Notiz an mich

Es ist leicht sich selbst zu mögen und nett zu sich selbst zu sein, wenn alles gut läuft und wenn man gerade im Flow ist. Aber es ist mit der Selbstliebe wie mit dem Elternsein: Kinder brauchen genau dann einen liebevollen Erwachsenen, wenn sie Mist gebaut haben – genauso ist es mit uns, wenn wir groß und für uns selbst verantwortlich sind: wir brauchen uns, unseren inneren Erwachsenen, der gut zu uns ist, wenn es bescheiden läuft oder wir Mist gebaut haben. Genau das ist Liebe: auch dann, gerade dann da zu sein, wenn jemand nicht strahlt.

Ich strahle gerade nicht und ich liebe mich gerade nicht besonders. Ich überlege seit Tagen, ob und wenn ja, wie ich darüber schreiben möchte und bin jetzt einfach ins kalte Wasser gesprungen. Weil ich glaube, das viele Menschen das kennen. Ihn kennen. Den inneren Richter, der sofort zur Stelle ist, wenn man angeblich was falsch gemacht oder unterlassen hat und der einen so fertig machen kann wie sonst nur – ja, wie wer nur? 

Es frustriert mich über alle Maßen, dass Introjekte, Täterintrojekte oder Elternintrojekte, so unglaublich lange wirksam sind und eine Macht auch nach so vielen Jahrzehnten entfalten können, dass der Sau graust. Die Wiederholung der Beschimpfungen, Entwertungen und Entwürdigungen die man als Kind erlebt hat noch mit 50 zu hören, ist eine Zumutung. Auch wenn ich weiß, dass Introjekte eine Schutzfunktion haben können, auch wenn ich weiß, wo’s herkommt und mir bewusst bin: das macht’s nicht besser und ich würde dem Richter gerne entweder eine neue Aufgabe geben oder ihn zwangsmigrieren, ihn auf eine innere einsame Insel schicken, wo er kein Unheil mehr anrichten kann… ich mag mich nicht mehr selbst beschimpfen, ich möchte gut mit mir umgehen. Und doch ist das unglaublich schwer in manchen Situationen.

Ich schreibe bewusst nicht über den aktuellen Anlass, der dazu geführt hat, dass ich mich gerade selbst nicht so richtig ausstehen kann. Zum einen ist es mir tatsächlich unfassbar unangenehm – was albern ist, weil, wenn Sie wüssten, liebe Leser*innen, worum es geht, würden Sie die Hände über dem Kopf zusammen schlagen und rufen: „Ach Gott, das ist doch gar nicht schlimm!“… zum anderen aber möchte ich, dass es keine Rolle spielt, worum es geht, weil NICHTS diese Abwertungstiraden rechtfertigt, die mein innerer Richter mir gerade um die Ohren haut.

Ich bin ja der festen Ansicht, dass jeder Mensch einen qua Geburt angelegten Selbstwert in sich trägt. Ein Gefühl der Würde und des Selbstwerts, das unabhängig von allen Äußerlichkeiten einfach da ist und das wir spüren können, wenn es nicht durch ungünstige Umstände in der Kindheit niedergetrampelt oder verschüttet wird. Aber eigentlich, so meine Meinung, ist uns das allen eigen, egal wer wir sind und was wir tun. Ich kenne durchaus die Ratgeber und psychologischen Theorien darüber, wie man seinen Selbstwert stärken kann und woraus der eigentlich angeblich besteht. Da geht es oft um Mut zur Veränderung, das Verlassen der Komfortzone, authentisch und nach den eigenen Werten leben, sich Ziele setzen und sie erreichen… und ich frage mich immer: was, wenn jemand das nicht hinbekommt? Dann gibt’s keinen Selbstwert? Sorry, steht für Dich nicht auf dem Plan? 

Natürlich sind diese Dinge wundervoll, wenn man sie erreicht – aber viele Menschen erreichen sie erst, wenn sie bereits das Gefühl eines Selbstwerts haben! Vorher trauen sie sich nämlich nicht!

Wer sich klein und wertlos vorkommt, wird selten die Motivation haben, die Komfortzone zu verlassen oder sich Veränderungen zu stellen. Es muss also meiner Meinung nach darum gehen, das eigene Unverwundete in sich zu finden. Sei es im Zentrum, sei es im Herzen, oder wo auch immer im Körper es bei jemandem verankert sein mag. Das Unverwundete, Heile, Ganze, das unberührt von allem ist, das existiert auch in jedem von uns und wer es alleine nicht findet, darf sich natürlich auch Unterstützung holen, um es in sich zu entdecken. Denn ohne geht es meiner Ansicht nach nicht. Und da sitzt auch der Selbstwert. Wenn man ihn denn so nennen will. Denn eigentlich gefüllt mir der Ausdruck schon gar nicht mehr. Der Verstand und die duale Welt muss und will alles BEWERTEN. Vielleicht brauche ich aber gar keinen Wert im Sinne eines Preisschildes, einer Bemessung im Vergleich zu anderen. Vielleicht ist es eher die Würde, das Selbst-Sein, die Selbstachtung und das Selbstbewusstsein, auf die wir uns konzentrieren sollten… Denn der Wert eines Menschen sollte doch gar nicht diskutiert werden, oder? 

Vielleicht findet das jemand naiv oder überzogen. Ich mache mir tatsächlich notgedrungen Gedanken über solche Dinge, weil mir all das in sehr frühen Jahren sehr gewaltvoll und nachhaltig genommen wurde. Aber nur scheinbar für immer. Es ist alles noch da, wenn auch zum Teil verkümmert und stark pflegebedürftig. Da bedarf es dann eben einer Erwachsenen, die mitfühlend und wohlwollend die schützende Hand drüber hält. Auch wenn das bisweilen verdammt schwierig und anstrengend ist. Aber so ist das nunmal mit der Selbstfürsorge…sie macht nicht immer Spaß und manchmal würde ich den Job gerne an den Nagel hängen… aber hilft ja nichts, ist ja sonst keiner da, der dafür zuständig ist. 

Also versuche ich – um zum inneren Richter zurückzukehren – nicht mehr so viel zu denken. Ich bemühe mich, ganz im Hier und Jetzt zu sein und mich auf etwas zu konzentrieren, dass mir Freude bereitet. Ich probiere aus und experimentiere mit verschiedenen Wegen, den Richter milder zu stimmen oder ihn zumindest leiser zu stellen… wie einen Fernseher im Hintergrund. Es erfordert viel Disziplin und Willenskraft und vor allem Geduld – meine Königsdisziplin 🙂

Und weil das so ist und weil ich schonmal das Wesentliche vergesse, gibt es jetzt Post Its und Notizen an mich, die mich daran erinnern, dass ich gut zu mir sein möchte. Also eine Art To Do-Liste auf der steht: sei nett zu Dir. Finde Wohlwollen und Mitgefühl für Dich. Hab Geduld und Gnade für Dein Verhalten. … Eine Überdosis ist praktisch ausgeschlossen…

Wer solch eine innere Richterfigur wie ich kennt, dem wünsche ich ganz viel Kraft und Durchhaltevermögen im Widerstehen und alternative Denkmuster finden. Wer sie nicht kennt, den beglückwünsche ich, dass dieser Krug an ihr vorüber gegangen ist…

Herzlich, 

Merle

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