Eine meiner größten Herausforderungen in diesem Leben ist es, weg zu fahren. In den Urlaub, auf ein Seminar, zu einem Besuch oder auch allein am Zielort – egal. Weg von zu Hause bedeutet für mich unglaublichen Stress. Bis zu einem gewissen Grad war das schon früh in meinem Leben so, es ist aber in den letzen 10 Jahren noch schwieriger für mich geworden, bekanntes und vertrautes Terrain zu verlassen. Woran das liegt, ist mir erst neulich wieder sehr bewusst geworden: ich erfahre regelmäßig einen Mangel an Orientierung, wenn ich ins Fremde fahre und ohne Orientierung gerate ich in Panik.
Sich im Raum verorten zu können ist ein Bedürfnis, das jeder Mensch hat und bis zu einem gewissen Maß denke ich, dass auch jede einen Orientierungssinn hat. Der ist aber nunmal unterschiedlich ausgeprägt und bei mir scheint das Verteilerzentrum des Universums vor der Geburt gepennt zu haben. Ich erinnere mich, dass ich bereits als Kind meine Familie mit der Frage in den Wahnsinn trieb, wo wir uns befinden, wenn wir auf einer Autofahrt zwischen zwei Ortschaften waren. Es war für mich schlicht nicht vorstellbar, dass ein Ort oder eine Landschaft keinen Namen hat und wie soll man denn bitte wissen, wo man ist, wenn nicht gerade in Ortschaft x oder y?
Eine andere Frage, die mich als Kind beim Thema wegfahren immer sehr umtrieb, war: wo gehe ich auf die Toilette, wenn ich in der Fremde bin und keinen Menschen kenne und keine Ahnung hab, wo das stille Örtchen ist? Das Vertrauen, erfahren zu können, wo wichtige Einrichtungen des täglichen Lebens sich befinden, hatte ich irgendwie nicht. Was mir fehlte, war die Idee von oder das Gefühl für „Erkundung“. Dass man sich Orte, die zunächst fremd sind, aneignen kann und sich Orientierung verschaffen kann, das war mir zu hoch. Deshalb fuhr ich als Kind nie gern von zu Hause weg.
Als Erwachsene fahre ich eigentlich gerne weg, ich sehe gerne Neues und mag Tapetenwechsel. Aber es ist schwierig geblieben. Vielleicht musste ich deshalb mit 30 unbedingt nach Syrien. In ein Land, dass aufgrund von Sprache und Schrift doppelt schwierig zu erfahren war. Ich sprach zwar ein bisschen Arabisch, aber von Lesen und flüssig sprechen war ich weit entfernt. Damals gab es auch von Damaskus keine vernünftigen Stadtpläne in meiner Schrift und Sprache, so dass ich mich oft mit Händen und Füßen und auf etwas Französisch verständigte. Es wurde ein denkwürdiger erster Aufenthalt, der eigentlich alle meine Befürchtungen fast bis zur Gänze bestätigte. Ich hatte einfach Glück, dass mir nicht ernsthaft was passierte und dass ich junge, vertrauenswürdige Syrer kennenlernte, die mir ihre Stadt zeigten. Aber ist es nicht genau dieses Quäntchen Glück, dass man beim Reisen braucht und das eigentlich immer kommt?
Wenn ich bedenke, dass ich vor meiner Erkrankung in einem fernen Land war, dessen Sprache ich nicht sprach und wo ich mich nichtmal mit Hilfe eines Stadtplans oder Google Maps fortbewegen konnte, wird mir ganz übel. Ich weiß noch, dass ich mich oft wie aus der Welt gefallen fühlte und mir zur Orientierung meist irgendwelche augenfälligen Bauwerke an denen ich vorbei kam einprägte, um den Rückweg wieder zu finden. Ich bin kein Mensch der mit Himmelsrichtungen operieren kann und ich bewundere all jene, die kaum einen Plan benötigen aber trotzdem wissen: wenn ich vorher südlich von diesem Viertel gegangen bin, dann muss ich jetzt nach links und lande dann an Ort Z. Wow. Großes Kino, aber leider ohne mich.
Ich gehöre zu den Leuten die in einer fremden Stadt sich plötzlich an einer Piazza wiederfinden ohne zu wissen, wie sie da hin gelangt sind und ohne die Begleitung noch zu sehen. Wie oft stand ich schon an völlig fremden Orten und blickte wild suchend um mich, verloren von der Gruppe der Mitschüler oder Mitreisenden und hatte gleichzeitig das Gefühl, in einem Film zu sein, in dem plötzlich alle Menschen außer mir verschwunden sind und ich muss jetzt ganz allein zurecht kommen, ohne zu wissen wo ich bin.
Es hilft leider auch nicht, einen ungefähren Plan im Kopf zu haben, wo in Relation zu meinem Zuhause der fremde Ort liegt. Was hilft ist, zu wissen, dass ich jederzeit zurück nach Hause fahren könnte (das war in Syrien damals natürlich auch nicht der Fall) und Menschen vor Ort, die sich auskennen und denen ich vertrauen kann. Letzteres ergibt sich vielleicht mit Glück.
Orientierung ist mehr als die Koordinaten einer Karte lesen können und das gedruckte Bild in die reale Welt umzusetzen. Wobei ich damit schon Schwierigkeiten habe. Orientierung hat für mich auch viel mit Vertrauen zu tun, mit dem Glauben, dass ich mich unbeschadet fortbewegen kann und sicher von A nach B komme. Auch wenn zwischendurch Unvorhergesehenes passiert. Orientierung in der Fremde ist auch, verstanden zu werden und zu verstehen und eine gemeinsame Ebene der Wahrnehmung und Erfahrung zu finden, wenn kulturelle Unterschiede allzu groß werden.
Neulich nachts bin ich von der S-Bahn spät nach Hause gegangen, ein ca. 15-minütiger Fußweg durch eine Bahnunterführung und dann an einer Hauptstraße entlang. Nach etwa der Hälfte des Wegs spricht mich nachts um zwei ein fremder Mann von hinten an. „Hallo, hallo, wie geht’s?“ Ich drehte mich um und sah, dass der Mann schon am S-Bahnhof alleine herum gestanden war als ob er auf jemanden gewartet hätte. Ich reagierte nicht mit Worten sondern beschleunigte meinen Schritt und stellte 100 Meter weiter fest, dass ich ihn nicht mehr sehen konnte. Das Gefühl während dieser Episode war ganz ähnlich wie vor vielen Jahren in einer italienischen Kleinstadt auf einem öffentlichen Platz, als ich mich plötzlich fragte, wie ich da hin gekommen bin und wo meine Bekannten abgeblieben waren. Als ich da nach Hause hetzte in der Hoffnung, nicht mehr verfolgt zu werden, kam ich mir so fremd und mutterseelenallein vor, wie man es sonst nur in der Fremde sein kann. Orientierung hat viel mit Sicherheit zu tun. Mit Vertrauen. Mit Vorstellungsvermögen und sich im Hier und Jetzt klar und verkörpert an diesem einen Ort spüren zu können. Der Vorgang des sich Orientierens benötigt auch Zeit. Man muss die Koordinaten kennenlernen, die Wegweiser, das Sprachsystem und vieles mehr.
Es ist unglaublich spannend, neue Gefilde kennenzulernen, neue Menschen zu treffen, das altbekannte mal hinter sich zu lassen. Aber es birgt auch immer die Gefahr des sich Verlaufens, wobei manch einer genau das am Reisen am Schönsten findet…ich habe dann eher Angst, den Bus zurück zu verpassen, keine Übernachtungsmöglichkeit mehr zu finden, oder ähnlich Unangenehmes.
Am meisten hat Orientierung meiner Meinung nach mit Selbstvertrauen zu tun. Nämlich dem Vertrauen, dass man, egal welche Unbill auf einen zu kommt, man damit auch klar kommt. Ich bin bisher trotz mangelndem Selbstvertrauen im Vorfeld immer irgendwie klar gekommen, schiebe dies aber vor allem auf meine Schutzengel. Auch die dürfen beim Reisen nicht fehlen.
Ich habe in Zukunft vor, sehr viel mehr von zu Hause weg zu fahren. Klein anfangen und dann steigern. Ich will das üben, möchte meinen Orientierungssinn schulen und mir selbst beibringen, dass das alles kein Hexenwerk ist. Ich bin gespannt. Meinen Schutzengeln hab ich schon Bescheid gesagt. Und für den Fall, dass die im Urlaub sind, hab ich auch schon Reiseführer gekauft…
In diesem Sinne wünsche ich allen eine schöne Urlaubszeit 😉
Herzlich, Merle