
Wir alle haben eins, oder mehrere: ein Bild von uns selbst – oder von unserem Selbst. Das ist wichtig, denn wie sonst sollten wir uns in der Welt verorten, über uns nachdenken und reflektieren, von uns erzählen, uns einbringen, ausdrücken, uns gestalten und betrachten. Doch so wie auch das Bild von uns selbst im Spiegel durch eine verzerrte Wahrnehmung falsch sein kann, so kann auch das Bild unserer Persönlichkeit, das unseres Inneren, verzerrt und falsch sein.
Natürlich kann man jetzt sagen, das ist ja sowieso subjektiv und jedes Selbstbild beruht auf der individuellen Eigenwahrnehmung. Ja und nein, würde ich da sagen. Ja, bis zu einem gewissen Grad unterliegen Eigenschaften, Charakterzüge usw. natürlich der subjektiven Einschätzung. Während die einen zum Beispiel sagen würden, ich bin großzügig, würden andere wahrscheinlich sagen, na, das ginge aber noch besser… Und doch: spätestens ab einem bestimmten Maß der Abweichung gibt es meiner Meinung nach ein richtig oder falsch. Ich denke hier beispielsweise an magersüchtige Menschen, die in den Spiegel schauen und jemanden sehen, der dick ist. Das ist kein Witz und keine Erfindung von mir, die Wahrnehmung kann tatsächlich so gestört sein, dass das Offensichtliche nicht gesehen wird oder eben das genaue Gegenteil davon. Und ich konstatiere, dass sich dieses Phänomen nicht nur auf das Sehen des Äußeren sondern auch auf das Innere bezieht. Selbstbilder der Persönlichkeit, des Wesens eines Menschen können genauso falsch sein wie das Bild vom Körper.
Falsche Selbstbilder können verschiedene Funktionen haben. Vielleicht möchte ich einen Aspekt von mir nicht sehen, weil ich ihn nicht mag oder ich überzeichne einen anderen, um positiver dazustehen, als es tatsächlich der Fall ist. Vielleicht muss ich an einem unrealistischen Bild von mir festhalten, weil ich die Hoffnung, besser zu sein als XY nicht aufgeben kann. Oder weil ich einen Schicksalsschlag nicht verkraftet habe oder weil jemand anderes etwas in mir sieht, dass ich unbedingt aufrecht erhalten will. Wie gesagt, der Gründe für verbogene Selbstbilder gibt es viele, die Frage ist, ob das hilfreich ist oder nicht. Und das ist natürlich eine rhetorische Frage.
Sich selbst zu belügen – unbewusst oder bewusst – kostet wahnsinnig viel Kraft. Aber nicht nur das ist problematisch. Sondern viel ungünstiger ist meines Erachtens die ständige Überbrückungsleistung, die die Psyche leisten muss, wenn die Dissonanz zwischen Selbst und Selbstbild bewusst wird. Wenn ich merke: Autsch! Jetzt tue ich etwas, das mit meinem Selbstbild überhaupt nicht überein stimmt – wie bekomme ich das in Einklang und wenn nicht, wie gehe ich mit diesem inneren Konflikt um? Wenn ich mich für diszipliniert und zielstrebig halte, aber feststelle, dass ich mich immer wieder vom Lernen oder Arbeiten ablenken lasse und nicht vorwärts komme, dann muss ich das irgendwie vor mir rechtfertigen. Manche suchen dann einen Schuldigen im Außen. Das ist eine Variante. Andere versuchen sich permanent an ein Selbstbild anzupassen, das ihrem Naturell überhaupt nicht entspricht und wieder andere hechten einem optimierten Selbst hinterher, um endlich Selbstwert zu spüren. Ich weiß nicht, wie verbreitet verzerrte Selbstbilder sind, wie häufig Menschen sich in Wolkenkuckucksheimen oder Albtraumbildern über sich selbst verlieren…. ich kann nur aus eigener Erfahrung sagen, dass ein ehrliches und ausgewogenes Selbstbild unheimlich wohltuend und entspannend ist. In den inneren Spiegel zu gucken und alles sehen zu dürfen und willkommen zu heißen, ist ein sehr befreiendes Gefühl.
Die ebenfalls interessante Frage lautet meiner Meinung nach: woher kommt unser Selbstbild? Was sind unsere Kriterien und Elemente, aus denen wir das Mosaik unserer Persönlichkeit zusammen setzen? Sind das bleibende Werte oder vergängliche materielle Dinge? Sind es meine Beziehungen oder mein Status? Beschreibe ich mich anhand von Taten oder von Eigenschaften? Wähle ich hauptsächlich angenehme oder unangenehme Facetten meines Selbst, um mein Bild von mir zu entwerfen oder überlasse ich es gar Anderen? Und wie ändert sich mein Selbstbild im Laufe meines Lebens, in dem sich innere wie äußere Faktoren verändern?
Mein Selbstbild musste schon ein paar Revisionen durch mich unterworfen werden, weil es so lange sehr davon bestimmt war, was ich tat. Studium, Beruf, Krankheit und Erwerbsminderungsrente. Ohne eine berufliche Tätigkeit, so stellte ich irgendwann mit Schrecken fest, ist so ein Selbstbild irgendwie schwer zu halten. Beziehungsweise, ohne eine konkrete Leistung wurde es immer schwieriger, ein positives Selbstbild aufrecht zu erhalten. Das ist natürlich – pardon – Bullshit. Wenn das positive Selbstbild von der Leistung in der Arbeit abhängt, dann läuft etwas grundsätzlich schief. Aber genauso war das bei mir und es ist Schwerstarbeit, die anerzogenen und sozial angelernten Glaubenssätze, die dazu führten, wieder abzulegen. Es ist eine krasse Erfahrung, den Faktor zu verlieren, über den sich die meisten Menschen würde ich sagen, definieren und woraus sie ihren Selbstwert beziehen.
Aber das Gute ist ja, dass ich selbst bestimmen kann, wodurch ich mich definiere und ich habe festgestellt, dass es viel mehr Ebenen und Aspekte von mir gibt, die mich ausmachen, als meine Arbeit und dass ich die sogar alle viel wichtiger finde! Was sind meine Werte und Talente? Wie gehe ich mit meinen Mitmenschen und mit mir selber um? Welche Interessen habe ich und was trage ich in die Welt? Wofür kann ich mich begeistern und was möchte ich nicht in meinem Leben haben? Wie gehe ich mit Herausforderungen und Krisen um und mit unangenehmen Aspekten von mir? Übernehme ich Verantwortung für mich und versuche ehrlich durchs Leben zu gehen? Wovor habe ich Angst und was gelingt mir nicht so gut?
Und so weiter und so fort…. ich bin mir sicher, Euch fällt noch viel viel mehr ein, was einen Menschen ausmacht, das in ein Selbstbild passt und das nichts mit Arbeit oder mit Leistung zu tun hat.
Denn das ist heute die Quintessenz und möchte ich heute in die Welt tragen: nur weil jemand (vermeintlich) nicht leistet, muss er oder sie nicht schlecht von sich denken. Nur, weil jemand nicht arbeitet, heißt das nicht, dass es nichts anzuerkennen gäbe. Leistung wird überbewertet und Leistung im Sinne der Arbeitswelt ist bei weitem nicht alles. Manchmal ist es schon eine Leistung, morgens aufzustehen, sich die Zähne zu putzen, zu duschen und ein wenig zu essen.
Und ich möchte Euch ermutigen einmal zu überprüfen, woraus Euer Selbstbild so besteht. Gibt es darin hoffentlich mehr als den Beruf und damit assoziierte Fähigkeiten? Und ja, das Selbstbild soll und darf authentisch sein, will sagen: auch die Schwächen und sogenannten dunklen Seiten gehören da hinein. Aber deswegen müssen wir kein negatives Selbstbild von uns haben. Im Gegenteil. Wer seine Schatten anerkennt und als Teil von sich ins bunte Selbst-Mosaik integriert, der leuchtet tiefer und ehrlicher als jeder Mensch der von sich glaubt, er bestünde nur aus hellen Aspekten. Und noch etwas: nicht der eine Aspekt, der mal leuchtet oder der andere, der so dunkel ist, bestimmen mein Selbst. Wir sind alle so facettenreich und schimmern in so vielen verschiedenen Farben, wie der Diamant, der in allen von uns existiert.
In diesem Sinne wünsche ich Euch gute und erhellende Innenschau und viel Freude beim Kreieren Eures Mosaiks.
Herzlich, Merle