Bei mir läuft es seit einigen Monaten richtig gut. Ich habe ein paar bürokratische Hürden erfolgreich genommen und konnte belastende Verfahren abschließen. Ich habe wunderbare, liebevolle Menschen in meinem Leben und bin in ein tragfähiges soziales Netz eingebunden. Über finanzielle Dinge muss ich mir gerade keine Sorgen machen und auch meine Wohnsituation ist komfortabel. Nichts trübt den Sonnenschein, der seit einer Weile mein Leben erhellt – bis auf eine Wolke, die sich hartnäckig hält und die Selbstzweifel heißt.
Nun könnte man sagen, boah, das ist ja Jammern auf echt hohem Niveau! Stimmt. Doch die Dosis macht das Gift und ich erlebe die Selbstzweifel in einem lähmenden Ausmaß, das nicht angenehm ist. Vor allem, weil ja eigentlich alles gut ist, komme ich mir doof vor: wieso geht’s mir so schlecht obwohl es mir doch eigentlich gut geht?! Hä? Interessanter Weise sind die Selbstzweifel größer geworden, je mehr Gutes in mein Leben gekommen ist – oder zumindest kommt es mir so vor, vielleicht treten sie auch einfach nur deutlicher zutage. Jedenfalls merke ich, dass ich mich zurück nehme, zurückziehe und fast alles in Frage stelle. Als würde ich mich selber misstrauisch bei dem was ich tue beobachten und ständig sehr kritisch kommentieren, was dabei raus kommt.
Auch zu Schreiben fällt mir gerade nicht leicht, da ich anzweifle, ob das, was ich schreibe, gut genug ist. Nein. Kein fishing for compliments, liebe Leserin, ich berichte nur über den status quo. Und der ist anstrengend. Wer alles anzweifelt hat auf nichts Lust oder unterbindet jeden Handlungsimpuls um erstmal zu überprüfen, ob der Gedanke, die Idee oder das Geplante wirklich sinnvoll ist. Damit kann man dann schonmal Stunden zubringen und darüber die Motivation zum Handeln verlieren.
Nun ist es so, dass ich meine Selbstzweifel kenne, ich weiß auch wo sie herkommen und ich bin sicher, dass sie auch wieder weniger werden. Warum ich darüber schreibe liegt an drei Erkenntnissen, die ich in den letzten Tagen dazu hatte: erstens sind Selbstzweifel nicht nur schlecht und nervig sondern auch eine Tugend. Mit der man es auch übertreiben kann, ja, aber dennoch. Zweitens wurde mir sehr deutlich bewusst, wieviele Faktoren tatsächlich zum Wohlergehen eines Menschen beitragen, um was man sich alles kümmern darf, damit es einem gut geht. Und drittens wurde ich mal wieder auf das Essentielle im Leben zurück geworfen, nämlich Erfahrungen machen. Aufhören über das Warum und Wozu zu grübeln und rein ins Leben, egal ob ich mich dabei ab und an zum Vollkoffer mache oder nicht.
Warum also sind Selbstzweifel eine Tugend? Weil sie zur Selbstreflexion anregen und weil Selbstkritik noch kaum jemandem geschadet hat. Damit meine ich keine Selbstzerfleischung sondern ein gesundes Maß an kritischem Blick auf einen Selbst. Menschen, die völlig von sich selbst überzeugt sind und sich für das Non Plus Ultra halten, sind mir zutiefst suspekt und meistens unsympathisch. Authentizität beinhaltet auch die Fähigkeit, die eigenen Macken und Schwächen anzuerkennen und sie nicht verstecken zu müssen. Da darf man auch mal einen Bock schießen und hinterher an sich zweifeln. Um dann ein Stück weiser und reifer zu sein. Hoffentlich. Selbstzweifel regen zu innerem Wachstum an und lassen mich anerkennen, dass ich ein fehlerhafter Mensch bin, der eben nicht perfekt ist. Diese Erkenntnis ist im sozialen Miteinander immens wichtig – ansonsten wäre ich jemand, der immer Recht hat und über allem und jedem steht. Wie langweilig und grotesk. Ein gesundes Maß an Zweifel schützt mich also vor absurder Selbstüberschätzung und trägt dazu bei, dass ich ein differenzierter, reflektierter Mensch sein kann der zwar versucht, immer das Beste zu geben der aber auch weiß, dass das manchmal in die Hose geht. Daher sind Selbstzweifel, etwas überspitzt formuliert, für mich auch eine Tugend.
Nur sollte man es mit der Tugendhaftigkeit nicht übertreiben. Das trägt schlicht nicht zum Wohlergehen bei, man gerät aus der Balance. Und die ist ziemlich wichtig, wie ich mal wieder feststellen durfte. Was mir auch besonders klar wurde – nicht, dass ich es theoretisch nicht schon vorher wusste – ist, dass wir Menschen von sehr vielen Faktoren abhängig sind, damit es uns gut geht. Ich könnte jetzt mit der Bedürfnispyramide anfangen, doch das spar ich mir und formuliere es mit Brecht: Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Weiter gedacht heißt das: wer Nahrung, Behausung und (relative) Sicherheit hat, ist noch lange nicht glücklich oder zufrieden. Dafür müssen auch Geist und Seele in ihren Bedürfnissen ernst genommen werden und das ist mitunter gar nicht so einfach. Wir brauchen emotional tragfähige Bindungen, Kontakte, intellektuelle Impulse, ein Gleichgewicht an Tun und Ruhen; es braucht körperliche und psychische Gesundheit, Selbstwirksamkeit, Resilienz und die Möglichkeit zum Selbstausdruck und schließlich eine wie auch immer geartete Verortung in der Welt in Form einer Religion, Spiritualität oder eines Weltbildes, in dem der Mensch sich selbst wiedererkennt. Auch die Seele braucht Nahrung.
Es gibt also verschiedene Säulen des Wohlbefindens, um die wir uns in unserem Leben kümmern müssen, wenn wir zufrieden oder ab und an vielleicht sogar glücklich sein wollen. Die tolle Wohnung, der gute Verdienst, das neue Auto oder der neue Partner allein werden uns nicht glücklich machen. Der Mensch neigt ja zur Illusion, wenn er dieses oder jenes Ziel erreicht hat, dann wäre alles in Ordnung, dann wäre es endlich geschafft. Das ist leider meistens ein Trugschluss. Es braucht viel, um das menschliche Wesen zufrieden zu stellen und ich persönlich glaube, es geht dabei nicht um Luxus und Überfluss, aber doch um die Erfahrung der Fülle des Lebens, in all seinen Facetten. In dauerhafter Askese oder Abgeschiedenheit zu leben um über alle menschlichen Bedürfnisse hinaus zu wachsen halte ich persönlich zumindest für ein veraltetes Modell der Suche nach Glückseligkeit.
Doch das mit dem Rausgehen ins Leben und Erfahrungen machen ist für viele gar nicht so einfach. Oft ist es damit verbunden, dass Ängste überwunden werden wollen, dass vielleicht finanzielle Mittel nicht reichen, um zum Beispiel ein Hobby auszuüben oder eine Reise zu unternehmen. Oder man ist so eingebunden in den Trott des Alltags und seine Anforderungen, dass schlicht nichts weiter geht als Arbeiten und sich irgendwie managen. Natürlich sind auch das Erfahrungen. Und es gibt da kein Richtig oder Falsch – wer jeden Abend vor dem Fernseher sitzen möchte, soll das auf jeden Fall tun. Aber wäre es nicht wunderbar, immer wieder Neues zu erleben? Neue Menschen kennenzulernen, etwas Neues zu erlernen, neue Orte zu sehen? Ich glaube, auch das ist ein Bedürfnis des Menschen, weil wir ohne neue Stimuli nur noch im eigenen Saft schmoren und verlernen, über den eigenen Tellerrand zu gucken. Außerdem glaube ich auch, dass wir ein Bedürfnis nach Schönheit haben und die Schönheit der Welt zu erleben, ist nährend für unsere Seele.
In meinen Selbstzweifeln, um darauf zurück zu kommen, hatte ich all das nicht gesehen oder vergessen. Ich habe öfter mal das Gefühl, alles schon gesehen und erlebt zu haben, was natürlich Unsinn ist. Aber es fühlt sich so an und in diesem Zustand gibt es keinen Raum für die Motivation, hinaus ins Leben zu gehen. Da gibt es nur die müde Frage, wozu das Ganze? Ich bin froh, dass ich mich wieder erinnert habe, was meine Antwort darauf ist und dass ich langsam aber sicher wieder das Bedürfnis verspüre, raus in die Welt zu gehen und sie mit all meinen Sinnen zu erleben. Denn dafür, davon bin ich tief überzeugt, sind wir hier. Dass mich zu viele Selbstzweifel genau daran hindern ist ein unglücklicher Umstand, aber es hat ja auch niemand gesagt, dass es einfach ist. Was hilft, ist Selbsterkenntnis und Selbstregulation und der Wunsch, etwas ändern zu wollen. Mein Fazit lautet also, dass ich durch diese Phase der Selbstzweifel wieder ein Stück weiter gekommen bin, wieder etwas mehr Bewusstheit über mich erlangt habe und auch ein Stück mehr Freiheit: denn wenn es darum geht, Erfahrungen zu machen und nicht darum, etwas richtig oder falsch zu machen, dann fällt eine Menge Druck weg. Es geht nicht darum, ob ich Fehler mache, es geht darum, wie es sich anfühlt, das Leben und die Lebendigkeit. Und im Augenblick fühlt sich das ziemlich gut an.
In diesem Sinne wünsche ich uns allen interessante und erbauliche Erfahrung, was immer wir auch tun.
Herzlich, Eure Merle