Es sind die kleinen Dinge…

…die das Leben lebenswert machen. Es steht in so vielen Ratgebern und anderweitig klugen Büchern. Es wird einem in Therapien und Coachings um die Ohren gehauen und eigentlich ist es eine Binse: die Kleinigkeiten machen es aus. In der Achtsamkeit finden wir den Weg zu ihnen, nehmen sie wahr, können uns an ihnen erfreuen und die Fülle des Lebens erfahren. 

Ich habe das lange nicht geglaubt. Ich war sogar lange wütend und genervt, wenn mir jemand mit diesem Thema auf die Pelle rückte. Ich wollte meinen großen Wurf, das richtige Leben, den richtigen Weg und großartige Erlebnisse, Erfahrungen, Ergebnisse. Das Leben hat mich eines Besseren belehrt, sehr harsch und sehr unvermittelt musste ich lernen: ja, es sind die kleinen Dinge.

Und damit ich das nicht vergesse, schaue ich mir jeden Tag an, wofür ich dankbar bin und woran ich mich erfreue und es ist nicht so, dass ein Teil von mir nicht immer noch auf den großen Wurf hofft (was auch immer das sein soll…), aber es sind eben doch „Kleinigkeiten“, die mir den Tag verschönern. Sei es, dass meine Kräuter auf dem Balkon wie blöd wuchern oder dass ich heute Vormittag die Freude über ein Eichhörnchen mit einer Freundin teilen konnte. Vorhin klingelte die Verwandtschaft, die bei meinem neuen Nachbarn zu Besuch ist, aus Versehen bei mir und entschuldigte sich wortgewaltig – auf Arabisch – dafür. Ich kann von früher noch ein paar Brocken Arabisch und ich sagte, ich verstünde sie und „Herzlich willkommen!“ Was für ein Leuchten und was für eine Freude in den Augen plötzlich aufschien – ich musste so grinsen, obwohl ich mich gerade ziemlich sicher mit meiner Aussprache zum Honk gemacht hatte. Aber diese kleine Begegnung war so schön, dass sie noch in mir nachleuchtet…

Dass ich eine Dusche habe und fließendes Wasser erfüllt mich immer wieder mit Ehrfurcht. Fast jedes Mal wenn ich unter die Dusche steige, muss ich an die vielen Menschen auf unserem Planeten denken, die Kilometer weit laufen müssen, um nur ein bisschen Trinkwasser zu bekommen. 

Neulich brachte mein Partner mir ohne Absprache genau das Buch zum Lesen mit, über das wir vor Monaten mal gesprochen hatten und von dem ich mir am Abend zuvor gedacht hatte, dass ich ihn mal bitten möchte, mir das zu leihen. … 

Wenn Du und ich liebe Leserin, jetzt zusammen sitzen würden, würde ich gerne von Dir hören, welche kleinen Dinge Dich glücklich und zufrieden machen. Und wenn wir dann eine Weile so darüber sprechen, stellen wir vielleicht fest, dass diese Dinge alle gar nicht so klein sind. Sie sind nur für uns oft (zu) selbstverständlich geworden. Dass ich mir wenn ich möchte unterwegs einen Milchkaffee und ein Croissant leisten kann ohne darüber nachzudenken, macht mich froh – das war nicht immer so und wird wahrscheinlich auch bald nicht mehr so sein, wenn es mit der Preissteigerung so weiter geht, aber im Moment kann ich mir den Luxus ab und an noch gönnen und ich genieße ihn, so wie ich die Dusche genieße. Aber mir wird auch immer klarer, dass es eben nicht selbstverständlich ist.

Und ich glaube, dass ist ein wichtiger Schlüssel zur Zufriedenheit und zur Fülle im Leben: die Dinge nicht als gegeben und „normal“ hinzunehmen, wo sie es doch nicht sind. Das gilt übrigens auch und gerade für unsere Beziehungen, die wir so oft nicht pflegen sondern als selbstverständlich hinnehmen. Da habe ich teils das Gefühl, dass große Dinge von uns als zu klein erachtet werden. Es ist so wunderbar, wenn ich mich jemandem in einer Freundschaft mit allen Quirks und Spezialeffekten zumuten kann. Wenn jemand für mich da ist, wenn es mir schlecht geht und dass jemand mich sieht und mir zuhört. All das ist, finde ich, nicht selbstverständlich. Natürlich schleicht sich in jede Form der Bindung mit der Zeit Routine ein und natürlich gehört zu einer guten Freundschaft oder Partnerschaft auch, dass ich mich auf den oder die andere verlassen kann, wenn es dicke kommt. Aber eine Kleinigkeit ist das nicht. Sich dafür auch mal zu bedanken, das wertzuschätzen, was mir meine Mitmenschen geben und ermöglichen, das finde ich sehr wichtig. Und das muss nichts großes sein, es reicht auch einfach nur eine Kleinigkeit oder ein „Danke.“ 

Die Dinge in die richtige Perspektive zu setzen ist oftmals gar nicht so einfach aber doch auch sehr wichtig. Mir scheint, dass uns in unserer Konsumgesellschaft mit dem höher, schneller, weiter ab und zu mal die richtige Einordnung der Dinge flöten geht. Was wirklich wichtig ist, was großartig ist oder eine Kleinigkeit… natürlich ist das auch individuell verschieden. Aber letztlich sind wir mehr denn je alle Teil einer Zivilisation und mehr denn je miteinander verbunden und verwoben. Kann ich da noch sagen, es ist mir egal, wieviel Wasser ich verbrauche?

Manchmal frage ich mich, wie mein Leben verlaufen wäre, wäre mir der große Wurf, der erfolgreiche Lebensentwurf damals gelungen. Ginge es mir dann besser? Würde ich dann auch auf Kleinigkeiten achten? Ginge ich dann auch achtsam durch den Tag und würde mich über Marienkäfer auf meinen Kräutern freuen? Ich weiß es nicht, ich kann nur spekulieren… es gibt ja die Tendenz in vielen Geschichten und Biographien, dass der Held oder die Heldin der Geschichte erst durch eine große Krise gehen muss, bevor er das wertvolle im Leben erkennt. Ich finde das ein wenig zu doof und Klischee beladen – kann aber nicht ganz leugnen, dass es ein Stück weit auch mir so ging. Erst, als ich wirklich nicht mehr wusste, wie es weiter gehen soll, fing ich an, mich für Achtsamkeitsübungen zu öffnen und dankbar für die kleinen Dinge zu sein. Klingt komisch, ist aber so. Viele Menschen scheinen mehr über Schmerz als über Belohnung zu lernen – ich wünschte, es wäre anders.

Übrigens gilt das Augenmerk auf die kleinen Dinge auch für einen selbst! Zwickt es im Bauch? Habe ich Hunger oder Durst… auch in der Selbstfürsorge sind vermeintliche Kleinigkeiten sehr wichtig, kann die Änderung meiner Sitzposition im Stuhl zu sehr viel mehr Wohlgefühl beitragen, als man meinen möchte…

Ich weiß, dass die Mehrzahl meiner Leser*innen nicht gerne kommentiert, aber vielleicht hat die eine oder andere Lust zu schreiben, welche kleinen Dinge sie dankbar machen oder berühren… ich würde mich sehr darüber freuen!

In diesem Sinne grüße ich Euch herzlich,

Merle

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