Nach einigen Wochen Pause, in denen nicht viel und doch enorm viel passiert ist, melde ich mich heute zurück mit einer Erkenntnis, die ich immer wieder gewinne und die schon oft vor mir gewonnen wurde, die es aber wert ist, immer wieder benannt und betont zu werden. Nach Laotse besiegt das Schwache das Starke und unterliegt das Harte dem Weichen. „Auf der Welt gibt es nichts, was weicher und dünner ist als Wasser. Doch um Hartes und Starres zu bezwingen, kommt nichts diesem gleich.“ (zitiert nach www.zitate.de) Und was der Philosoph noch anfügt ist die traurige Feststellung, dass jeder das wisse, doch niemand danach handelt.
Ich habe gelernt, mit dem inneren Schweinehund streng und hart umzugehen. Und mit dem inneren Schweinehund habe ich mich die letzten Wochen sehr intensiv auseinander setzen müssen. Dass ich nach über 30 Jahren aufgehört habe zu rauchen (und ich habe viel geraucht), hat einiges verändert und das nicht zum Angenehmen hin. Seit Wochen muss ich dem Drang zur Zigarette zu greifen widerstehen. Gleichzeitig ertrage ich, dass ich plötzlich alles das fühle, was ich vorher durch das Rauchen nicht gefühlt habe. Jede Sucht dient dazu, etwas zu verdrängen oder zu überdecken, auch das Rauchen tut das. Jetzt spüre ich also Leere und Langeweile und Trauer und Schmerz in neuer Intensität und anhaltender Art und Weise. Doch damit nicht genug – ich kämpfe auch jeden Tag mit meinem gesteigerten Appetit auf Essen, der nun nicht mehr durch Nikotin gezügelt wird und ich entnehme meinen Hosen, dass ich schon zugenommen habe und auch das ertrage ich und finde es massiv frustrierend. Neben Nikotin muss ich mir also auch die andere Droge Zucker und natürlich auch den gelegentlichen Alkohol jetzt verbieten, damit ich nicht komplett in die Breite wachse.
Es ist hart. Und wie viele Coaches und auch meine Therapeutin und Selbsthilfebücher mir immer wieder vermitteln: Du musst härter sein, Du musst kämpfen und Disziplin haben und Dich kasteien und den Weg des Verbots gehen und sofort alle Gewohnheiten ändern, die man sich so über die vielen Jahre angeeignet hat.
Ich gehe einen anderen Weg. Ich gehe einen Weg, den ich für liebevoller und nachhaltiger halte. Das Weiche besiegt das Harte. Das bedeutet, dass ich mich nicht mehr zwinge, so oft wie möglich joggen zu gehen sondern dass ein strammer Spaziergang auch ausreichend ist, wenn ich mich morgens partout nicht in meine Laufschuhe zwingen kann. Das bedeutet, dass ich ab und an ein Stück Schokolade essen darf. Das bedeutet, dass ich Tabak und Paper zu Hause habe und weiß, wenn es gar nicht mehr geht, kann ich theoretisch eine Zigarette rauchen. Was ich jetzt seit über zwei Monaten nicht getan habe, aber wer weiß, welche Phasen des Aufhörens noch so auf mich zukommen…
Das Starke unterliegt dem Schwachen. Ich habe keine Kraft und keine Lust mehr gegen mich bzw. den inneren Schweinehund zu kämpfen und mich in den inneren Streitereien zu verstricken und am Ende mit viel Selbsthass und Frust da zu stehen und mir aufzuzählen, was ich alles wieder nicht geschafft habe. Wenn es eh schon schwer genug ist aufzustehen und ich am liebsten wieder ins Bett zurück kriechen möchte und mich eine körperliche Schwere erfasst hat, die mich fühlen lässt wie ein Zentner Blei an den Füßen, dann werde ich mich nicht zum Joggen zwingen sondern dann werde ich erstmal anerkennen und wertschätzen, dass ich entgegen aller Impulse doch aufstehe und mich dem Tag stelle. Dann werde ich den Kaffee genießen und noch einen trinken und ich werde vor allem langsam und liebevoll einen Schritt nach dem anderen tun. Waschen, Zähneputzen, Anziehen, Aufräumen….all das kann dann schonmal richtig lange dauern, aber egal.
Ich glaube nicht mehr daran, dass Druck und Härte langfristig eine Veränderung bringen. Ich möchte so mit meinen inneren Anteilen und mit mir als Ganzes umgehen, wie man auch einem Kind, das neu in der Welt ist, die Dinge nahebringt und erklärt: mit Geduld, mit Nachsicht und Liebe. Natürlich wäre es besser, wenn ich jeden zweiten Tag oder sogar jeden Tag joggen gehen würde. Doch ich muss auch mit der Panik und dem Widerwillen leben, den das Vorhaben „Joggen“ auslöst. Es ist ein ewiger innerer Kompromiss den ich lebe und ein ewiges inneres ausdiskutieren, bis ich einen Weg gefunden habe, der möglichst viele meiner Anteile zufrieden stellt. Und dann muss ich noch täglich mein Selbstbild neu verhandeln. Denn das ist selten stabil, wenn man so viele innere Stimmen und sich widerstreitende Anteile hat.
Es ist also sowieso schon anstrengend genug, warum soll ich mir dann auch noch täglich einen Tritt in den Allerwertesten geben?
Der Mensch steht immer wieder im Leben vor Veränderungen und Herausforderungen und in der Vergangenheit war ich Meisterin darin, mir den einen oder anderen Tritt zu verpassen, um etwas zu erreichen. Das war nicht immer das schlechteste Mittel der Wahl, aber es hat mich auch nicht wirklich weiter zu mir selbst gebracht. Ich bin froh, dass ich Kraft hatte, mich in entscheidenden Momenten meines Lebens mit einem kräftigen Tritt aus dem Sumpf gekickt zu haben. Mein Gefühl sagt mir aber, jetzt ist etwas anderes dran. Undzwar Geduld, Langsamkeit, achtsames Zuhören und schauen, was geht, ohne Zwang und Druck auszuüben.
Es ist faszinierend zu beobachten, wie ich all die Jahre im Berufsleben immensen Druck um mich und auf mich erfahren habe und damit, nunja, „gut“ gelebt habe. Ich habe den Ansprüchen genügt und bin mit dem Druck irgendwie umgegangen. Doch je älter ich werde umso weniger ertrage ich Druck und merke, dass ich darunter einfach nicht mehr funktioniere. Vielmehr geht es darum, mich einzuladen, Dinge so oder so zu tun und zu hoffe, dass ich diese Einladung auch annehmen kann. Mir geht es jedenfalls sehr viel besser damit und ich glaube, dass so nachhaltige Veränderungen möglich sind, im Gegensatz zu Druck, Zwang und Gewalt als Mittel der Veränderung.
Ich glaube übrigens, dass das nicht nur auf der Ebene des Individuums, also auf der Mikroebene gültig ist, sondern auch auf der Makroebene: die Veränderungen, die wir uns in der Welt alle wünschen, funktionieren langfristig nicht mit Druck oder gar Waffengewalt. Sondern mit Hingabe, Liebe und Geduld. So wie das Wasser den steten Stein aushöhlt, so kann nur das Weiche das Harte, Unnachgiebige und Gewaltvolle überwinden. Die Welt ist gerade wieder vermehrt auf einem anderen Weg. Auf dem Weg von Druck und Gewalt. Ich hoffe jeden Tag, dass wir noch genügend Zeit haben, um den langsameren Weg des Weichen zu gehen bis wir begreifen, was es wirklich heißt, in der Liebe und der Selbstliebe zu leben.
Herzlich,
Eure Merle