…und das ist gut so.
Seit einer geraumen Weile leide ich unter kreativer Potenzstörung. Ich will malen, aber ich kann nicht. Wenn ich es doch versuche, kommt Murks oder gerade mal was Mittelmäßiges dabei heraus. Leser*innen, die meinen Blog schon länger verfolgen wird aufgefallen sein, dass am Anfang meiner Posts kein Bild mehr erscheint. Aus eben jenem Grund: ich bekomme nichts zustande.
Woran das liegt, hat vielfältige Gründe. Zum einen setze ich mich selber unter Druck: was ich produziere, muss besonders gut sein. Mittelmaß reicht nicht. Jedes Werk ein Treffer, so soll es bitte sein. Dabei weiß ich genau, dass das Quatsch ist, das kann kein Mensch leisten. Aber so ist es nunmal. Ich will mehr und das bitte auf Knopfdruck.
Dabei ist es so, dass Kreativität und der sogenannte Flow einfach nicht herbeizuzaubern sind. Wir Menschen sind keine Maschinen und die Muse küsst mich nicht, wenn ich sie herbei ordere, aber pronto! Nein, die Muse lässt sich Zeit, sie kommt, wann es ihrer Gnaden selbst gefällt, und wenn es nachts um drei ist, wenn ich eigentlich schlafen will. Meine Muse ist sehr launisch und sie lässt sich von allem möglichen ablenken.
Zur Zeit von einem ganz besonders lustigem Thema: ich möchte mir die Handpan, die ich derzeit noch geliehen habe, kaufen. Um das zu tun, muss ich eine etwas größere Summe Geld an den Laden überweisen. Doch ich habe Angst vor dieser Überweisung. Es könnte mir bei der IBAN ein Fehler unterlaufen und dann landet das Geld bei jemand anderem auf dem Konto und ich werde es nicht wieder zurück bekommen, weil dazu der falsche aber glückliche Empfänger (meines Wissens) rechtlich nicht verpflichtet ist. Mir ist das bei einer kleinen Summe, die ich überwiesen hatte, tatsächlich mal passiert und das Geld war futsch. Was, wenn mir das jetzt wieder passiert? Ich habe nun zwar schon die Lösung einer Testüberweisung mit einem kleinen Betrag gefunden, aber meine Muse findet, so lange ich mich damit beschäftige, gibt es keinen Raum für Kreativität. (Nur so nebenbei: hat jemand anderes außer mir auch Bedenken, große Summen an Geld zu überweisen oder bin das nur ich?)
Dann gibt es noch andere Dinge, die herrlich ablenken und die Muse verschrecken: ich kann mich Stunden lang damit beschäftigen, was ich eigentlich alles tun müsste. Wäsche waschen, Staubsaugen, Kaffe trinken, noch eine rauchen, nochmal Mails checken, war eigentlich die Post schon da? Handpan spielen… Außerdem stehen einige unangenehme Arzttermine an und das Wetter war auch so lange schlecht und und und. Kein Wunder also, dass das mit dem kreativen Flow gerade nicht hinhaut. Interessanter Weise kann ich mich gerade nicht mehr daran erinnern, wie das zu Zeiten war, als es gut lief mit der Malerei. Ich habe nicht den Eindruck, dass sich groß etwas geändert hätte. Aber vielleicht ist die Muse in der Midlife-Krise und ich bin zu ungnädig.
Worauf ich mit all dem hinaus will: Druck macht keinen Sinn. Stress macht keinen Sinn. Selbstvorwürfe und Selbstzweifel machen keinen Sinn. Was es braucht ist die radikale Akzeptanz und die Einsicht, dass Vieles im Leben eben seine Zeit hat und dass es Phasen gibt, in denen es nicht so läuft, wie wir uns dann wünschen. Unser Körper, unsere Seele, unser Geist haben ihr eigenes Tempo und je mehr wir wollen und uns bemühen, umso schwieriger wird es oft, das Ziel zu erreichen.
Apropos Ziel: ich konstatiere, dass es auch oft keinen Sinn macht, sich ein Ziel zu setzen. Wie beim Sex, der schön an sich ist und kein Ziel haben sollte, so ist es auch mit anderen Dingen, bei denen wir im Fluß sein wollen: der Schöpferkraft in mir den Raum und die Zeit zu geben, sich zu entfalten und nicht nach dem besten Ergebnis streben – in diesem Zustand kommen die schönsten und berührendsten Bilder zustande. Der Kreativität in mir ist egal, wem gefällt, was ich mache. Sie ist eine Kraft, die aus dem Innersten fließt und einfach ausgedrückt werden will, ohne Noten, ohne Kriterien und ohne Vergleiche. Nicht der Verstand, sondern die Intuition wissen dann genau, wie was auf dem Papier oder der Leinwand komponiert werden will. Das untrügliche Gefühl für das rechte Maß, für die sich ergänzenden Farben und Formen kommt dann wie von allein.
Aber eben nicht auf Knopfdruck. Und ich denke, das wird für immer den großen Unterschied zwischen der menschlichen Schöpferkraft und der künstlichen Intelligenz ausmachen. Ich hoffe es zumindest stark. Wer mal mit ChatGPT gearbeitet hat, der weiß und spürt, dass da immer das menschliche Element fehlt. Natürlich wird sich das noch weiter entwickeln, aber ich denke, selbst wenn irgendwann unendlich viel Wissen und Information eingespeist wurde – programmieren lässt sich der Faktor Seele, der Flow und die Intuition dann doch nicht.
Kunst per Mausklick gibt es und wird es geben, aber ich bin davon überzeugt, dass sich das vom Menschen erzeugte Werk immer merklich davon unterscheiden wird. Weil es eben nicht perfekt berechnet ist. Weil es immer auch ein Ergebnis der Biographie und der Lebenswelt des Künstlers ist. Weil die Perspektive des Computers nie die des fühlenden Menschen sein kann und weil Kunst nichts mit Perfektion zu tun hat. Man kann so ziemliches alles berechnen – aber nicht die Seele und nicht den menschlichen Faktor. Und ein gutes Bild enthält beides.
Also bin ich froh und dankbar, dass ich keinen Knopf zum an- und ausschalten habe und danke meiner Muse, dass sie so flatterhaft ist und mich derart dazu zwingt, mich mit mir und meinen Ablenkungen auseinander zu setzen. Denn eines ist auch klar: wenn ich mich nicht immer wieder hinsetze und versuche zu malen, dann wird es nie zu etwas Neuem kommen. Das heißt: Mut zum Scheitern ist gefragt. Denn ohne dies findet keine Entwicklung statt. Ohne sogenannte Fehler, ohne auch immer wieder Bockmist zu produzieren, wird kein besseres Bild je entstehen. Warum das so ist, frage ich mich schon lange. Ich denke, es liegt daran, dass menschliche Kreativität den ganzen Menschen braucht. Und weil das Entstehen von etwas Neuem den Mut verlangt, Risiken einzugehen. Etwas Neues auszuprobieren heißt auch oft, erstmal nicht zu wissen, wohin die Reise geht und wer von vorneherein Angst hat, falsch abzubiegen, kann diese Reise nicht frei gestalten.
Also ist es wichtig, einfach mal drauflos zu machen, sich um nichts zu scheren und der inneren Stimme ihren Lauf zu lassen – egal, ob das Ergebnis sehenswert ist oder nicht. Irgendetwas wird von dem Versuch schon hängen bleiben, irgendetwas kann man doch daraus lernen und weiter verwenden und es beim nächsten Mal gezielter einsetzen. Um dann vielleicht nochmals zu Scheitern, aber das macht nichts.
Also stelle ich mich jetzt aufs Scheitern ein und werde versuchen, meine inneren Kritiker mit Leckerlis abzulenken. Vielleicht kommt dann die Muse irgendwann wieder vorbei und wir haben mal wieder eine echt gute Zeit im Flow. Um dann danach wieder eine Phase des Scheiterns zu bewältigen 🙂
In diesem Sinne wünsche ich uns allen, die wir kreativ sind oder sein wollen eine gefällige Muse oder doch zumindest den Mut zum Scheitern.
Herzlich, Eure Merle