Das innere Ziehen

Ab und an lese ich eines dieser sogenannten Mindstyle-Magazine, weil ich mich selber herausfordern will und weil mich interessiert, wo und wie das Thema Spiritualität in dieser Medien-Sparte verortet ist. Da ich mich selber sehr lange und intensiv mit Spiritualität auseinander gesetzt habe, finde ich es interessant zu sehen, wie die immer gleichen Themen und Fragen über die Jahre immer wieder neu aufbereitet werden und freue mich, wenn ich das Gefühl habe, auf einer Wellenlänge mit einem Artikel oder einer Autorin zu sein – und ärgere mich bzw. bekomme Zustände, wenn ich den Eindruck gewinne, etwas gar nicht zu verstehen oder ein Konzept oder eine Idee, die mir gefallen, sicher nie erreichen zu können. Das ist das herausfordernde. Es ist, als würde man immer wieder über längere Phasen alleine vor sich hin werkeln, sagen wir, zum Beispiel Kuchen backen… und total zufrieden damit sein und nichts vermissen. Und dann kommt plötzlich ein neues Buch über Kuchenbacken heraus und da steht was drin, was mit meiner Erfahrung überhaupt nicht überein stimmt. Ich mache den Tortenguss anders, mein Boden sieht anders aus und der gedeckte Apfelkuchen ist bei mir ohne Rosinen, weil ich die nicht mag.
Kurz: ich habe irgendwie meinen eigenen Weg und irgendwo auch meine eigene Wahrheit gefunden und lasse mich immer wieder durch äußeren Input ein wenig aus der Komfortzone locken, lese Themenbezogenes und lasse das Geschriebene meine Wahrheiten hinterfragen und finde das an sich gut. Es ist nicht hilfreich, zu lange nur im eigenen Saft zu schmoren.

Wenn da nur nicht dieses innere Ziehen wäre. Ein Ziehen, das schmerzlich darauf aufmerksam macht, dass ich bestimmte Dinge und Zustände vielleicht nie erreichen werde. Ein körperlicher Schmerz, der mir sagt, dass ich gern so „weit“ wäre wie die „Experten“ aus dem Magazin. Ein Bauchgefühl, das mir zuraunt, dass ich zu lange in meiner Komfortzone verharrt habe und dass es Zeit wird, sich weiter zu entwickeln, Veränderung zuzulassen und zu wachsen. – Natürlich lasse ich das Tempo meines inneren Wachstums nicht von einem Magazin vorgeben. Aber wie gesagt, ab und an finde ich es ganz gut, wenn etwas von Außen an meinem Bewusstsein und meiner Bequemlichkeit zupft und sagt: schau an, so kann man das auch sehen! Und hier, das wäre doch was für Dich, das willst Du doch eigentlich auch gerne machen…! Es gibt eine bestimmte Art von Büchern, die auch dieses Gefühl in mir auslösen, oder Gespräche mit Menschen, die sehr in sich ruhen und weit integriert sind… da komme ich mir auch schonmal weit ab vom Schuss vor und denke mir: ohje, das erreiche ich nie! Wie gern wäre ich auch so weise/zentriert/fokussiert/gelassen….

Ich komme jetzt gerade auf die Zeitschrift, weil sie mal wieder bei mir auf dem Tisch liegt und weil ich im Anzeigenteil eine interessante Annonce über Schwimmen mit Delphinen in Ägypten gesehen habe. Mit Delphinen zu schwimmen ist tatsächlich ein lang gehegter Traum von mir und ich bin froh, dass mich die Anzeige daran erinnert hat. Sie erinnert mich auch an all die Wenns und Abers, an all die Gründe, warum ich das bisher nicht in Angriff genommen habe… aber sie hat eben auch meinen inneren Ruf wieder laut werden lassen. Und das ist es, was die Zeitschrift, was Bücher, was Mitmenschen und tiefe Gespräche mit ihnen bei mir auslösen können: das innere Ziehen, hinter dem eigentlich eine große Sehnsucht und einige Träume stehen, die erfüllt werden wollen.

Und immer, wenn das passiert, bin ich einerseits dankbar – aber auch gestresst. Denn es ist gar nicht so einfach, auseinander zu dröseln, was ist denn jetzt mein eigenes Inneres? Was ist mein Traum und mein Wollen? Und was ist einfach nur das Gefühl, schlecht abzuschneiden, weil ich mich mit jemandem verglichen habe. Und das wissen wir ja: Vergleiche mit anderen sind so ziemlich das Unkonstruktivste, was wir machen können. Wenn Du willst, dass es Dir schlecht geht, dann vergleiche Dich. Doch dann denke ich auch: es geht gar nicht um den Vergleich sondern darum, dass ein Blick auf meine Umwelt und meine Mitmenschen mir schlicht zeigt, was möglich ist. Wohin es gehen kann. Ich bekomme wieder zig Potentiale serviert und darf mir eins aussuchen – wie toll ist das denn? Dass das bei mir mit einem schmerzlichen Ziehen einher geht, bedeutet lediglich, dass da viele Ängste und Hemmungen sind, aber es bedeutet eben nicht, dass da keine Träume und Wünsche mehr wären.

Durch Informationen von Außen aus der Komfortzone gerissen zu werden, in der ich es mir so gerne gemütlich mache, bedeutet, immer mal wieder zu gucken: passt der Schuh noch? Was willst Du noch vom Leben? Und wäre nicht doch eventuell mehr möglich? Wenn man Jahre damit zugebracht hat, wieder irgendwie den Alltag zu lernen, dann sind das Luxusfragen. Und sie bleiben es. Ich habe keine Ahnung, ob ich jemals mit Delphinen schwimmen werde. Ich weiß nicht, ob ich irgendwann so bewusst, mitfühlend und klar sein werde wie ein, zwei Menschen, die ich in meinem Leben getroffen und verehrt habe. Ich weiß auch nicht, ob ich meinen Traum vom erfüllten Leben – statt nur geschafft – jemals Wirklichkeit werden lassen kann. Aber eines weiß ich: ich bin unendlich dankbar, dass das Ziehen sich immer wieder meldet und meine Träume und Sehnsüchte sich immer wieder bemerkbar machen. Das gehört für mich zum lebendig sein dazu und erst, wenn ich meine Träume und Sehnsüchte erfüllt habe, mache ich mir Gedanken, was dann kommt 😉

In diesem Sinne wünsche ich uns allen, die es mögen, wunderschöne Träume und eine tiefe Sehnsucht, die uns immer wieder weiter gehen lässt…

Herzlich, Merle

Hinterlasse einen Kommentar