Erzähl mir keinen Scheiß…

… ich bin schon groß und kann mit der Wahrheit umgehen!

Dies oder Ähnliches würde ich gerne einigen Zeitgenossen mit auf den Weg geben, die mir gehörig den Nerv rauben, indem sie mir Zusagen machen, die sie nicht einhalten. Und bei denen man in den meisten Fällen retrospektiv schon an den Floskeln erkennen konnte, dass es so kommen würde. 

Worum es genau geht, sind Menschen, mit denen es fast unmöglich ist, Kontakt zu halten und eine vernünftige menschliche Beziehung zu pflegen. Menschen, die einen im Unklaren lassen, es sei denn man fragt nach, Menschen, die sich nicht melden und wenn man es selber tut einem dann aber versichern, wie wichtig man ihnen ist – man merkt es nur leider nicht an der eigenständigen Kontaktaufnahme durch eben diese Exemplare.

Ich habe es satt. „Ich melde mich.“ – „Wir sehen uns.“ – „Bis dann!“ – „Lass und telefonieren.“

Schönen Dank auch! Und nein, ich erwarte keine wöchentliche oder auch keine monatliche Meldung, bei weitem nicht. Es gibt Freundschaften, da trifft man sich alle paar Monate und alles ist gut, ich habe Freundschaften mit Menschen, die weit weg wohnen, da telefoniert man ab und zu und trifft sich alle Jubeljahre – aber es findet eine gegenseitige Interessenbekundung statt und das Band reißt nicht ab weil beide sich immer wieder melden. 

Aber es gibt auch Leute, und wer schonmal online-Dating gemacht hat, kennt das auch zur genüge, die schmeißen mit schönen Worten nur so um sich und am Ende ist alles heiße Luft. Doch nicht nur im online-Dating, auch in der analogen Welt mache ich immer wieder die Erfahrung, dass ich jemanden kennenlerne, egal ob Männlein oder Weiblein, mit dem oder der ich mich wirklich gut unterhalte, eine schöne Zeit verbringe und man verspricht sich am Ende, sich anzurufen und wieder zu sehen – doch nichts passiert, man hört nie wieder von denjenigen. Irgendwie bin immer ich die, die nachfragt, die versucht, den Kontakt wieder herzustellen und jetzt habe ich keine Lust mehr.

Und ich frage mich, woran es liegt, dass einem keiner sagt, was dann doch offensichtlich wird: dass das Interesse nicht groß genug ist, dass keine Zeit da ist, dass der oder die andere das Treffen vielleicht gar nicht so angenehm empfand. Wieso nicht einfach sagen: Du, es war nett, aber ich glaube nicht, dass wir uns nochmal wieder sehen. Oder auch: Es tut mir leid, aber mein Leben ist schon so voll, ich schaffe es nicht, noch mehr Kontakte zu pflegen. Oder wenn eine Freundschaft beendet werden soll, kann man dann nicht sagen: ich möchte unsere Freundschaft beenden, weil ich mich darin nicht mehr wieder finde. Ist das zu viel verlangt? 

Natürlich habe ich auch daran gedacht, dass es möglich ist, dass jemand den Kontakt halten möchte, es aber zeitlich einfach nicht hin bekommt. Ist es dann nicht möglich, sich kurz mit einer SMS oder sonstigen Messenger-Nachricht zu melden und das kundzutun? Woher kommt diese Feigheit, dem anderen klar anzusagen, was Sache ist? Haben wir alle solche Angst, jemanden zu enttäuschen? 

Ich glaube, es liegt eher daran, dass immer mehr Menschen unfähig sind, sich festzulegen. Die heutige Welt ist voller Optionen und eine Entscheidung zu treffen oder sich an Zusagen zu halten kann als Stück Unfreiheit empfunden werden. Wenn ich mich am Donnerstag für ein Treffen am Sonntag entscheide, könnte es sein, dass am Freitag oder Samstag noch was besseres rein kommt. Wenn ich meine Zusage einhalte und die neue Bekannte anrufe, könnte sie mein Interesse falsch verstehen oder noch mehr von mir wollen. Wenn ich aufrichtig sage, dass ich eigentlich nicht vorhabe, den Kontakt aufrecht zu erhalten, dann kann ich mich später nicht umentscheiden, also bleibe ich lieber im Vagen…

Ich finde diesen achtlosen und respektlosen Umgang mit den Mitmenschen sehr enttäuschend und trauriger, als wenn man mir die Wahrheit direkt sagt. So neulich geschehen, da bahnte sich ein Kontakt an – bis mir die Person ehrlich sagte, sie habe kein Interesse mehr daran. Wunderbar! Danke! Ich hoffe nicht mehr auf Nachrichten, ich weiß, woran ich bin – so lässt sich damit umgehen. Ich bin weder sauer noch enttäuscht, denn ich nehme es nicht persönlich. Interessanter Weise nehme ich es aber durchaus persönlich, wenn mir jemand sagt, sie melde sich und tut es dann nie. 

Und dann gibt es ja noch die ganz krasse Variante, in der Menschen komplett von der Bildfläche verschwinden und auch nicht mehr erreichbar sind. Neudeutsch heißt das jetzt Ghosting. Ich habe diese Erfahrung schon als Teenager mit einer langjährigen Freundin gemacht und es passiert mir immer mal wieder, so alle paar Jahre, dass ein Mensch plötzlich von der Bildfläche verschwindet und nie wieder gesehen ward. Das finde ich sozusagen unter aller Sau, aber ich habe mich damit arrangiert und denke mir inzwischen: da muss schon etwas ganz arg im Argen liegen, wenn jemand gänzlich ohne Vorwarnung den Kontakt abbricht und ich habe mich noch nie so verhalten, dass das nötig gewesen wäre. Und wenn doch, hätte man mir es vielleicht sagen sollen!?

Was jemanden bewegt, so etwas zu tun – man kann nur mutmaßen und genau dessen bin ich müde. Ich möchte nicht mehr darüber nachdenken und spekulieren – denn mehr ist es nicht – warum jemand so etwas tut. Hätte man offen mit mir gesprochen, könnte ich mir überlegen, ob die Kritik angebracht ist und ob ich etwas ändern kann oder will. Wenn es denn an mir liegt. Aber wer nicht spricht, hat eigentlich schon verloren.

Insofern sortiere ich gerade rigoros alle halbscharigen Kontakte aus und konzentriere mich auf mich und die Beziehungen, die tragfähig sind. Ich habe mein Handy gereinigt von Kontakten, von denen man ewig nichts mehr hörte und ebenso Emails gelöscht und Anruflisten. Ich laufe niemandem mehr hinterher, dazu ist mir meine Zeit und Energie zu schade. 

Die Welt ist voller Illusionen, es gibt so wenig Wahrhaftigkeit – da muss ich mich im Privaten nicht auch noch damit beschäftigen. 

In diesem Sinne wünsche ich Euch allen wahrhaftige Beziehungen und ermutige Euch, aufrichtig zu Euren Mitmenschen zu sein.

Herzlich, Eure Merle

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