Eigentlich wollte ich nicht drüber schreiben. Oder nein, ich wollte erst drüber schreiben, wenn ich so richtig übern Berg bin und mir ganz sicher bin, dass ich es geschafft habe. Nach nunmehr zwei Wochen bin ich mir nicht sicher, ob ich jemals über den Berg sein werde und ob sich jemals das Gefühl einstellen wird, es wirklich geschafft zu haben. Nikotin ist ein fieses Zeug, Zigaretten waren seit mehr als dreißig Jahren fester Bestandteil meines Lebens. Jetzt ohne zu sein ist wie amputiert sein. Der Alltag ist grau, entgegen aller gegenteiligen Beteuerungen von denen, die einem das Aufhören schmackhaft machen wollen, schmeckt nichts besser sondern fahler und die Tage ziehen sich ohne die Tabakzäsuren zäh wie Kaugummi dahin.
Ich bin kein besonders disziplinierter Mensch. Sonst würde ich regelmäßig Sport machen und mich gesund ernähren. Beides gelingt mir leidlich. Dass ich aufgehört habe zu rauchen lag daran, dass ich krank war und wie eine Verrückte gehustet habe. Da dachte ich mir, da kann ich unmöglich weiter rauchen und fand das wäre die Gelegenheit, damit aufzuhören. Niedrigeres Krebsrisiko, geringere Wahrscheinlichkeiten von Herzinfarkt, Schlaganfällen und Trombosen…. mit 50 fange ich an, mir Gedanken über diese Dinge zu machen. Und habe vermehrt Angst, dass es mich erwischen könnte. Also ist es nur sinnvoll und logisch, mit dem Rauchen aufzuhören. Doch wie ich es hasse. Ich verabscheue dieses Gefühl der Leere und des leichten Kopfes, als ob ich über dem Boden schwebe. Menschen sagen mir, ich sähe frischer aus – ich fühle mich müder und abgeschlagener. Doch noch bin ich eisern dabei, übe mich im Verzicht, habe ab und zu ein kleines Hoch weil ich mir toll vorkomme, so als neue Nichtraucherin… Wenn ich Menschen sehe, die Rauchen, überkommt mich nicht sofort der Neid oder das Verlangen, nach einer Kippe zu fragen. Es lässt mich eher kalt. Tatsächlich habe ich zu Hause noch Tabak und Paper und Filter und ich denke so gut wie nie daran, mir eine zu drehen. Ich habe oft das Craving, das Verlangen nach einer Zigarette, aber den nächsten Schritt zu gehen, der Gedanke kommt mir kaum in den Sinn. Ich bin fest entschlossen, es dieses Mal hinzubekommen, mit dem Aufhören.
Zwei Wochen. Treppen zu steigen ist lungentechnisch noch genauso anstrengend. Essen schmeckt nicht besser. Den Geruch nach Rauch habe ich in meiner Wohnung nie als besonders ausgeprägt empfunden, da ich nur in der Küche bei offenem Fenster geraucht habe. Selber drehen war jetzt nicht so wahnsinnig teuer. Wann also kommen die Vorteile? Wann fühle ich mich fitter, freier, gesünder? Dass die Gefühle oft dem Verstand hinterherhinken, ist ja nichts Neues, aber wie lange soll ich denn noch warten bis sich mein sehr vernünftiger Entschluss auch gut anfühlt? Ich habe natürlich im Netz recherchiert und da steht eigentlich überall, dass so nach 2 Wochen das Gröbste rum ums Eck ist. Bin ich also nur zu ungeduldig? Ist es in ein paar Tagen besser?
Ich habe meine Zweifel. Mich beschleicht so langsam das Gefühl, dass die Menschheit eben einfach in Raucher und Nichtraucher aufgeteilt ist und dass Raucher die sind, die wirklich wissen, was Genuss ist. Müßiggang. Kontemplation. Meditation mit Kaffee. Die Zigarette als Minutenerleuchtung im Sinne des ganz im Hier und Jetzt seins und ja, auch der Atem ist dabei. Wenn das nicht spirituell ist, weiß ich auch nicht. Tapfer halte ich mich an dem Wissen fest, dass die Wahrscheinlichkeit einer Herz-Kreislauferkrankung und auch die von Krebs jetzt sinkt, jetzt, wo ich nicht mehr rauche, wenn ich dabei bleibe. Ich will unbedingt konsequent bleiben. Es gibt diese Vorstellung in meinem Kopf, dass ich ein Pflegefall werden könnte, der sich nicht mehr um sich selber kümmern kann wegen der Folgen eines Schlaganfalls. Oder auch unschön: Zungenkrebs. Wird einem dann die ganze Zunge herausgenommen und wenn ja, wie spricht man dann? Keine Ahnung. Unschöne Bilder in meinem Kopf. Ich betrachte die jungen Frauen draußen, die rauchend ihren Kaffee trinken und frage mich, warum ich in dem Alter noch nicht an solche Dinge gedacht habe. Bin ich ein Opfer der fiesen Bildchen auf den Tabakpackungen? Und wenn schon, es stimmt ja. Bei allem Euphemisieren und Genußschwelgen – Rauchen ist und bleibt ungesund, da beißt die Maus keinen Faden ab. Also werde ich weiter verzichten, auf meine Belohnung, meine Pausenanzeiger, meine Stress- und meine Müdigkeitsabhelfer, meine Prokrastinationswerkzeuge und ja, auch Sargnagel.
Ich hoffe, der ganze Mist lohnt sich. Ich hoffe es wirklich, denn die Leere und das Gefühl der sinnlosen freien Zeit und das depressive Hintergrundrauschen – das ist nicht lustig. Klar, über drei Jahrzehnte Gewohnheit wollen geändert werden, das leuchtet mir ein, aber das es so werden würde, hätte ich nicht gedacht. Ich habe wirklich plötzlich viel mehr Zeit und vor allem spüre ich jetzt natürlich deutlich mehr Dinge, die ich vorher mit dem Rauchen verdrängt, sozusagen verpufft habe.Das ist gesund und gut, aber bei weitem nicht immer angenehm. Ich kann also eigentlich froh sein, dass meine Ängste größer sind als mein Verlangen nach einer Zigarette, sonst hätte ich schon längst wieder angefangen. Das stimmt nicht ganz, nicht nur die Ängste, auch die Vernunft hat bis jetzt gesiegt. Die Vernunft, die weiß, was ich meinem Körper mit 20 bis 30 Glimmstengeln am Tag antue.
Dennoch glaube ich, ich werde im Grunde meines Herzens Raucherin bleiben und wenn jemand mit einer Rauchfahne vorbei geht werde ich denken: hach ja, das waren noch Zeiten… Ich werde nicht zu den militanten Ex-Rauchern gehören, die mit den Zigaretten auch jede Form von Toleranz aufgeben. Nein, ich werde sie vermissen, die Zeit, in der ich mit nem Kaffee oder Bier vor meiner Stammkneipe stand um eine zu rauchen und mir wird auch die Kippe nach dem Essen fehlen und der ‚ach dann rauch ich noch eine bevor ich…‘ werde ich auch nachtrauern.
Und doch hoffe ich inständig, dass ich konsequent bleibe und nicht wieder anfange. Das bin ich mir selbst schuldig. Meiner Lunge und meinen Arterien. Ich hoffe auf die Zeit, dass es leichter wird, je länger ich durchhalte…
Falls irgendjemand meiner Leserinnen raucht und sich schon öfter mal vorgenommen hat aufzuhören: wie ich höre ist das Leid nach der letzten Zigarette sehr unterschiedlich. Manchen fällt es schwerer, manchen leichter. Jedenfalls hoffe ich, hiermit niemanden abzuschrecken… ich bin nur ehrlich.
In diesem Sinne verbleibe ich heute mit nur einem Wunsch: nämlich dass ich stark bleibe…
Herzlich, Eure Merle