Seit meinem 50. Geburtstag diesen Sommer denke ich oft darüber nach, was noch kommen mag, was das Leben noch für mich bereit hält. Aber ich denke auch viel mehr über den Tod nach und was danach kommen mag.
Aller Wahrscheinlichkeit nach liegt die Hälfte meines Lebens hinter mir und das ist plötzlich kein schöner Gedanke, das Bewusstsein darüber macht mir ein mulmiges Gefühl. Vielleicht habe ich eine Art späte midlife-Krise, denn plötzlich habe ich das unbedingte Bedürfnis, noch so viel wie möglich zu erleben. Gleichzeitig hat sich eine Gelassenheit eingestellt, dass ich niemandem mehr etwas beweisen muss und im Großen und Ganzen tun und lassen kann, was mir gefällt. In jedem Fall möchte ich die mir noch zur Verfügung stehende Lebenszeit so gut wie möglich nutzen, mir noch Wünsche und Träume erfüllen, so gut es meine Erkrankung zulässt.
Denn ich bin massiv traurig darüber, dass meine 40er Jahre eigentlich nur darum gingen, wieder einigermaßen gesundheitlich Boden unter den Füßen zu gewinnen. Ich habe fast 10 Jahre meines Lebens in Kliniken und Arztpraxen und mit Arbeitsversuchen verloren – so fühlt es sich zumindest an. Nun habe ich endlich akzeptiert, dass ich wahrscheinlich nie wieder voll werde arbeiten können, und stelle fest: ups! So viel ist da gar nicht mehr an Zeit übrig. Und je älter ich werde, desto schneller vergeht die Zeit.
Was also kommt danach? Ich weiß, was ich mir wünsche. Neue Leute kennenlerne, meine Malerei weiter entwickeln, mit anderen Menschen Musik machen, eine Beziehung haben, Sinnlichkeit erfahren, meine spirituelle Ader weiter pflegen und vor allem neue Orte kennenlernen. Besonders letzteres könnte schwierig werden, aber ich habe noch nicht alle Hoffnung verloren, vielleicht finde ich ja eine Person, die Lust und Zeit hat, mit mir zu verreisen. Also alles nicht so großartige Dinge. Es geht nicht um das Haus oder Boot, es geht nicht um die Million oder berühmt werden. Ich möchte eigentlich nur ein lebendiges, erfülltes, farbiges Leben haben. Das müsste doch eigentlich zu bewerkstelligen sein.
Warum mir das so wichtig ist? Ich bin unendlich dankbar, dass ich ein einigermaßen gesichertes Leben führen kann, ein Dach über dem Kopf und zu essen habe. Ein warmes kuscheliges Bett und die tollste Katze der Welt ist auch noch bei mir. Ich könnte zufrieden sein. Aber ich will nicht, dass es das gewesen sein soll. Ich will mehr. Und als ich das neulich feststellte, wurde mir klar, dass ich noch so viel wie möglich von dieser schönen Welt sehen, riechen, schmecken und spüren will, wie es geht, weil ich nicht weiß, was danach kommt. Und damit meine ich den Tod.
Als Kind war ich der festen Überzeugung, dass nach dem Tod für jeden Menschen genau das kommt, woran er oder sie im Leben geglaubt hat. Ich finde das irgendwie immer noch ein sehr logisches Konzept. Denn als Ethnologin und durch meine Beschäftigung mit Psychologie und Spiritualität weiß ich, dass wir zumindest hier auf dieser Seite des Lebens unsere Realität selbst erschaffen. Jeder Mensch ist auch ein eigenes Universum. Wieso also nicht auch über den Tod hinaus? Nun, da noch keiner zurück gekommen ist, um uns davon zu berichten, werde ich mich gedulden müssen um das heraus zu finden. Lange Zeit habe ich als junger Mensch geglaubt, dass nach dem Tod gar nichts mehr kommt, dass mit dem Ende des materiellen Seins auch alles andere des Menschen vergeht. Seit einigen Jahren aber glaube ich an die Wiedergeburt und das lustige daran ist, dass mir der Gedanke auch nicht so ganz behagt. Will ich wirklich wieder kommen? Kann ich das entscheiden nach dem Tod? Gibt es eine Seele die durch die Leben wandert und die irgendwann frei ist zu sagen: Nö. Jetzt habe ich genug und schau mir das lieber aus Distanz an, was die Menschen da verbocken…
Es gibt vieles, was ich am Leben liebe. Sinneserfahrungen, Fühlen, Spüren, Tanzen… kann ich das noch erfahren, wenn ich auf der anderen Seite bin? Ich kann es mir nicht vorstellen. Das wäre also ein Grund, wieder zu kommen. Aber dann sehe ich, wohin sich die Menschheit entwickelt und ich denke: nie im Leben möchte ich das hautnah erfahren, was da noch auf uns zukommt!
Das Gute ist, dass ich ja nicht weiß, was nach dem Tod kommt. Das ist ein sehr gute Einrichtung, dass wir uns da alle überraschen lassen müssen. Aber es verunsichert natürlich auch. Gerade ich, die so viel Angst vor Neuem hat und vor fremden Orten (trotz gleichzeitiger Faszination) – wie werde ich sterben? Werde ich große Angst haben oder leicht loslassen können? Das „Wie“ kann mir manchmal schon Angst machen… , dass ich irgendwann gehen muss, finde ich sehr in Ordnung.
Aber ich hätte gerne noch genügend Zeit und Möglichkeiten, auf ein buntes, erfülltes Leben zurück blicken zu können, wenn es dann mal soweit ist. Die eine oder andere Leserin mag sich vielleicht fragen, warum ich mich jetzt schon so viel damit beschäftige, ich bin doch „erst“ 50. Ja, aber wenn es gut läuft, habe ich noch 20, 25 Jahre ohne große Altersbeschwerden. Und wenn ich daran denke, dass mein 30. Geburtstag mir gar nicht so weit weg vorkommt, dann ist das nicht so viel. Und vor allem aber: der Tod gehört zum Leben und ich finde es wichtig, sich der eigenen Vergänglichkeit bewusst zu sein, denn das macht das Leben doch aus. Wüsste ich, dass ich so lange leben kann, wie ich will, dann würde ich ja völlig anders vorgehen und das Leben ganz anders bewerten.
Unsere Zeit ist begrenzt und sich dessen immer mal wieder gewahr zu werden, finde ich gut. Denn es macht das, was ich erlebe, umso viel wertvoller. Es macht mich auch oft genug traurig, klar, aber das gehört eben dazu.
Ich kann die Frage, was nach dem Tod kommt nicht beantworten, aber ich habe Einfluss darauf, was nach dem 50. kommt und wenn es nach mir geht, dann kommt da noch ganz viel Leben und Liebe und Tanz. Und jedem, der sich ähnliche Gedanken macht, wünsche ich, dass der Drang danach nicht erst mit 50 kommt, sondern früher und leichter füllbar 🙂
Herzlich, Eure Merle