Filme im Kopf

Unser Verstand ist ein tolles Gerät – mit Hilfe des Verstandes begreifen wir die Welt, können sie beschreiben, sie uns bis zu einem gewissen Grad aneignen, können Auto fahren, Kochen, Sprachen erlernen, Häuser bauen und und und… Doch unser Verstand ist auch ein zweischneidiges Schwert, weil er erstens die Welt binär einteilt – also in gut und böse und richtig und falsch – und weil er die Gegenwart immer anhand von der Vergangenheit, also bereits gemachten Erfahrungen beurteilt.

Das ist evolutionär gesehen sinnvoll, weil es gut ist zu erkennen, dass wir vor einem Säbelzahntiger davon laufen sollten, doch in unserer heutigen Zeit gibt es wenige davon und wenn wir wachsen wollen und unsere Persönlichkeit entwickeln wollen, dann ist es sinnvoll, den Verstand und unsere Gedanken beobachten zu lernen. Das bedeutet: es ist gut, so oft wie möglich im Hier und Jetzt, im Moment zu sein und eine Situation so wahrzunehmen, wie sie heute ist und nicht, wie unser Verstand sagt, dass sie wahrscheinlich ist weil ich das so kenne oder wie sie zukünftig vielleicht sein wird. 

Warum das wichtig ist, lässt sich schön am folgenden Beispiel illustrieren: wer als Kind einmal von einem Hund gebissen wurde, wird ziemlich sicher danach Angst vor Hunden haben und entsprechend reagieren, wenn ein Hund auf ihn oder sie zukommt. Das Verhalten und die Körpersprache des Menschen werden unruhig, fahrig, schreckhaft und der Hund fühlt sich in der Folge irritiert oder gar bedroht und wenn man Pech hat reagiert er entsprechend und fängt an zu bellen oder wird gar aggressiv. Man hat also eine ähnliche Situation kreiert weil man von einer ähnlichen Situation wie früher ausgegangen ist. Die Angst des Menschen wird wieder bestätigt. Dabei hat der Hund wahrscheinlich ein freundliches Wesen und reagierte nur ähnlich schreckhaft wie der Mensch. Die Angst hat sich übertragen und das Ergebnis ist unerfreulich.

Wer jetzt denkt, naja, das gilt vielleicht für Tiere aber doch nicht für Menschen oder andere Situationen, der irrt. Angst überträgt sich auch auf Menschen, auch wenn die nicht beißen. (Womit ich nicht sagen will, dass das, was wir ausstrahlen in irgendeiner Weise Angriffe von Anderen auf uns rechtfertigt!!!) Wir strahlen unsere Emotionen aus und selbst wenn wir nicht sagen, was wir denken, ist doch in unserem feinstofflichen Feld und unserer Körpersprache eine Menge an Information verfügbar darüber, was in uns abläuft. Und was in uns abläuft sind oft Filme, die auf früheren Begebenheiten basieren und die nichts mit der Gegenwart zu tun haben. Bedrohliche Ereignisse in unserem Leben werfen ihre Schatten oftmals im Weiteren in unsere Zukunft. Unfälle, Krankheiten, verlassen werden, verhauene Prüfungen, schädliche Erziehungsmuster, das Erleben von Gewalt und vieles mehr, prägen uns auf Dauer und führen dazu, dass unser Gehirn die Information speichert: Achtung, Gefahr, hier musst Du Angst haben und sofort setzt der Flucht- oder Kampf-Modus ein. Was in der Gegenwart oft nicht dienlich ist und gegebenenfalls zu unschönen Reaktionen unserer Umwelt führen kann. 

Unsere Filme, also die Geschichten, die uns unser Kopf dann erzählt, können so überzeugend sein, dass sich die Wahrnehmung dadurch verändert und man nicht mehr alle Informationen aufnimmt, sondern nur noch die, die das Angst-Szenario bestätigen. Angst fördert einen Tunnelblick und außerdem ist unser Gehirn so gebaut, dass es erkennt, was es kennt. So wie Gedankenmuster und Verhaltensmuster sehr gerne im Bekannten Terrain bleiben, so auch unser Warnsystem und unsere Wahrnehmung. Das tragische ist, dass unsere inneren Filme dadurch unser Leben in der Gegenwart gestalten, obwohl diese wahrscheinlich nichts oder nur wenig mit dem Film zu tun hat.

Wie also umgehen mit dem Film? Das Wichtigste ist zunächst, dass wir erkennen, dass es sich um einen alten Film und eine alte Geschichte handelt. Mit etwas Übung können wir mit der Zeit herausfinden, welche die Stories sind, die uns unser Verstand immer wieder erzählt. Welchen Narrativen wir immer wieder aufsitzen und Glauben schenken. „Ich kann das nicht.“ „Männer sind alle blöd.“ „Bei Prüfungen versage ich.“ „Wenn ich einen neuen Job suche, bekomme ich eh keinen.“ „Ich verdiene kein Glück.“…. um nur ein paar Beispiele für Glaubenssätze zu nennen, die das Drehbuch unserer inneren Filme sind. 

Haben wir den Film als solchen erkannt, ist es möglich, auf Distanz zu ihm zu gehen und ihn zu beobachten anstatt mitten drin zu sein und ihn nachzuspielen. Je nach Intensität der damit einher gehenden Emotionen kann das auch eine ganze Weile dauern und Übung kosten, aber es ist möglich. Wir können lernen, unsere Gedanken zu beobachten und sie ziehen zu lassen. Wir können üben, nicht mehr neben uns zu stehen sondern im Hier und Jetzt zu spüren, was wirklich geschieht und was Jetzt gerade ist. Dazu empfiehlt es sich, den Körper zu beobachten und den Körper zu spüren. Den Boden unter den Füßen, die Arme und Beine zu spüren und gegebenenfalls wahrzunehmen, wo welche Gefühle sitzen. Besonders hilfreich ist es auch, den Atem zu beobachten. Wenn wir stark in Angst sind, können wir versuchen, länger aus- als einzuatmen. So lange, bis die Angst sich beruhigt hat. Wenn es möglich ist, dann beobachte Deinen Atem so, wie er gerade fließt und beschreibe für Dich, wo und wie Du ihn spürst. Unser Atem ist ein wunderbarer Anker, um ganz im Moment anzukommen. 

Dieses Vorgehen empfiehlt sich bei stark belastenden Situationen. Wenn wir Ruhe und Zeit haben, ist es ratsam, sich einmal die eigenen Glaubenssätze aufzuschreiben und sie dann ins Gegenteil zu formulieren. Wenn wir das tun, schaffen wir den Boden für neue, positive Glaubenssätze und erkennen schneller die alten Filme im Kopf. 

Wer im Hier und Jetzt ist, wird schnell feststellen, dass in der Regel alles in Ordnung ist. Im Moment zu sein bedeutet, sich nicht von der Vergangenheit überwältigen zu lassen und nicht über eine von vielen möglichen Zukunftsszenarien zu grübeln. Im Moment zu sein gibt mir die Kraft und Kreativität, im Jetzt zu entscheiden, was wirklich nötig und möglich ist. Wenn ich eine Weile meinen Atem beobachtet habe, kommen bisweilen sogar von ganz alleine Lösungen oder ich entspanne mich soweit, dass ich Vertrauen und Zuversicht wieder spüren kann. Angst macht eng und verkrampft. Unsere inneren Filme führen oft dazu, dass wir eben nicht entspannt sind sondern verkrampfen, verzagen oder in Aktionismus verfallen. Entspannt lässt es sich jedoch viele leichter eine Situation erfassen und besser beurteilen, was vielleicht zu tun ist oder nicht. Manchmal ist auch das Tao des Nichts-Tuns angesagt. 

Im Moment zu sein heißt also, den inneren Filmen nicht zu viel Aufmerksamkeit zu schenken. Ich glaube nicht, dass wir sie jemals abschaffen können, aber wir können sie entlarven und ihnen etwas entgegen setzen. Wir können, wenn wir ganz im Hier und Jetzt sind, neue Drehbücher schreiben und neue Erfahrungen machen. Wir müssen nicht immer wieder den gleichen Mist durchmachen. Je besser wir den inneren Beobachter in uns kultivieren und auf Distanz gehen können, umso besser wird es uns gelingen, den Filmen ein Schnippchen zu schlagen. Je häufiger wir bewusst atmen und unseren Atem wertfrei beobachten, umso mehr kommen wir bei uns an. Und damit meine ich eben nicht den Verstand sondern unsere innere Mitte und unsere Intuition. Die oft sehr viel mehr Weisheit bergen als unser Verstand sich das jemals vorstellen kann.

Der heutige Beitrag ist also eine Einladung an alle Interessierten, immer öfter innezuhalten und zu gucken: wo bin ich gerade, was macht mein Verstand, was machen meine Gedanken gerade mit mir? Ach so, das ist der Film, ich erkenne ihn und lasse ihn laufen. Gleichzeitig spüre ich mich im Hier und Jetzt und beobachte meinen Körper und meinen Atem, ich nehme den Raum wahr, in dem ich gerade jetzt bin und erkenne: das ist Jetzt, so fühlt sich das Jetzt an. Es kann gut sein, dass Sorge und Angst und Unzufriedenheit eine ganze Weile brauchen, bis sie sich beruhigen. Nimm das wahr und bewerte es nicht. Erkenne an, dass Dich etwas in Dir beschützen will, mach Dir aber auch bewusst: im Hier und Jetzt gibt es keine Gefahr. Du bist jetzt erwachsen. Vor Dir steht ein ganz anderer Mensch. Diese Situation ist nicht die gleiche wie vor x Jahren. 

Das ist manchmal eine ziemliche Herausforderung. Aber es lohnt sich, dran zu bleiben und sich immer wieder zu entscheiden, das Leben im Moment zu erleben und im Moment zu entscheiden, anstatt die Vergangenheit ihre Schatten auf die Gegenwart werfen zu lassen.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen achtsames Beobachten und Atmen und immer öfter ein geschmeidiges Ankommen im Hier und Jetzt.

Herzlich, Eure Merle

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