Zurückhaltung

Zurückhaltung ist eine Tugend, die oft nicht so weit verbreitet ist, wie ich mir das wünschen würde. Dabei meine ich Zurückhaltung im Sinne der gewaltfreien Kommunikation als eine neugierig-offene Haltung ohne Bewertung und Kommentierung dessen, was ich sage. Man könnte es auch ganz anders formulieren: Ratschläge sind auch Schläge und die meisten von uns sind sich ihrer eigenen blinden Flecken noch nicht bewusst und sollten daher lieber vorsichtig sein mit der Erteilung von Rat und Empfehlung. Und wenn es denn sein muss, dann bitte nicht im Imperativ und ohne „müssen“. 

Neulich erzählte ich jemandem, dass es mir in letzter Zeit häufiger gelungen ist, gegen mein vorherrschendes Grundgefühl der Schwere und Trauer zu handeln und trotzdem aktiv zu werden, obwohl ich überhaupt keine Lust dazu hatte. Die Reaktion kam prompt: siehst Du, habe ich Dir doch schon früher gesagt, dass das geht und wichtig ist. Ich bejahte erstmal mit einem unguten Gefühl in der Magengegend und dachte mir: ich kann mich gar nicht daran erinnern, mit ihr jemals darüber gesprochen zu haben, wie schwer es für mich ist, gegen das eigene Gefühl zu handeln, aber gut, kann ja sein, dass ich da was vergessen habe. Heute, ein paar Tage später fällt mir auf, was mich an der Aussage der Person stört: genau diese Person erzählt mir seit Jahren, wie schwierig es ist, aus der Starre und der Prokrastination zu kommen und ins Handeln zu gehen. Ich muss mir unbedingt merken, ihr zu sagen, wie wichtig das ist, gegen das eigene Gefühl handeln zu können…

Die gleiche Person findet es übrigens auch in Freundschaften überflüssig, einige Prinzipien der gewaltfreien Kommunikation anzuwenden, wie zum Beispiel das Weglassen des Imperativs und des Wortes „müssen“, sich außerdem vorsichtig und gewaltfrei auszudrücken wenn es um das Kundtun eigener Standpunkte oder eines Ratschlags geht. Ich verstehe dabei eine gewisse Ungeduld, denn gewaltfreie Kommunikation erfordert Geduld, genaues Zuhören und achtsames Formulieren – und doch werde ich mir immer sicherer, dass ich so miteinander sprechen möchte und dass das sehr gute Leitlinien sind, die uns Rosenberg da mit auf den Weg gegeben hat.

Denn es ist eben nicht immer selbstverständlich, dass man das Wohlwollen des Anderen hat und es ist auch nicht für immer in Stein gemeißelt, dass man verstanden und akzeptiert wird. Menschliche Beziehungen sind immer im Prozess und so ist es auch wichtig, sich in verschiedenen Situationen durch die Sprachwahl die gegenseitige Wertschätzung und Achtung auszudrücken, die in eine Freundschaft gehören. Also zum Beispiel auszudrücken, dass die eigene Meinung subjektiv ist und keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit hat. Dass der Rat, den ich gebe, für mich gut war, aber nicht für andere gelten muss. Dass mein Erleben und Empfinden meins ist und nicht auf den oder die andere zutreffen muss und dass ich bei Ich-Botschaften bleibe weil ich nicht beurteilen kann, wie sich Dein Weg für Dich anfühlt, wenn ich nicht in Deinen Schuhen gegangen bin.

Zurückhaltung in Gesprächen ist für viele Menschen schwierig. Da ist das Sendungsbewusstsein, von dem viele beseelt sind, das Bedürfnis helfen zu wollen (wem eigentlich wirklich?) und natürlich auch bei manchen das Bedürfnis nach Selbstdarstellung und Mitteilung. Und natürlich bin ich auch nicht frei davon und bestimmt habe auch ich schonmal Mumpitz empfohlen oder aber jemandem einen Rat erteilt, obwohl ich in dem Bereich selber viel zu wenig Ahnung habe. Will sagen: auch ich habe ganz bestimmt blinde Flecken und bin denen schon aufgesessen. Aber ich bin der Meinung, dass das sehr viel weniger geworden ist, seitdem meine Erkrankung mich sehr viel demütiger hat werden lassen – und ungeduldiger mit Menschen, denen Zurückhaltung fehlt.

Wer erfahren hat, wie Wahrnehmung, Gefühl und Kognition sich binnen Sekunden ändern können, wer erlebt hat, wie das eigene Leben in wenigen Tagen vor den eigenen Augen zusammen fällt und alle bisherigen Gewissheiten zu Staub zerfallen, wem als einziger Anker der Atem geblieben ist in einer Aneinanderreihung von Todesängsten und Horrorbildern – der wird demütig und bescheiden und hält sich zurück mit Aussagen für und über andere. Denn letztlich habe ich die Erfahrung gemacht, dass bei allen Gemeinsamkeiten der menschlichen Erfahrung doch jeder seinen eigenen Weg finden muss, um mit den gestellten Herausforderungen umzugehen, genauso wie jeder selber seinen eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen muss, wenn man drin gelandet ist. Das wird niemand für mich erledigen, dass muss ich selber tun. Das Schöne ist, dass wir nicht alleine sind. Wir dürfen Hilfe und Unterstützung in Anspruch nehmen – nur bitte hör mir zu und frag mich, was ich brauche. Halte Dich zurück und kleistere mich nicht zu mit Dingen, die nichts für mich sind und mit denen ich nichts anfangen kann. Vielleicht ist sogar Zuhören das einzige, worum ich Dich bitte.

Ich verstehe beispielsweise auch die Begeisterung, die viele Menschen überfällt, wenn sie etwas Neues entdeckt oder gelernt haben. Und ich verstehe auch, dass diese Begeisterung geteilt werden will. Aber bitte ziehe in Betracht, dass das, was Dir guttut für mich vielleicht die Hölle ist. Es gibt diesen schönen Spruch – auf Menschen bezogen – im Englischen: One man’s Loveboat is another man’s Titanic. Wie wahr! Und deshalb finde ich es wichtig, meine Begeisterung auszudrücken, indem ich sage: ich finde das fantastisch und es hat mir wahnsinnig gut gefallen! Anstatt zu sagen: Du, das muss Du unbedingt ausprobieren, das wird Dir die Augen öffnen.

Nein. Wird es vielleicht nicht. Wir sind verschieden und ich weiß selbst am besten, was gut für mich ist. Da fällt mir jemand ein, der gerne Ayahuasca-Kuren macht. Für die Person ist es eine der besten Erfahrungen überhaupt gewesen – für mich wäre es ziemlich sicher der Einstieg in eine psychotische Erfahrung. Ich bin sehr dankbar, dass dieser Mensch nie versucht hat, mich davon zu überzeugen, so etwas auszuprobieren. 

In Ich-Sätzen zu sprechen ist nicht egozentrisch oder ignorant sondern es respektiert den Raum und die Grenzen des Gegenübers. Es ist eine Form der Zurückhaltung, die nicht nur höflich ist sondern auch eine Einladung an den Gesprächspartner, seine Sicht ebenso zu formulieren. Und es ist eine Form der Zumutung: ich mute mich Dir zu mit meinen Gefühlen und Bedürfnissen – und Du kannst das umgekehrt auch.

Ich fühle mich auf den Arm genommen und nicht wirklich gesehen, wenn jemand mir gegenüber seine blinden Flecken ausagiert, also zum Beispiel mich kommentiert oder bewertet – ganz besonders, wenn das ohne genauer nachgefragt zu haben und ohne es besser zu machen, passiert. Ich würde mir wünschen, dass wir alle etwas vorsichtiger und bescheidener sind, wenn uns jemand von sich selbst erzählt, egal wie emotional und/oder dramatisch das vielleicht gerade ist. Da gäbe es sicher viele gute Pointen oder Aufhänger für Kommentare – aber das muss ja nicht sein. Ich glaube es stünde uns allen gut, zu bedenken, wie schwer es vielen Menschen auch fällt, von sich zu erzählen. Dass unsere Kommentare im Zweifel vielleicht sogar beschämen und dass wir vieles gar nicht erzählt bekommen, um etwas vermeintlich Kluges dazu zu sagen sondern einfach, um Mitgefühl zu erfahren und den warmen, liebevollen Blick, wenn wir verstanden werden. Um mehr geht es oft gar nicht.

Ja, es geht mir immer öfter im Gespräch so, dass ich denke: dazu möchte ich jetzt gar nichts sagen. Ob der/die andere das doof findet? Müsste ich jetzt das Gespräch weiter voran treiben? Was passendes erwidern? Ich entscheide mich immer öfter fürs Schweigen. Für die Zurückhaltung die Mut zum Schweigen ist. Weil ich das Gesagte nicht kaputt reden will, weil dem Gehörten nichts hinzuzufügen ist und weil einvernehmliches Schweigen in Verbundenheit oft viel heilsamer ist, als alle Worte, die wir finden könnten. 

In diesem Sinne wünsche ich uns allen das passende Gespür für unsere Zurückhaltung und immer mehr echte Freude an gewaltfreier Kommunikation…

Herzlichst, Merle

Hinterlasse einen Kommentar