Es gibt Situationen, da habe ich praktisch das absolute Gehör. Nicht im musikalischen Sinne sondern im sozialen. Ich höre nämlich das Gras wachsen, wenn sich in der Interaktion oder Kommunikation zwischen meinen Mitmenschen und mir etwas verändert. Und seien es nur kleinste Nuancen. Ich nehme sie wahr und gebe ihnen Bedeutung. Das ist mitunter sehr anstrengend, teils irreführend, oft aber ein Geschenk, dass mir größere Sensibilität und Achtsamkeit beschert.
Meine Wahrnehmung ist von klein auf darauf trainiert, Veränderungen in der Stimmlage, in der Mimik und Gestik meines Gegenübers aufzunehmen. Das exakte Beobachten von Körpersprache und Verhaltensweisen war für mich bereits als Kind überlebenswichtig, da ich höchst unberechenbare und erratische Bezugspersonen hatte. Um zu erkennen, wann was gefährlich oder sicher war, habe ich die Fähigkeit entwickelt, Menschen zu lesen. Undzwar über das normale Maß hinaus. Entspannter oder angespannter Muskeltonus? Hohe oder normale Stimme, verengte Augen, wo sind die Hände? Die Liste ließe sich fortsetzen. Um herauszufinden, wie meine Bezugspersonen gestimmt waren, fing ich an, Dinge zu hören, die sonst niemandem auffallen. Ich erinnere mich zum Beispiel, dass ich an der Lautstärke des Geschirraufräumens meiner Mutter ihre Stimmung erkennen konnte. Das war höchst praktisch, doch im Erwachsenenleben, so kann man sich vorstellen, führt das manchmal zu Missverständnissen.
Als Erwachsene äußert sich nämlich meine Hellhörigkeit derart, dass ich genau wahrnehme, wenn die Tonlage beispielsweise einer Telegram-Nachricht von Freunden anders ist als sonst. Auch die Häufigkeit der Kommunikation wird abgespeichert und im persönlichen Gespräch bleibt das Wahrnehmen der Körpersprache sehr ausgeprägt. Hat da ein Muskel gezuckt? Ist derjenige jetzt wütend? Der Blick hat sich verändert, da ist jemand genervt. Die Arme sind vor der Brust verschränkt, das ist kein gutes Zeichen…da macht jemand zu.
Fluch oder Gabe? Ich möchte es so nicht einteilen. Es gibt Vor- und Nachteile dieser Fähigkeit und insgesamt versuche ich, das ganze positiv zu sehen, denn es hilft ja auch nichts, es ist ja da und ich muss mich damit auseinandersetzen. Das Wahrnehmen an sich ist auch nicht das Problem. Das ist mir so in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich zwar manchmal merke, dass es Energie kostet; was aber wirklich ungünstig laufen kann, ist meine Interpretation dessen, was ich wahrnehme.
Und das war und ist ein andauernder Prozess. Früher war meine Deutung der gesehenen oder gehörten Veränderungen deutlich mehr von meiner kindlichen Erfahrung geprägt. Nämlich in der Regel so, dass ich alles als gegen mich gerichtet verstanden habe. Ich bin sehr dankbar, dass ich gelernt habe zu erkennen, dass die meisten Dinge, die im Außen passieren, herzlich wenig mit mir zu tun haben. Doch auch das passiert mir immer noch ab und an und gerade wenn mir jemand sehr wichtig ist, kann es sein, dass ich aufgrund einer nicht geschriebenen Nachricht oder wegen eines ungewöhnlichen Tonfalls ins Grübeln komme und das auf mich beziehe. Was immer hilft, ist das offene Gespräch mit meinen Mitmenschen um das ganze zu klären, alles andere ist Spekulation und wenig hilfreich.
Andererseits habe ich auch schon oft die Erfahrung gemacht, dass Menschen um mich sehr dankbar sind, dass ich schnell und bei kleinsten Anzeichen erkenne, wenn es ihnen schlecht geht oder sie ein Thema wechseln wollen oder sonstwie eine innere Veränderung stattfand, die andere gar nicht mitbekommen. Wenn ich die Möglichkeit dazu habe, frage ich in der Regel erstmal nach, ob meine Interpretation korrekt ist und gar nicht so selten liege ich richtig. Es kann auch vorkommen, dass mir etwas an einer Person auffällt, dass dieser vorher gar nicht bewusst war, es aber wird, weil ich es angesprochen habe. Doch hier liegt auch eine Krux. Denn was ich wahrnehme kann ein dem gegenüber völlig unbewusster Vorgang sein, den er oder sie mir folglich dann auch nicht erklären oder bestätigen kann.
Und schließlich ist es ja auch so, dass jeder das Recht hat, Dinge für sich zu behalten. Vielleicht möchte jemand gar nicht über etwas sprechen. Nur weil ich ein „außergewöhnliches“ Verhalten wahrgenommen habe und daraus folgere, dass es jemandem nicht so gut geht, heißt das noch lange nicht, dass derjenige auch darüber sprechen will.
Ich befinde mich also oft in einer ambivalenten und komplexen Situation. Erstens stelle ich mir immer die Frage, ob ich etwas richtig wahrgenommen habe. Was zu überprüfen oft unmöglich ist, weil den meisten Menschen ihre Körpersprache oder ein zuckender Gesichtsmuskel nicht bewusst ist. Zweitens, selbst wenn ich sicher bin, dass ich etwas richtig mitbekommen habe, wie ist das zu deuten und kann ich das ansprechen? Mir ist ja das Übertriebene durchaus bewusst und die Kleinteiligkeit der Auseinandersetzung mit miniskülen Phänomenen.
Früher habe ich mich daher oft entschuldigt, wenn ich jemanden auf etwas ansprach und der oder die dann völlig irritiert war und habe das ganze heruntergespielt mit dem Satz: „Ich höre das Gras wachsen.“ Was ja letztlich bedeutet, es ist nichts gewesen, denn welches Geräusch macht das Gras schon beim wachsen? Mittlerweile versuche ich, das anders handzuhaben. Denn, und das ist das entscheidende: ich habe nur meine Wahrnehmung, der ich trauen muss – wessen Wahrnehmung sollte sonst meine Richtschnur sein? Es kann nur meine eigene sein und wer denkt, das ist pillepalle und nicht der Erwähnung wert, dem lege ich gerne ans Herz, mal einen Tag lang zu beobachten, was man alles so wahrnimmt und wie oft man daraufhin Entscheidungen trifft. Anders formuliert: ich weiß sehr gut, wie es ist, der eigenen Wahrnehmung nich trauen zu können und das ist ein Stück Hölle, das ich niemandem wünsche. Es war ein Lernprozess und eine Entscheidung, meiner Wahrnehmung zu trauen und schließlich achtsam und wertschätzend mit meinen Interpretationen und meinen Mitmenschen umzugehen.
Das bedeutet natürlich, dass letztere öfter mal Dinge gefragt werden oder sich mit Aussagen von mir konfrontiert sehen, die vielleicht seltsam anmuten und / oder schwer nachvollziehbar sind. Damit muss ich leben und wer in meinem Umfeld ist und sein möchte, auch. Das schöne ist, dass ich immer öfter feststelle, dass ich durchaus richtig wahrgenommen habe, dass nur meine Deutung nicht korrekt war. Aber damit kann ich umgehen, so lange ein klärendes Gespräch im Rahmen des möglichen ist, kann ich daraus nur lernen und mein Gegenüber besser kennenlernen.
Mit anderen Worten könnte man also auch sagen: das Gras macht durchaus Geräusche beim Wachsen, es hat eben nur nicht jeder so feine Antennen, das auch zu hören. Ich bin sehr dankbar, dass ich diese Erkenntnis haben durfte und so mein Vertrauen in mich und meine Wahrnehmung gestärkt wurde. Ich wünsche jeder, die ähnliche Erfahrungen und Fähigkeiten wie ich hat, dass sie das auch erkennt und aufhört, sich für ihre Hellhörigkeit und Sensibilität zu entschuldigen.
Der Nachteil, wenn man das Gras wachsen hört, ist, dass man sich auch mit Dingen beschäftigt, die gar nicht wichtig sind. Oft schon habe ich erlebt, dass ich mich an Kleinigkeiten aufgehangen habe, die niemandem außer mir aufgefallen sind. Die großen Poren meines Wahrnehmungsfilters können so zum echten Energieräuber werden. Auf der anderen Seite ist es auch schon vorgekommen, dass eine vermeintliche Kleinigkeit sich im Nachhinein als entscheidender Punkt herausgestellt hat – es ist eben nicht eindeutig sondern extrem vieldeutig…
Und das ist das Schöne am Menschen und der Interaktion untereinander. Wir sind vieldeutig, überraschend, ambivalent, teils auch unklar und missverständlich. Doch dann spricht man miteinander und wenn dann Klarheit Einzug hält und man sich auf neue Ebenen des Sich-Verstehens begibt, ist das wunderbar. Und wieder einmal lande ich an dem Punkt, an dem ich schon so oft gelandet bin: sprecht miteinander, lernt voneinander, erkennt einander. Habt Vertrauen in Euch selbst und darin, Euch zu zeigen, wie ihr seid und ihr werdet feststellen, die meisten Menschen sind Euch wohlgesonnen.
In diesem Sinne wünsche ich Euch gute Gespräche und feines Gehör
Eure Merle
ich glaube natürlich, dass diese art der wahrnehmung in der kindheit durch gewisse umstände geschult wird. darüber hinaus denke ich jedoch, dass viele menschen diese wahrnehmung haben. bei den meisten kommt sie nur nicht bis zum gehirn, sondern verursacht die sogen. bauchentscheidungen. nur menschen wie du, die das gedanklich erfassen, empfinden das als mehr oder weniger belastend.
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Danke für diesen Kommentar, Erphschwester!
Das sehe ich genauso; meine echten Bauchempfindungen und -entscheidungen sind übrigens meist treffender als die, die vorher vom Verstand verwurstet wurden 🙂
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