
…oder: Das verzerrte Selbstbild.
Neulich habe ich mir den Film „Wunderschön“ von Karoline Herfurth angesehen (der erste Teil zum derzeit laufenden Kinofilm „Wunderschöner“) und darin gibt es eine tolle Szene. Zwei Frauen betrachten ein Gemälde von Picasso, das auf den ersten Blick zwei Frauen zeigt, die eine etwas mollig, die andere noch molliger. Die eine Betrachterin mag das Bild nicht und fragt leicht verächtlich, ob die sich so ansehen, weil sie traurig darüber sind, dass sie dick sind. Darauf sagt die andere, dass das für sie nicht zwei Frauen sind sondern eine Frau, die sich im Spiegel betrachtet.
Aus der Forschung weiß man, dass viele Frauen sich, wenn sie sich im Spiegel betrachten, anders wahrnehmen, als sie in der Realität aussehen. Nämlich in der Regel dicker, als sie sind. Dies gilt insbesondere von Frauen mit Essstörungen wie Bulimie und Magersucht. Warum spreche ich hier nur von Frauen? Weil ich heute über das verzerrte Selbstbild der Frauen schreibe, das in der Regel sehr viel negativer und abwertender ist, als es der Realität entspricht und weil Männer, nach allem was ich bisher gelesen und erlebt habe, weniger unter diesem Phänomen leiden als Frauen.
In der Regel sind es Frauen, die sich übermäßige Sorgen um ihr Äußeres machen, die hungern und leiden, um schön zu sein bzw. einem Schönheitsideal zu entsprechen. In der Regel sind es auch Frauen, die sich selbst kritischer und schuldbewusster betrachten als Männer dies tun. Frauen suchen Fehler zuerst bei sich und sind dabei meist sehr „erfolgreich“. So wundert es mich auch nicht, dass ich selten eine Freundin sagen höre: heute gefalle ich mir und bin zufrieden mit mir! Meist kommen eher Dinge wie: ich hab schon wieder nicht geputzt; ich glaube ich war meinem Freund gegenüber nicht sensibel und aufmerksam genug; ich muss dringend mehr arbeiten; ich sehe heute gar nicht gut aus; ich fühl mich mit meiner Figur nicht wohl…. man erkennt das Muster und es ist leider sehr oft das tief in uns verankerte Gefühl, nicht gut genug zu sein.
Ich kenne das bestens von mir selber. Das Bild ist mir nicht gelungen, ein Gespräch nicht gut gelaufen, die Wohnung sieht aus wie Sau, die Waage ist mal wieder ungnädig… es ist so verdammt einfach, sich selber nieder zu machen und auf Anhieb zig Dinge an mir zu finden, die mir nicht gefallen, die ich besser können möchte, in denen ich unzufrieden mit mir bin. Stärken oder schöne und attraktive Seiten an mir…. da braucht es schon etwas länger, bis mir die einfallen. Und das war ein langer Weg dahin, dass sie mir überhaupt einfallen. Ich hatte früher wenig Ahnung von meinen Fähigkeiten und mich schön finden…. Gott bewahre! Ich bin froh, dass sich das geändert hat, aber da ist auch noch Luft nach oben. Es ist also gar nicht immer so leicht, ein realistisches Bild von sich zu haben und eine Vielfalt an eigenen Aspekten wahrzunehmen, die hellen und die dunklen.
Warum das so ist, scheint ziemlich klar: die Erziehung, Rollenvorbilder, früher oder später der mediale Einfluss, Werbung, Rollenklischees… da gibt es in unserer immer noch stark patriarchal geprägten Welt noch viel zu tun, bis wir gleichberechtigte und freie Geschlechter haben.
Doch worum es mir geht ist, wie kann ich mir selber eine gute Freundin sein und mehr Augenmerk darauf legen, wie toll ich bin? Nun, ich würde zum einen damit anfangen, dem inneren Kritiker häufiger die rote Karte zu zeigen und jedes Mal wenn mir auffällt, dass ich mal wieder self-bashing betreibe sofort einschreiten und sagen: Danke für den Hinweis, aber das ist jetzt nicht wichtig! Und zum anderen kann frau anfangen ein positiv-Tagebuch zu führen, in das sie einträgt, was ihr alles gelingt, was sie gut an sich findet, worin sie sich mag. Darin immer wieder auch zu lesen, ist dringend empfohlen!
Wer jetzt beim Lesen Scham oder Fremdschämen empfindet , sollte sich ernsthaft mit dem eigenen Selbstbild auseinander setzen. Es ist nämlich überhaupt nichts verkehrt daran, sich selbst gut zu finden und auch zu wissen, warum! Wobei die beste Nachricht des Tages vielleicht ist: ich darf mich auch toll finden, ohne konkrete Gründe dafür zu haben – noch besser! Den meisten fällt das nur ziemlich schwer, weshalb es oft hilfreich ist, damit anzufangen, Gründe und Argumente zu sammeln, was man alles an sich mag. Oder was frau sich vorstellen kann, was andere an einem mögen. Wobei das zweischneidig sein kann, denn das muss nicht übereinstimmen mit dem, was ich an mir gut finde – und darum geht es letztlich. Ich bin mein Maßstab und ich setze meine Kriterien. Niemand anderes sonst hat das Recht, über mich zu urteilen.
Nur sollten wir anfangen, mit unserem Urteil über uns selbst sehr viel gnädiger zu sein und uns nicht ständig selber erzählen, was wir schon wieder alles nicht geschafft oder falsch gemacht haben oder dass die Augenringe heute besonders dunkel sind. Das Bild, dass viele Frauen von sich haben, ist so verzerrt, dass sie unglaublich viel Zeit und Energie aufwenden, um sich selbst zu optimieren. Davon lebt eine ganze Industrie. Wie schön und wohltuend wäre es, wenn ich mich einfach selber in den Arm schließen könnte und mir sagte: genau so wie Du bist, bist Du goldrichtig! Ist es nicht auch das, was sich die meisten vom Partner wünschen? Und warum nicht selber bei sich selbst anfangen?
Und wenn wir uns schon die Frage stellen, bin ich gut genug, könnten wir dann bitte auch über das Äußere und Äußerlichkeiten hinaus gehen? Uns dafür lieben, dass wir humorvoll, liebevoll, zuverlässig oder was weiß ich was sind? Es sind nicht meine Oberschenkel, die mich definieren, auch wenn die Werbung mir das weismachen will. Es sind viele kleine und große Teile die uns zum Ganzen machen und ganz viele davon sind bestimmt wunderschön und sehens- und liebenswert. Wir müssen nur genau hinschauen und uns auf das Experiment der Selbstakzeptanz einlassen.
Sich selbst gut genug zu sein heißt nicht, sich ständig und über alles Maß für alles zu loben und sich für die Krone der Schöpfung zu halten. Sich selbst gut genug finden heißt für mich, sich selbst erkennen und weder vor den schönen noch vor den weniger schönen Aspekten des eigenen Seins zurück zu scheuen. Sich selber loben können ist wunderbar, genauso wie es zur Selbstliebe gehört, die eigenen Abgründe anzuerkennen und Fehler einzugestehen. Es ist also eine Frage der Balance und des rechten Maßes, auf das es ankommt.
Und warum ist das alles überhaupt wichtig? Weil wir uns lähmen und am Leben vorbei leben, wenn wir ständig damit beschäftigt sind, unserem inneren Kritiker zu glauben. Weil wir uns von Dingen abhalten lassen, uns Dinge nicht zutrauen und uns verstecken, wenn wir uns nicht selbstbewusst und wohlwollend betrachten. Weil wir hier sind, um das Leben so gut wir möglich auszuschöpfen und zu erfahren und uns in unserem Licht zu zeigen, anstatt in Sack und Asche zu gehen und den Kopf einzuziehen. Wie es so schön in dem Lied „Für die Sterne“ von Dota heißt: „…ich bin hier um zu blühen…“ (DOTA Für die Sterne)
Noch ein Wort zum Schluß: auch wenn ich hier vor allem über Frauen geschrieben habe, bin ich mir durchaus dessen bewusst, dass es auch Männer gibt, die ein verzerrtes und zu negatives Selbstbild haben. Ich bin nur davon überzeugt, dass dies unter Frauen weit mehr verbreitet ist und ich schreibe hier auch über Frauen, weil ich nunmal selber eine bin.
Und last but not least: wer sich für das Thema Frauen und Selbstbild und Feminismus interessiert, dem lege ich dringend ans Herz, sich den Film „Wunderschöner“ im Kino oder/und den ersten Teil bei einem Streamingdienst anzugucken. Sie sind beide absolut sehenswert und zeigen sehr eindrücklich, dass es mit unserer Freiheit und Gleichheit auch heute noch gar nicht so weit her ist.
In diesem Sinne wünsche ich uns allen, egal ob Männlein oder Weiblein, fröhliches Blühen!
Herzlich, Eure Merle