
Es ist Samstag Abend, wir sind auf einer Geburtstagsfeier, es ist schon spät. Zwar fährt noch die S-Bahn, aber der Weg dahin ist uns zu weit und daher beschließen wir, uns für die Heimfahrt ein Taxi zu nehmen. Wir, das sind zwei Frauen und ein Mann. Die eine Frau wird etwas früher aussteigen als das Paar. Wir haben außerdem drei große Instrumentenkoffer dabei. Alles kein Problem, ich rufe bei der Taxizentrale an, der Wagen soll in wenigen Minuten da sein. Ist er auch. Das Taxi braust mit offenen Fenstern in der kühlen Nacht heran, grüßt uns freudig auf Arabisch und ich denke noch: wie lustig, ein Witzbold. Dann steigt er aus und fängt an zu palavern und als er die drei großen Handpan-Koffer sieht, fragt er, ob das Büstenhalter, also BHs seien. Und das ist der Auftakt zu einer nicht enden wollenden Orgie an Anzüglichkeiten, die schließlich während der Fahrt darin gipfelt, dass er uns alle drei zu sich nach Hause einlädt, ach nein, dann doch lieber wissen will, wo die Dame, die früher aussteigt, denn wohnt und hinfährt. Er müsse sie beschützen.
Wir reagieren alle drei kurz angebunden und leicht humorig, aber mir ist mulmig und unwohl. So etwas habe ich tatsächlich im Taxi noch nicht erlebt und ich finde es unverschämt bis zum Teil etwas beängstigend. Wäre ich allein in dem Auto gesessen, hätte ich ernsthaft in Erwägung gezogen, während der Fahrt um einen Stopp zu bitten und ich hätte mir ein anderes Taxi gerufen. Heute habe ich den Link in der SMS der Taxizentrale genutzt und habe die Fahrt inklusive Fahrer bewertet, undzwar so, dass mir dieser Fahrer nicht mehr geschickt werden wird. Aber er wird zukünftig sicher andere Kundinnen weiter belästigen, wobei ich die leise Hoffnung habe, dass mein Kommentar zu einem Gespräch mit dem Fahrer führt.
Warum ich das hier erzähle ist, dass ich das Ganze in einem größeren Rahmen sehe, nämlich dem, dass mir im Laufe meines Lebens einfach immer wieder Männer über den Weg laufen, die es nicht sein lassen können und übergriffig sind. Ob blöde Anmache beim Daten oder im Club, Getatsche im Menschengewühl, Exhibitionisten in den Öffentlichen oder auf Parkplätzen, oder einer, der sich beim Joggen im Park in den Weg stellt und lauthals etwas über meine Brüste herumschreit… alles schon da gewesen und ich habe ehrlich gesagt sowas von die Nase gestrichen voll davon. Jetzt kann man sagen, ja, das ist ja alles nicht wirklich bedrohlich. Himmel bewahre, das war es wohl nicht, aber es ist doch mehr als unangenehm und trägt einfach nicht zum Gefühl von Sicherheit in der Öffentlichkeit bei, besonders, wenn ich abends allein auf den Straßen nach Hause gehe.
Und ich frage mich, was das soll und woher das kommt und es ist wohl einfach immer noch so, dass Frauen von vielen Männern als das schwache Geschlecht gesehen werden, mit denen man es ja machen kann. Objekte, die beliebig begafft, beschimpft, belabert und berührt werden können, als ob die Frau kein gleichwertiges Wesen wäre und vor allem, als ob diese Männer ihre Hände und Gedanken nicht bei sich behalten können. Was muss passieren, was muss getan werden, damit das endlich aufhört? Und vor allem, wie kann man es ändern, dass so viele Frauen es als gegeben hinnehmen, dass das nunmal passiert, dass das zum Leben einer Frau dazu gehört?
Ich muss sagen, in der Regel fackle ich in solchen Situationen nicht lange. Wer mich absichtlich unsittlich berührt, bekommt meinen Ellenbogen oder anderes zu spüren. Je nach Situation und Alkoholpegel des Offenders werde ich laut bei blöden Sprüchen oder gehe sofort und wenn es um Straftaten geht, hole ich die Polizei. Ich lass mich nicht ein auf Diskussionen und Schäkereien und bin sehr deutlich in meiner Abgrenzung. Von daher ärgere ich mich heute tatsächlich, dass ich dem Taxifahrer gegenüber nicht klarer die Grenzen gezeigt habe und ihn gebeten habe, schweigend weiter zu fahren. Das wäre eigentlich das Richtige gewesen.
Es ist widerlich wenn jemand denkt, er könne seine zweideutigen und anzüglichen Reden einfach so ablassen und es ist ein Zeichen von mangelndem Respekt und Höflichkeit, aber auch eine Machtfrage. Männer, die solche Dinge tun, glauben, sie seien überlegen (trotz wahrscheinlich eines ganz kleinen Selbstwerts) und können sich alles erlauben. Das ganze wird dann noch als Humor betitelt und Frauen, die sich dagegen wehren sind dann gerne mal „frigide Zicken“.
Es ist lange her, da hatte ich einen Vorgesetzten der in meinem Beisein mit einem Kollegen Anzüglichkeiten austauschte. Ich bat ihn daraufhin in einem ruhigen Moment, bitte 5 Euro in ein Macho-Sparschwein zu geben. Das saß und er hielt sich daraufhin zurück. Nicht alle Männer sind so – zumindest oberflächlich – einsichtig und oft schon habe ich mich gefragt, kennt der jetzt die letzte Grenze? Sind das nur blöde verbale Ausfälle oder kommt da noch mehr? Muss ich Angst haben?
Wie oft schon bin ich abends nach Hause gelaufen und guckte ständig über die Schulter, ob mir nicht doch jemand folgt… Ich finde es zum Kotzen, dass das eben doch zu einem gewissen Grad Normalität für eine Frau ist. Oder dass man abends eben nicht die Abkürzung durch den dunklen Park nimmt. Wieso muss ich mir über so etwas Gedanken machen? Weil es eben Dreibeiner gibt, die sich nicht im Griff haben und das ist die fiese Wahrheit.
Zum internationalen Frauentag am 8. März ging es wieder um Gleichberechtigung, equal pay und anderes mehr. Es ist ja schön, dass es so einen Tag gibt, an dem diese Themen ins Bewusstsein gerufen werden sollen – aber wann kommt das auch bei den Männern an? Ich glaube, wir Frauen müssen uns alle viel öfter und lauter zur Wehr setzen, wenn es zu Übergriffen kommt. Wir müssen unsere Stimmen erheben und wenn es geht, Aufmerksamkeit auf die Situation lenken. Manchmal hilft nur gehen, manchmal ist es zu gefährlich, auch das kam schon vor, weil der Mann einfach um einiges größer, breiter und aggressiver war und die Hand erhob. Und da niemand im Umfeld reagierte, nahm ich die Beine in die Hand. Aber eigentlich müssen diese Dinge ständig Thema sein. Verbale oder physische Gewalt gegen Frauen muss Thema sein. Ich möchte irgendwann eine Gesellschaft sehen, in der es von allen verpönt ist, dass der Kellnerin Schlüpfrigkeiten zugerufen werden; in der es keine Frauentaxis braucht, in der Gleichberechtigung nicht nur ein Lippenbekenntnis von Führungskräften ist und in der nicht in Deutschland jeden Tag eine Frau ermordet wird. Das hat nichts mit Anzüglichkeiten im Taxi zu tun? Doch, das hat es. Ich sage nicht, der versaut redende Fahrer ist ein Frauenmörder, ich sage aber, dahinter steckt in beiden Fällen ein strukturelles Problem der ungleichen Machtverteilung und der Wahrnehmung der Frau als beliebig zu behandelndes Objekt.
Wir haben noch viel zu tun. Der Feminismus ist in meiner Wahrnehmung zu leise geworden und die jungen Frauen von heute nehmen als zu selbstverständlich hin, was die Generationen an Frauen vor ihnen an Rechten und Freiheiten erkämpft haben. Im neu gewählten Bundestag sitzen nur 32,4 % Frauen, das ist ein beschämend geringer Anteil. Da man man sich schon ernsthaft fragen, wie gut es um die Gleichberechtigung und das Verhältnis der Geschlechter bei uns bestellt ist.
Wer sich jetzt fragt, was denn mit dem Mann war, der bei uns im Taxi saß – der wurde wahlweise ignoriert oder in die Anzüglichkeiten mit einbezogen und er war von dem Gerede des Fahrers genauso angewidert und perplex wie ich als Frau. Und nein, ich hätte nicht gewollt, dass er als Mann ein Machtwort spricht und das unterbindet, das wäre genauso meine Aufgabe gewesen. Die Situation war leider insofern typisch, als dass wir alle drei so überrascht und eben perplex waren, dass wir gar nicht adäquat reagieren konnten. Wir langten uns ans Hirn und wollten einfach nur, dass die Fahrt vorbei ist. Aus heutiger Sicht ein Fehler, aber auch allzu verständlich. Und so ist es leider oft bei solch vermeintlich harmlosen Vorfällen. Frau ist so entsetzt oder überrumpelt, dass sie es irgendwie auf sich beruhen lässt und einfach froh ist, wenn die Situation vorüber ist. Dabei müssten wir viel öfter Alarm schlagen und klare und unverrückbare Grenzen setzen. Auch wenn es „nur“ um verbale Übergriffe geht.
Das erfordert Mut und Geistesgegenwart, die wir nicht immer haben. Aber es ist auch eine Übungssache und verdient der besonderen Aufmerksamkeit.
In diesem Sinne wünsche ich heute mal uns Frauen eine gehörige Portion Mut und Durchsetzungskraft, wo immer wir sie benötigen und ein gutes Gespür für die Situation, falls nur noch das Gehen hilft!
Herzlich, Eure Merle
Post Scriptum: Mir ist durchaus bewusst, dass es auch Männer gibt, die unter struktureller Gewalt leiden und dass es auch von Frauen aus Gewalt gegen Männer gibt. Da ich heute aber über die Übergriffe in der Öffentlichkeit schreibe, die vor allem eine Domäne des männlichen Geschlechts sind, geht es heute mal um die Perspektive der Frauen.