Ich bleib bei mir

Der größte Feind einer erwachsenen, aufgeklärten Beziehung zu unseren Mitmenschen ist meines Erachtens die Projektion. Ängste, Sehnsüchte, Wünsche, Erwartungen, Bedürfnisse, Selbstabwertungen, unangenehme Gefühle jeglicher Art – wir projizieren sie fröhlich in unsere Mitmenschen und merken gar nicht, dass wir selber die Urheberin dessen sind, was wir in andere hinein denken. Das geht so lange gut, wie der andere mitspielt, muss aber auf Dauer zum Scheitern verurteilt sein, weil früher oder später die Enttäuschung kommt. Das Gegenüber verhält sich nicht so, wie von mir erwartet und plötzlich hält die Realität Einzug. Im besten Fall kann man das im Gespräch mit dem Anderen klären, im schlimmsten Fall kommt es zu Aggression und oder Beziehungsabbruch. Besonders wenn wir jemanden neu kennenlernen, uns vielleicht sogar verlieben, projizieren wir gerne alles mögliche in den Anderen hinein und merken gar nicht, wie unsere Wünsche und Sehnsüchte die junge Begegnung überfrachten und ein Wolkenkuckucksheim entsteht, das mit der Realität nicht viel zu tun hat. 

Warum ist das so und wie kann man das verhindern? Die einfache Antwort lautet: Bewusstheit und Kommunikation. Die etwas komplexere Antwort lautet: erkenne Dich selbst und damit auch immer mehr Dein Gegenüber. Je klarer ich mir über mich selbst bin, umso klarer kann ich Andere sehen. Es kann also in einer Beziehung, Partnerschaft oder Freundschaft nicht darum gehen, so viel wie möglich an Bedürfnissen erfüllt zu bekommen sondern es sollte meiner Meinung nach darum gehen, gemeinsam und durch die wohlwollende Spiegelung des Gegenübers zu wachsen, im Sinne der Selbsterkenntnis und damit auch des sich näher Kommens.

Um ein Beispiel zu bemühen: Mann und Frau lernen sich kennen, man ist begeistert voneinander und verbringt viel Zeit zusammen. Er entdeckt seine fürsorgliche Ader und beginnt, ihr alle möglichen Dinge im Alltag abzunehmen, was sie erstaunt wahrnimmt aber erstmal akzeptiert, weil sie ist verliebt und möchte ihn nicht vor den Kopf stoßen. Mit der Zeit wird es ihr etwas nervig, sie möchte lieber wieder selber einkaufen, weil dann dann auch die Lebensmittel zu Hause sind, die sie gerne hätte, aber noch sagt sie nichts. Schließlich baut er ihr auch die Küche ein, macht das Katzennetz am Balkon fest und ist überhaupt ein sehr aufmerksamer, hilfsbereiter Mensch. Sie allerdings beschleicht langsam aber sicher ein immer unguteres Gefühl, sie möchte wieder mehr Eigenständigkeit und Unabhängigkeit und eines Tages kommt es zum großen Streit. Sie meckert an ihm herum, weil er die Dinge nicht so macht, wie sie es gerne hätte, er ist völlig außer sich, weil er doch so viel für sie getan hat und jetzt ist sie so undankbar. Keiner versteht, was wirklich los ist, beide merken aber, dass sie dringend Abstand benötigen. Was ist passiert? Beide haben sich von sich entfernt, waren zu sehr beim Anderen und dem, was der Andere sich eventuell wünscht und haben völlig vergessen, sich mitzuteilen, den Anderen wissen zu lassen, dass das mit der Hilfsbereitschaft zwar gut gemeint ist aber zu viel des Guten ist und er fing ohnehin schon an sich zu wundern, dass sie so unselbständig ist und hatte sich schon gefragt, was sie wohl tun würde, wenn er nicht da wäre. Beide waren in einem Bild vom Anderen gefangen, dass nichts mit dem Gegenüber zu tun hatte, aber völlig überzeugt davon, dass sie doch das Richtige tun. 

Was wäre wirklich hilfreich gewesen: dass sie so bald sie ein ungutes Gefühl beschleicht, ihm mitteilt, dass es ihr zu viel der Unterstützung ist, auch auf die wahrscheinliche Gefahr hin, dass er dann erstmal pikiert ist. Aber wie soll man sich kennenlernen, wenn man sich im Namen der Liebe und Zweisamkeit verbiegt? Wie lange soll man haltbare Vollmilch trinken, wenn man eigentlich frische 1,5% Fett mag – nur um dem Anderen nicht mitteilen zu müssen, dass sein Einkauf in die Hose ging? 

Der heutige Beitrag könnte also auch heißen: habe den Mut, Dein Gegenüber zu enttäuschen. Niemand hat etwas davon, wenn man zu lange falsche Kompromisse eingeht und dem Anderen etwas vormacht. Erkenne stattdessen Deine eigenen Wünsche und Bedürfnisse und werde Dir bewusst, wo Du sie an den Anderen delegierst, dem Anderen den Auftrag gibst, diese zu erfüllen. Aber mach daraus keinen unausgesprochenen Auftrag, keinen Handel sondern sprich offen an, was Du Dir wünschst und was Dir wichtig ist. Und mehr noch, finde heraus, wie Du Dein Gegenüber siehst! Was ist Deine beste Freundin für Dich? Welche Funktion hat sie und was soll sie erfüllen? Ich hatte zum Beispiel lange eine gute Freundin, die ich unbewusst aber eben doch, lange als Vorbild gesehen habe. Diese Rolle, die ich ihr ungewollt damit zugesteckt hatte, belastete mich sehr und es ist vor allem der Klarheit und Bewusstheit meiner Freundin zu verdanken, dass unsere Freundschaft nicht daran zerbrochen ist sondern ich wachsen konnte, nachdem ich einmal verstanden hatte, was ich in sie projiziert hatte. 

Oft suchen wir im Anderen das, was uns unsere Eltern nicht geben konnten. Es gibt Psychologen die der Meinung sind, dass wir unser Leben lang wieder die bedingungslose Liebe unserer Eltern suchen. Ich weiß nicht, ob das so ist, aber ich kann bestätigen, dass eine Suche oder Sehnsucht oft Teil einer Begegnung ist. Das Fatale daran ist in meinen Augen, dass wir das, was wir suchen, in der Regel nur in uns selbst finden können. Das Gefühl, zu Hause angekommen zu sein, akzeptiert und anerkannt zu sein, zum Beispiel. Die Krux ist: selbst wenn der Andere mir das gibt, wird es nie genug sein und werde ich es nie annehmen können, so lange ich nicht in mir selbst zu Hause bin und mich selbst akzeptiere und annehme. 

Das Paradox lautet also: je mehr ich bei mir bin, desto mehr kann ich auch beim anderen sein. Im besten Fall ist das ein Pendeln in einem Kontinuum. Nur wenn ich bei mir selbst bin, kann ich wirklich etwas geben. Wenn ich in meinem Innen gut verankert bin, kann ich echte Nähe und Intimität herstellen und genießen, ohne vom Gegenüber abhängig zu sein und ohne ständig etwas bekommen zu wollen. Der Weg geht über das eigene Innenleben. Über das Erkunden und Annehmen der eigenen Innenwelt und der eigenen Muster, Glaubenssätze und Gefühle. Ich bleibe bei mir, weil ich weiß, dass ich mich am Besten um mich selbst kümmern kann und alles, was von Außen kommt, ist eine schöne Dreingabe. 

Ist das alles einfach? Nein, beileibe nicht! Aber es ist es wert, es zu versuchen, immer und immer wieder und vor allem, mit den Menschen die mir wichtig ist, im Gespräch zu bleiben, immer wieder auch die Qualität der Beziehung zu hinterfragen und zu erkunden, wie der Stand denn gerade ist. 

Und auch wenn das Entdecken der eigenen Abgründe und Ecken und Winkel im eigenen Seelenhaus nicht einfach ist – wer, wenn nicht ich selbst sollte hinschauen und mit Mitgefühl annehmen, was dort zu finden ist? Wir können diese Lebensaufgabe nicht nach Außen verlagern, auch wenn die Gesellschaft uns vorgaukelt, das Glück sei im Außen zu finden. Es ist meine tiefe Überzeugung, dass der Weg ins Innen führt und wir dort finden, was wir suchen. 

Insofern sind Projektionen geschickte aber ungünstige Ablenkungsmanöver, die uns daran hindern, bei uns selbst hinzuschauen. Was ich im Anderen ablehne, findet höchstwahrscheinlich in mir selbst eine Entsprechung. Die Schönheit die ich in der Welt sehen kann, jedoch ebenso.

Haben wir also keine Angst vor den eigenen Untiefen und werden wir uns unserer Ablenkungsmanöver bewusst. Und lasst uns einander mitteilen und über unsere tiefsten Ängste und Sorgen sprechen. Nur das Gespräch bringt uns näher und führt zu Verständnis und Wohlwollen wo sonst vielleicht Unverständnis und Ablehnung zu Entfremdung führen.

„Ich bleibe bei mir selbst“ ist also keine Absage an die Welt sondern im Gegenteil, eine Liebeserklärung an mich und die Welt, denn nur wenn ich bei mir bin, kann ich bewusst sein, kann klar sein und leuchten und damit die Welt ein Stück heller machen.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine gute weitere Reise ins Innere und viel Freude beim Erkunden und Leuchten 

Herzlich, Eure Merle

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