Über die Liebe

Die Liebe. Was für ein großartiges Gefühl, was für ein Geschenk, wenn sie in unserem Leben ist. Die meisten von uns sehnen sich danach, die Kunst, Musik und Literatur sind voll von Gedanken und Geschichten zur Liebe und ich würde behaupten, kaum ein anderes Gefühl hat so viel Potential, uns zu Dingen zu motivieren, die wir nicht unternehmen würden, wenn nicht aus Liebe – im Positiven wie im Negativen.

Doch halt. Ist das dann wirklich immer Liebe? Man kann sich fragen, was Liebe ist und wird wohl nie ganz den Kern eines Phänomens treffen, das man fühlen muss um es zu begreifen – dennoch versuche ich hier eine Annäherung an das, was Liebe ist und was sie nicht ist. 

Erich Fromm hat in seinem Buch „Die Kunst des Liebens“ verschiedene Formen der Liebe unterschieden; dem möchte ich folgen und betone daher, dass es hier nicht um die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind geht oder um die Liebe eines Kindes zu den Eltern. Es geht auch nicht um rein platonische Liebe oder die Liebe zu etwas Göttlichem. Ich spreche heute von der Liebe zweier erwachsener Menschen die in einer Partnerschaft sind und sich – hoffentlich – lieben. In diesem Kontext, so scheint mir, gibt es immer wieder ein paar grundsätzliche Missverständnisse über die Liebe, denen ich selber als junger Mensch aufgesessen bin und die, nach meiner Wahrnehmung, sehr weit verbreitet sind.

Ich zäume das Pferd von hinten auf und beginne mit dem, was Liebe meines Erachtens nicht ist:

Liebe hat keinen Zweck und kein Ziel und sie ist also auch nicht dazu da, mich anzufüllen, mein Leben sinnvoll zu machen. Wer darin aufgeht oder in einer Partnerschaft ist, weil er oder sie geliebt wird, hat ein Problem. So verliert man sich selbst und die Liebe des Anderen wird zur Quelle der eigenen Sinnhaftigkeit. Damit kommt eine Abhängigkeit in die Liebesbeziehung, die nicht gesund sein kann. Eigene Projekte, eigene Ziele und der Selbstwert werden so untergraben und die Ausrichtung des eigenen Selbst kreist nur noch um den Anderen, dessen Liebe man unbedingt erhalten will – denn wo wäre man ohne sie? Das ist nicht Liebe, das ist Selbstaufgabe.

Gerne verwechselt werden auch Liebe und Bedürfniserfüllung. „Wenn Du mich lieben würdest, dann würdest Du das für mich tun!“ Mitnichten. Ob jemand bereit ist, etwas aufzugeben, zu wagen oder eine Mühe zu unternehmen, hängt vielmehr von der Persönlichkeit desjenigen ab aber nicht von der Liebe. Die Erfüllung meiner Bedürfnisse ist zu allererst einmal meine Aufgabe. Nicht die des Anderen. Es gibt viele Beziehungen, die auf einem Handel beruhen, in dem man sich gegenseitig wichtige Bedürfnisse erfüllt. Das kann man machen, muss man aber nicht. Problematisch wird es, wenn einer von beiden kein Interesse oder keine Lust mehr hat, das Bedürfnis des Partners zu erfüllen – dann gerät der Handel in Schieflage und damit die Beziehung ins Wanken. Natürlich gehört es in einer reifen Partnerschaft auch dazu, Rücksicht zu üben oder auf den Anderen einzugehen. Soweit es meine Grenzen und meine Bedürfnisse zulassen. Sich zu verbiegen oder in größeren Lebensentscheidungen einen zu hohen Preis zu zahlen ist nicht zwingend ein Zeichen von Liebe sondern eher eine Frage der Machtverhältnisse und Abhängigkeiten. 

Und damit komme ich zum nächsten Missverständnis, der Symbiose. Ja, wir sind in Beziehungen emotional abhängig. Das ist bis zu einem gewissen Grad menschlich und normal und gehört dazu. Deswegen tut es so verdammt weh, wenn eine Partnerschaft auseinander geht oder wir jemanden verlieren. Und doch ist Liebe keine Abhängigkeit, keine Symbiose, schon gar nicht Unterwerfung oder Selbstverlust. Wer glaubt – und hier kommen wir zu einem berühmten Topos der Romantik – ohne den Anderen nicht leben zu können, ist abhängig aber nicht in der Liebe. Eng verbunden mit diesem schiefen Bild dieser emotionalen Verstrickung ist die Sehnsucht. Oft glauben wir, wenn wir uns nach jemandem sehnen, wir lieben sie oder ihn. Selbstverständlich ist das in der Regel Teil einer jeden Verliebtheitsphase. Man vermisst das Objekt der Hingabe, möchte bei ihm sein, alles über es wissen und beschäftigt sich ständig gedanklich mit ihm. Doch der Hormoncocktail der Verliebtheit lässt irgendwann nach und idealer Weise folgt darauf die Phase der Konsolidierung einer reifen Liebe, die loslässt und den anderen sein lassen kann. Die Normalität des Alltags kehrt zurück und jeder und jede steht für sich auf eigenen Beinen. Sehnsucht ist ein wunderbares Gefühl; doch die Sehnsucht nach dem Geliebten ist oftmals nicht mehr als ein Spiegel der eigenen Leere und des Unvermögens, die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen. Das klingt hart, ist aber leider oft so. 

Nicht umsonst wurde in der Psychoanalyse und Psychologie oft genug darauf hingewiesen, dass Verliebtheit ein Zustand der Regression in die Kindheit ist, Freud sprach gar von einer kleinen Psychose. 

Wenn nun aber das alles keine Liebe ist sondern ein psychischer Ausnahmezustand oder eher eine Form von Kooperation, was ist dann die Liebe?

Liebe ist ein Gefühl, ein Zustand, in dem wir uns befinden. Im Englischen heißt es treffend: „to be in love“ – in der Liebe sein. Ich finde das wunderschön, weil es ein Hinweis darauf ist, dass wir Liebe nicht geben können oder sollten sondern dass wir uns in der Liebe befinden. Liebe ist ein Strömen und ein Glanz, den wir ausstrahlen, ein Gefühl und eine Haltung des Wohlwollens und des Mitgefühls. Wenn ich liebe, dann ist es mir wichtig, dass es dem Anderen gut geht. Ich bin am gegenüber interessiert und wünsche mir sein Wohlbefinden. Mein Interesse am Partner ist weniger darauf ausgerichtet, was er für mich tun kann sondern daran, ihn oder sie zu erkennen, in ihrem ganzen Sein. Der Wunsch nach Nähe ergibt sich aus der gegenseitigen Bereicherung und weniger aus dem Füllen meiner eigenen Leere. 

Liebe in einer Beziehung beinhaltet aber nicht nur Interesse sondern auch Toleranz, Respekt, Geduld, Empathie – und Freiheit. Die Freiheit zur Selbstentfaltung, die Freiheit zu Wachsen und vielleicht auch die Freiheit zu gehen. Dann heißt Lieben auch Loslassen, wenn deutlich ist, dass sich Lebenswege nicht vereinbaren lassen oder man sich aus anderen Gründen nicht (mehr) guttut.

Holger Kuntze schreibt in seinem Buch „Lieben heißt wollen“ sehr eindrücklich darüber, dass es erstens sinnvoll ist, eine Liebesbeziehung auf einer Freundschaft aufzubauen und dass es zweitens klug und ratsam ist, immer wieder sich selbst und die Partnerschaft zu prüfen, eine Art Inventarisierung vorzunehmen und sich (gegebenenfalls) immer wieder auch neu für den Anderen bzw. die Beziehung zu entscheiden. Liebe ist hier also auch eine bewusste Entscheidung – für das Miteinander, für die gemeinsame Gestaltung der Partnerschaft oder auch die Ausdifferenzierung individueller Räume der beiden PartnerInnen. 

Und es ist tatsächlich so: ich kann mich jeden Tag, jeden Moment neu entscheiden. In jedem Konflikt, in jeder Situation, in der die Interessen nicht gleich sind, kann ich mich selber fragen: möchte ich hier über meinen Schatten springen? Wie wichtig ist mir hier meine Selbstbehauptung oder aber die Bindung? Und sich nicht immer für die Bindung auszusprechen heißt noch lange nicht, dass man nicht liebt! Sondern es heißt, dass hier Grenzen sind, die ich zugunsten meiner Selbstliebe nicht übergehen möchte. Und Selbstliebe und Liebe widersprechen sich nicht. Im Gegenteil, sie ergänzen sich. Jemanden zu lieben, die gut für sich selber sorgen kann ist ein großes Geschenk. Es macht die Liebe freier von Erwartungen und Ansprüchen und die Liebe ist ein Kind der Freiheit, so schwierig das manchmal auch zu leben ist. 

Warum ist es so schwierig? Weil die meisten von uns von all dem, was ich oben als „Nicht-Liebe“ beschrieben habe, nicht frei sind. Weil Sehnsucht, der Wunsch nach Bedürfniserfüllung und Erwartungen zutiefst menschlich sind und weil Loslassen oft ganz schön schwer ist. Insbesondere, da die meisten von uns Verletzungen und Wunden aus der Kindheit mit uns herum tragen, die geheilt werden wollen, suchen wir nach Liebe und Erfüllung im Außen. Natürlich birgt eine Beziehung das Potential des Nachnährens, aber nicht um den Preis der Aufgabe einer reifen, erwachsenen Liebe. Was es daher meiner Meinung nach braucht ist das Bewusstsein für die eigenen kindlichen Anteile, für die eigenen unerfüllten Wünsche und vielleicht auch für die existentielle Leere, die die meisten von uns kennen. Wenn ich mir all dessen bewusst bin, kann ich differenzieren und bewusst entscheiden, was ich an meinen Partner heran trage und wo ich selber zuständig sein möchte. Ich kann mich zum Beispiel selber um den Schmerz des verlassenen Kindes kümmern anstatt diesen am Anderen auszuleben. Ich kann meine Wut zügeln, wenn das Verhalten des Anderen mal wieder einen wunden Punkt triggert und ich kann großzügig sein anstatt verbissen auf die Erfüllung meiner Bedürfnisse zu drängen.

Liebe in Beziehungen ist also auch ein Balanceakt zwischen Bindung und Selbst. Zwischen Freiheit, Loslassen und Nähe und Verbindlichkeit. Diesen Tanz zu tanzen ist wunderschön und manchmal auch anstrengend. Je mehr ich mich selber liebe, je bewusster ich mir meiner selbst bin, umso einfacher wird es. Denn wenn ich mich selber spüre und sozusagen von mir selbst erfüllt bin, brauche ich Dich nicht. Dann liebe ich.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine zauberhafte Reise zu uns selbst und wer möchte, dem wünsche ich obendrein das Geschenk der getanzten Liebe 😉

Herzlich, Eure Merle

Literatur: Holger Kuntze: Lieben heißt wollen. Erschienen 2018 im Kösel-Verlag
Erich Fromm: Die Kunst des Liebens. Erschienen 2001 im Heyne-Verlag

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