Das Lob – ein unterschätztes Ding

Heute möchte ich Dich, liebe Leserin, lieben Leser, einladen, einmal etwas Neues auszuprobieren:

Versuche einmal durch Deinen Alltag zu gehen und anderen Menschen ehrliches Lob oder ein ehrliches Kompliment zu machen. Findest Du, dass Deine Freundin heute besonders schön aussieht, dann sag ihr das. Hast Du eine Diskussion mit Freunden und jemand drückt sich besonders gut aus und stellt einen Sachverhalt gut und verständlich dar, dann gib der Person eine entsprechende Rückmeldung. Findest Du, Deine Partnerin/Dein Partner hat ein besonderes Talent in etwas, dann lass sie oder ihn das wissen. Nimm wahr, was Dir in Deinem Umfeld oder in der Arbeit oder auch beim Einkaufen positiv auffällt und teile Dich Deinen Mitmenschen mit! Ja, das geht auch mit Fremden! „Sie haben aber ein ansteckendes Lächeln.“ Ich habe neulich einer jungen Frau, die in der Schlange an der Kasse vor mir stand gesagt, dass ich ihre Haare traumhaft finde und sie dafür beglückwünscht, solche eine Haarpracht zu haben. (Sie war wirklich unglaublich.) – Die Freude im Gesicht der jungen Frau war unbezahlbar. 

Warum schlage ich das vor? Weil es Dich und den Anderen glücklich macht. Es ist unglaublich, wie sich die Stimmung, die Dynamik und eine Situation verändern, wenn wir unsere Mitmenschen positiv bestärken und ihnen Anerkennung zukommen lassen. Ich habe Freundinnen, mit denen ich das schon länger so praktiziere und ich kann gar nicht sagen, wie wohltuend das ist. Nicht, weil ich Lobhudelei mag oder ein Defizit an Anerkennung in meinem Leben habe. Sondern weil jeder Mensch ein gewisses Maß an Anerkennung braucht und mag und diese zum Selbstwert beiträgt und diese wiederum eine wichtige Säule von Resilienz ist.

Es geht nicht darum, den Anderen über den grünen Klee zu loben oder zu lügen. Das merkt man ohnehin schnell und dann hat man alles verschlimmbessert. Nein, es geht eigentlich nur darum, unsere Mitmenschen wissen zu lassen: ich sehe Dich. Ich nehme Dich wahr und achte und schätze Dich dafür, wer Du bist. Das ist Balsam für jeden und ich kenne eigentlich niemanden, der sich nicht über Wertschätzung freuen würde. Ich habe damit angefangen, aktiv positive Rückmeldungen zu geben, weil ich gemerkt habe, dass das wenig getan wird in unserer Gesellschaft. Man muss sich schon in ganz bestimmten Kreisen bewegen, wenn man Wert auf wertschätzenden Austausch legt und oft sind das dann „Milieus“, in denen mir zu viel sozialer Weichspüler verteilt wird. Ich bin kein Esotherikschlumpf (komisch, das Wort kennt die Rechtschreibkorrektur nicht, grins) und keine Sozialpädagogin die alle gern bei der Hand nimmt um zu sagen, dass wir uns alle lieb haben. Nein, das meine ich nicht. Was ich meine, ist ehrliches, aufrichtiges Kommunizieren über das, was mir an jemandem gefällt. Weil es Freude macht, weil es bereichernd für beide ist, weil es den Zusammenhalt stärkt und mindestens jemandem den Tag versüßt.

Wir Deutschen neigen ja zu der Auffassung „Nicht geschimpft ist gelobt genug.“ Ich finde diese Haltung verheerend, vor allem, wenn sie bei Kindern angewendet wird, was in meiner Generation noch Gang und Gäbe war. Ich kann nur hoffen, dass unsere Kinder heute anders aufwachsen. Jedenfalls ist die Abwesenheit von Anerkennung, Lob und Wertschätzung tatsächlich ungesund. Positives Feedback kann das Gefühl von Isolation überwinden (Einsamkeit ist eine der größten Krankheiten unserer Zeit) und lässt uns verbunden fühlen. Ein Gefühl, ohne dass man dauerhaft betrachtet depressiv wird. Sich positiv im Anderen zu spiegeln ist für die Psychohygiene so wichtig wie auch der freundliche und herzliche Umgang mit uns selbst. Ich mag es auch nicht, dass in vielen Beziehungen – seien es Partnerschaften, Arbeitskollegen oder andere Kontakte – vieles als selbstverständlich hingenommen wird. Ich finde es schade, dass wir irgendwie gelernt haben, cool sein zu müssen anstatt zugewandt oder herzlich. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine kleine szenische Opernaufführung vor vielen Jahren, bei der mir der Tenor unglaublich gut gefallen hat, er hatte eine tolle Stimme. Also ging ich nach der Aufführung, als sich die Gelegenheit ergab, zu ihm und sprach ihm ein Kompliment für seine Stimme aus. Mein damaliger Freund war ganz verblüfft und erstaunt, dass ich den Mut gehabt hatte, den Sänger anzusprechen und ihm meine Bewunderung auszudrücken. Und ich dachte nur: ja, warum denn nicht, der freut sich doch bestimmt!  Oder wie oft versinken Partnerschaften in Routine und es wird sich nicht mal mehr bedankt dafür, dass der Andere gekocht hat oder den Abwasch gemacht hat. Eine andere Situation läuft mir hin und wieder im Kundenservice über den Weg, wenn ich gut beraten wurde oder im Café aufmerksam bedient wurde – dann honoriere ich das und sage auch gerne ein paar Worte dazu. Weil es eben nicht selbstverständlich ist. Weil es toll ist, wenn meine Mitmenschen ihr Bestes geben und ihren Job gut machen. 

Wer Lob und Wertschätzung in die Welt bringt, übt damit meiner Erfahrung nach außerdem auch, mit sich selber wertschätzender umzugehen. Wie gesagt, es geht nicht um Bauchpinselei oder Honig ums Maul schmieren sondern um authentische Begegnungen. Wer könnte dem widerstehen? Tatsächlich ist es so, dass Anerkennung zur Ausschüttung der Glückshormone Serotonin und Dopamin führt – wenn das nicht überzeugt, dann weiß ich auch nicht. Und das Tolle ist, dass der Selbstwert nicht nur beim Empfänger der Wertschätzung steigt sondern auch beim Geber oder Sender. Ich gebe also nicht was weg und habe dann ein Minus an Energie sondern ich bekomme selbst etwas zurück. Freundlichkeit, Interesse und Wohlwollen das wir ausdrücken, ist keine Einbahnstraße, sie verbindet uns und macht damit die Welt auch ein bißchen besser.

Von daher lade ich alle ein, sich öfter mal zu trauen und anderen eine Lob und Anerkennung auszusprechen. Ihr werdet sehen, es tut nicht weh, es macht Freude, ist nicht peinlich oder aufdringlich (wenn der Kontext und die Wortwahl stimmt ;-)) und wird auch Dir den Tag verschönern.

In diesem Sonne wünsche ich uns allen viele anerkennungswürdige Situationen und viel Spaß beim Lob verteilen!

Herzlich, Eure Merle

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