Es ist schwer in diesen Zeiten optimistisch zu sein und Lebensfreude zu empfinden.
Was meine ich mit „diesen Zeiten“? Ich meine Zeiten, in denen die CDU mit der AfD im Bundestag ein Gesetz zur Begrenzung der Migration durchbringen wollte. Ich meine Zeiten, in denen Krieg in Europa herrscht, im Nahen Osten immer noch und in denen ein Mensch wie Trump der Präsident der USA werden konnte. Ich meine Zeiten, in denen der wärmste Januar seit Beginn der Aufzeichnungen gemessen wurde und in denen das Eis an den Polen schmilzt. Ich meine Zeiten, in denen bisher scheinbare Sicherheiten sich als Illusion erweisen oder doch als zumindest zutiefst fragile Konzepte, um die wir kämpfen müssen. Frieden, Freiheit, Wohlstand, Demokratie… all das ist eben nicht selbstverständlich sondern bei uns schwer erkämpft worden und in der Wahrnehmung sehr vieler Menschen jetzt gefährdet bzw. für viele Menschen auf dieser Welt nie Realität gewesen.
Egal, mit wem ich rede – es herrscht Pessimismus in Bezug auf die Zukunft und kaum einer geht momentan zuversichtlich durch das Leben, so scheint es mir. Ich nehme das sehr stark wahr und es berührt mich tief denn ich habe den Eindruck, dass sowohl meine als auch die Stimmung vieler anderer sehr unter den Entwicklungen in Deutschland und der Welt derzeit leidet. Weil so viele Fragen ohne Antworten bleiben, so viele Probleme nach Lösungen rufen und weil diejenigen, die in den Parlamenten und Regierungen sitzen scheinbar oder tatsächlich überfordert sind oder sogar richtigen Bockmist bauen. Zumindest aber hat unsere Regierung den Kontakt zur Bevölkerung verloren und sitzt in einer Bubble, in der sie es versäumt, die Ängste, Nöte und Sorgen der WählerInnen zu adressieren, dort abzuholen, wo diese stehen. Das ist ein riesiges Problem, das meiner Meinung nach immens zum Erfolg der AfD in Deutschland und den Rechten auch in anderen Ländern beiträgt.
Was also tun? Kann ich als Einzelne etwas tun, um der Gefährdung unserer Demokratie und Freiheit etwas entgegenzusetzen? Ich glaube man kann, undzwar auf verschiedenen Ebenen.
Auf einer organisierten Ebene könnte ich in eine Partei oder einen Verein eintreten, die oder der sich für unsere freiheitliche Gesellschaft einsetzt und könnte darin aktiv werden. Darüber denke ich noch nach, bin aber unentschlossen, wem ich meine Kraft, Zeit und Aufmerksamkeit schenken möchte. Vielleicht werde ich diesen Schritt auch nicht gehen, da ich ein Problem mit großen Gruppen habe… ich finde mich darin oft nicht zurecht und empfinde das Diskutieren in ihnen als sehr anstrengend. Ich bin gespannt, wie ich mich entscheiden werde.
Auf einer anderen Ebene kann man sich engagieren, indem man Plakate aufhängt, bei Unterschriftenaktionen mitmacht oder zu Demos geht. Das ist ein recht probates Mittel, um ein wenig aus dem Gefühl der Ohnmacht zu kommen und deshalb bin ich gestern auch auf die Großdemo gegangen und war dankbar für die friedliche Atmosphäre und die guten Reden und Beiträge. Das Problem bei Demos ist ein bisschen, dass sich Menschen, die sowieso von etwas gemeinsam überzeugt sind, eben das nochmal erzählen. Ich habe mich schon gefragt, wieviele potentielle AfD-WählerInnen man damit umstimmen kann oder was so eine Demonstration bringt, selbst wenn über sie in den Medien berichtet wird. Jedoch, es ist gut, ein Zeichen zu setzen und deshalb bin ich froh, dorthin gegangen zu sein – und eine Vielzahl von wunderbaren Plakaten und Transparanten gesehen zu haben, wie unter anderem das „Amore Digga“, das ein Zitat eines/r Unbekannten ist, welches ich hier für meine Überschrift verwende. Ich finde, darin ist eigentlich alles Wesentliche enthalten, worauf es ankommt.
Ich gestehe, ich weiß nicht, ob im Italienischen das Wort amore auch für die Liebe zu den Menschen verwendet wird, oder ob es nur in der romantischen Liebe vorkommt – aber egal. Ich gehe von der Liebe in ihrem weitesten Sinn aus und finde die Kombination mit dem flapsigen „Digga“ so herrlich, weil damit für mich die Einbeziehung aller möglichen, nicht-etablierten Bevölkerungsteile assoziiert ist. (Wohlwissend, dass es sich um ein Wort aus der Jugendsprache handelt.) Jedenfalls finde ich, es bringt die Sache auf den Punkt, denn wer in der Liebe zur Menschheit als solches ist, kann meines Erachtens nicht für den konservativen Rückschritt sein, der uns droht und schongar nicht für die rechtsextreme AfD.
Und hiermit komme ich zu der nächsten Ebene, auf der wir alle etwas tun können. Wir können unsere Liebe zu den Menschen entdecken und unser Mitgefühl und dies in unserem unmittelbaren Umfeld leben. Wir können uns darum kümmern, nicht in Depression und Angst stecken zu bleiben sondern weiter unser Leben in Freude und Fülle so gut es geht zu leben und uns nicht ins Bockshorn jagen lassen, von denen, die mit Hetze und Hass versuchen, eine enge, konservative und unfreie Gesellschaft zu etablieren. Wir können mit anderen Menschen in unserem Umfeld respektvoll und sachlich diskutieren, wenn wir hören, dass sie dabei sind, sich von den rechten Kräften verführen zu lassen und wir können unseren politischen Standpunkt wo es möglich oder nötig ist, kundtun. Je mehr Menschen dies alles tun, umso weiter wird sich der Widerstand gegen die braune Suppe verbreiten, davon bin ich überzeugt. Ohne ins Esoterische abzudriften, möchte ich hier noch anmerken, dass ich daran glaube, dass wir unsere innere Haltung ausstrahlen und dass diese Ausstrahlung auf vielen Ebenen wirkt, auch auf solchen, die wir vielleicht mit dem Verstand nicht erfassen können. Einer die Gesellschaft spaltenden, einengenden und unfreien Politik Liebe zu den Menschen, zur Welt und zum Leben entgegenzusetzen, scheint mir jedenfalls auf persönlicher Ebene das Beste zu sein, was wir tun können.
Das wird natürlich die Probleme im Land weder kurz- noch mittelfristig lösen. Das schafft keine Wohnungen, die dringend benötigt werden, keine Kitaplätze und kein funktionierendes Gesundheitssystem. Um nur drei der drängenden Themen zu nennen und es gibt noch viel mehr. Aber es schafft eine Grundlage für ein Miteinander, für das gemeinsame Lösen von Problemen, für Dialog und eine offene Gesprächskultur, in der verschiedene Standpunkte Gehör und Beachtung finden. Ich gebe zu, ich weiß nicht, wie es zu schaffen ist, rund ein Viertel der Bevölkerung das derzeit die AfD wählen würde, wieder ins Boot zu holen. Ich glaube aber, dass viele dieser AnhängerInnen oder SympathisantInnen nicht überblicken, was sie da wirklich wählen würden und eher aus Trotz oder Wut eine Partei wählen möchten, die so tut, als vertrete sie ihre Interessen. Deshalb ist meine Hoffnung, dass ein Großteil dieser Menschen durch Aufklärung, Gespräche und adäquate politische Lösungen wieder auf den demokratischen Boden zurück geholt werden könnten. Entsprechende Projekte zu implementieren wäre meines Erachtens eine Aufgabe für die neue Regierung, die wir am 23.2. wählen.
Eine Freundin von mir meinte neulich, es sei doch eigentlich Eskapismus, wenn sie in diesen Zeiten zum Tanzen gehe. Ich stimme dem nicht zu bzw. wenn das so ist, kann ich sie dazu nur beglückwünschen. Ich glaube, dass wir gerade in diesen Zeiten etwas für uns und unser Wohlbefinden tun sollten, dass wir gerade jetzt Lebensfreude und Lebendigkeit in unserem Leben haben sollten – denn wenn wir uns der Angst und Hoffnungslosigkeit hingeben, dann haben die, die Angst schüren und damit Politik machen, gewonnen. Was wir tun können, ist, genau diese Liebe zum Leben in die Welt zu tragen und die Fahne der Freiheit und Vielfalt hochzuhalten – und damit mit Farbe dem Grau der Merze und Weidels etwas entgegenzusetzen.
Nennt mich naiv – aber ich glaube wirklich, dass es einen Unterschied macht, mit welcher inneren Haltung und Gefühlswelt wir alle den derzeitigen Entwicklungen begegnen. Ich verstehe jeden, der sich davor zurück zieht und sich damit nicht konfrontieren will. Diese Tendenzen habe ich auch. Und gleichzeitig wünsche ich uns, dass wir es schaffen, Farbe zu bekennen, wehrhaft zu sein und unsere freiheitliche, liberale und bunte Demokratie zu verteidigen – auf welchem Weg auch immer.
In diesem Sinne wünsche ich uns allen Mut, Kraft, Lebensfreude und Liebe – und nicht zuletzt ein erträgliches Wahlergebnis.
Herzlich, Eure Merle