nichts. Und doch gibt es immer wieder dieses Gefühl, etwas zu wollen. Eine Befriedigung, eine Erfüllung, ein gutes Gefühl, weil ich mir was gegönnt habe.
Das ist nicht zu verurteilen. Aber es ist auch nicht nachhaltig. Und damit meine ich nicht die ökologische Nachhaltigkeit sondern die innere. Nach dem zweiten Kaffee muss es noch ein dritter sein. Die Freude über den ebook-Reader hält zwar an, so wie ich mich generell über Neues lange freuen kann, aber es braucht dann doch immer wieder was Neues. Und sobald ich mir das mal versage und in mich horche, spüre ich, dass es hier eigentlich um etwas anderes geht. Hier möchte ein Anteil von mir Aufmerksamkeit. Ein Anteil von mir möchte gewürdigt und gesehen werden. Ein Anteil, der sehr lange sehr allein war und dem lange gesagt wurde, er sei nichts wert.
Ich glaube, ich bin damit nicht alleine. Viele von uns versuchen durch Konsum die innere Leere zu füllen. Ein Gefühl von Selbstwert und überhaupt Wertigkeit zu bekommen und sich selbst zu spüren. Auch das ist nicht zu verurteilen. Es ist zutiefst menschlich und sicher auch ein Grund, warum unser seltsames System schon vergleichsweise lange funktioniert. Und doch frage ich mich, was wäre, wenn ich diese Anteile annähmen könnte, wenn ich mich selbst so lieben könnte, wie ich es brauche und mich selbst so wertschätzen würde, dass ich gar nicht viel mehr verlangen würde, als das, was ich zum Leben brauche?
Ich propagiere hier kein Asketentum! Wofür ich plädiere ist ein bewusster Konsum und ein bewusster Umgang mit dem Wollen. Es ist wichtig, dass wir unser Wollen spüren: wenn ich krank bin, will ich gesund sein, wenn ich im Stress bin, möchte ich Ruhe, wenn mir kalt ist, will ich Wärme… das alles sind wichtige Anzeiger zur Erfüllung unserer Grundbedürfnisse.
Es geht also nicht darum, das Wollen auszuschalten oder zu ignorieren. Aber sich öfter einmal zu fragen: brauche ich das jetzt wirklich oder was steht eigentlich hinter diesem Wollen? Esse ich das Stück Kuchen jetzt, weil ich Hunger bzw. Appetit auf Kuchen habe oder bin ich eigentlich einsam und ein Telefonat mit einer guten Freundin würde mir viel besser tun?
Die Frage lautet also: wenn ich will, was will ich dann wirklich?
Am Ende das Tages stelle ich immer öfter und immer intensiver fest: ich bin dankbar für meine Beziehungen, ich bin dankbar für mein Dach über dem Kopf und ein warmes, kuscheliges Bett, ich bin dankbar, dass ich mich um mich kümmern kann, dass ich zu Essen habe… all das sind augenscheinlich Selbstverständlichkeiten, aber eben nur augenscheinlich. Das neue Parfum wird mir in einigen Wochen große Freude bereiten, sollte ich es mir leisten, ich werde es genießen und pfleglich damit umgehen. Doch was mich gut schlafen lässt, das sind andere Dinge. Und deshalb finde ich es gut, dass ich nicht immer bekomme, was ich will und es gefällt mir, immer öfter den Gedanken zu haben: und wenn nicht, ist es auch nicht schlimm.
Daher heute die Einladung: lassen wir uns nicht von unserem Wollen leiten sondern von unserem Bewusstsein. Wer ständig will und bekommt, verliert oft auch das Gefühl für den Wert der Dinge und das Besondere an ihnen. Dabei sind wir ja alle schon besonders und brauchen eigentlich nichts von außen, um es zu werden.
Mit dieser kleinen Erinnerung an unsere Einzigartigkeit verabschiede ich mich für heute und wünsche Euch achtsames Wollen, wo ihr es wollt 🙂
Herzlich, eure Merle