Anpassungsstörung

Dota Kehr singt dieses wunderschöne Lied, in dem es heißt: „Ich bin nicht hier um Dir zu gefallen…“ (Dota Kehr: Für die Sterne) … ich mag das Lied, weil es die Antithese ist zu dem, was ich sehr lange in meinem Leben, bis vor ca. 10 Jahren, immer wieder gehört habe, nämlich, dass ich mich anpassen soll. Es wurde auch schon eine Anpassungsstörung diagnostiziert. Da bin ich in bester Gesellschaft mit anderen Traumatisierten, die dieses Label erhalten haben oder erhalten. 

Was bedeutet das – sich anpassen? Und wann hat man da eine Störung? Ich meine, sich anzupassen heißt, sich in ein Muster oder Raster, das von anderen vorgefertigt wird, einzufügen. Wie ein Puzzleteil, das an die richtige Stelle ins Bild passen muss. So wie Puzzleteile exakt zugeschnitten werden, muss man sich also gegebenenfalls auch zu- oder beschneiden, um hinein zu passen. Ins Leben, in die Arbeit. In die Schule. Die Familie. 

Als ich klein war, hörte ich sehr oft, ich solle nicht so vorlaut sein. Ich sei zu frech. Zu lebendig. Zu sehr ein Wirbelwind. Wenn ich nicht sofort mein Verhalten änderte, wurde mit Schlägen nachgeholfen. Dann war ich ruhig. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass man irgendwann seinen Bewegungsdrang, das Vorlaute, Lebendige, zügelt oder gar einstellt. Ich habe mich angepasst um keine körperliche Gewalt mehr zu erfahren. Dass ich statt dessen emotionale und seelische Gewalt erfuhr, konnte ich als Kind nicht verhindern. Aber ich träumte. Von Freiheit und von unabhängig sein. Von allein sein und frei leben. Und ich war mir sicher, wenn ich erst von zu Hause ausgezogen war, würde ich die Welt erobern.

Ja nun. Wie das so ist mit (lang andauernden) Gewalterfahrungen: Sie graben sich ins Gedächtnis und in jede Körperzelle ein. Wer sich über Jahre angepasst hat, als heranwachsender Mensch zumindest, der geht nicht plötzlich frei und selbstbewusst durchs Leben, wenn die äußeren Umstände es nur erlauben. Der Gehorsam hat sich in die Gehirnbahnen eingefressen, das Alarmsystem erkennt die Gefahr wo keine mehr ist und – wie perfide ist das denn – wo man sich früher anpassen musste um zu überleben, heißt es jetzt: Sie haben eine Anpassungsstörung weil man die relative Sicherheit des nunmehr freien, unabhängigen Lebens nicht erkennen kann. Weil man sich immer noch klein und unsichtbar machen möchte und Angst vor Menschen und Situationen hat, vor denen man als gesunder Erwachsener keine Angst haben muss. 

Eine Anpassungsstörung kann einem aber auch bescheinigt werden, wenn man zu lange trauert zum Beispiel…. oder es gibt die Vorgesetzten im Job, die einem nahelegen, sich an die Gepflogenheiten in der Abteilung anzupassen und die nicht verstehen, warum man sexistische Witze nicht lustig findet. Und es gibt die Schwester, die nicht versteht, warum ich den Kontakt zu den Eltern und dem Rest der Familie abgebrochen habe, anstatt mich anzupassen an die Gegebenheiten und Erwartungen der Sippe. Und dann gibt es manchmal Freunde, Menschen die einem nahe stehen, die nicht begreifen. Ich wurde neulich kritisiert, weil ich einen unhöflichen, rücksichtslosen Mann nicht ansprach, der mir auf einem Wohnzimmer-Konzert Platz wegnahm, indem er sich vor mir breit auf den Boden legte. Ich meckerte nur leise vor mich hin bzw. in Richtung meiner Begleitung, aber ich machte den Mann nicht auf seine Rücksichtslosigkeit aufmerksam. Das wurde mir später vorgeworfen. Was ist jetzt die Anpassungsstörung? Als erwachsene, selbstbewusste Frau hätte ich wohl was sagen können/müssen/mögen. Als erwachsene, selbstbewusste Frau hatte ich an dem Abend in der Runde an dem Ort wenig Selbstbehauptung im Gepäck und beschloss, es gut sein zu lassen und die Freiheit der Wahl zu genießen. Ich wollte keinen Konflikt mit dem Gastgeber, der er war, und ich hatte Angst, unangenehm aufzufallen. Hätte ich etwas gesagt, wären garantiert einige in der Hippie-Gesellschaft der Meinung gewesen, ich hätte eine Anpassungsstörung, weil ich gar so empfindlich bin. Das schöne ist ja, dass wir wählen dürfen, wo wir uns unbeliebt machen und wo nicht. 

Und doch, wie man es macht, ist es falsch. Ich bin nicht hier, um irgendjemandem zu gefallen. Es kann nur um mein Gewissen, mein Herz und meine Seele gehen. 

Das bedeutet übrigens nicht, dass ich in Freundschaften oder Partnerschaften nicht Dinge jemand anderem zu Liebe tun kann. Ganz im Gegenteil. Ich freue mich, wenn Dir die Musik auch gefällt und wenn es Dir wichtig ist, gehen wir links rum statt rechts rum und ich kann auch fragen und mich daran orientieren, was Du gerne isst. Wie herrlich und liebevoll, wenn beide das tun!

Damit breche ich mir keinen Zacken aus der Krone und ich passe mich nicht an im Sinne der Verbiegung und charakterlichen Veränderung. Ich schenke Dir ein Stück Aufmerksamkeit und Entgegenkommen und freue mich, wenn Du es annimmst. Mehr ist es nicht.

Natürlich habe ich keine Anpassungsstörung. Ich bin nur schlicht ein Mensch, der früh gelernt hat, dass Widerspruch oder zu viel Raum einzufordern, dazu führt, dass ich eine auf den Deckel bekomme. Ich bin unfassbar froh und auch stolz, dass ich mich so weit von alten Mustern befreit habe, dass ich in den allermeisten Situationen gut für mich einstehen kann, dass ich zum Beispiel eine Gruppe betrunkener Oktoberfestbesucher laut fluchend aus dem Vorgarten verjagen kann oder dass ich, wenn jemand bedroht wird oder aus anderen Gründen Hilfe braucht, auch Hilfe holen kann. Aber ich wäge auch ab. Denn nicht signifikante Menschen darauf aufmerksam zu machen, dass mich etwas ärgert, bleibt eine Anstrengung für mich und ein bewusster Kraftakt und machmal ist es mir die Mühe einfach nicht wert. Dann reguliere ich lieber meine Wut und Angst und sorge derart gut für mich. Anders in Freundschaften und Beziehungen, denn signifikanten Anderen kann ich gut sagen, wenn mir etwas aufstößt, es ist sogar ein innerer Drang.

Und natürlich braucht keiner eine posttraumatische Belastungsstörung um lieber zu vermeiden, anstatt aufzufallen. Wie oft habe ich schon im Restaurant etwas bemängelt oder zurück gehen lassen und meine jeweilige Begleitung fand das fürchterlich. In solchen Fällen hoffe ich immer auf genügend innere Differenziertheit bzw. Differenzierung (nach David Schnarch). Das ist u.a. die Fähigkeit, den anderen anders sein zu lassen und Unterschiede zu tolerieren; auch aushalten zu können, wenn der oder die andere etwas macht, was ich persönlich vielleicht nicht so prickelnd finde. Hier geht es um die Autonomie und den eigenbasierten Selbstwert in Beziehungen… also das Gegenteil von Anpassung. 

In gewisser Weise passen wir uns natürlich alle an. An gesellschaftliche Gepflogenheiten. An Regeln der Höflichkeit. An Normen der staatlichen Strukturen und Gesetze… Ich würde nicht nackt über den belebtesten Platz meiner Stadt laufen, weil ich unter anderem weiß, dass ich dann Ärger bekommen würde. Aber es tut mir nicht weh, mich dieser Norm zu beugen, dass Bekleidung in der Öffentlichkeit wichtig ist. 

Wir sollten aufpassen, wenn es anfängt weh zu tun. Ich habe das Himmel sei Dank lange, lange nicht erlebt. Ich habe es geschafft mir ein Leben zu kreieren in dem ich größtmögliche Freiheit habe um zu heilen und zu sein und in dem ich so viel Fülle erlebe, dass es nicht weh tut, anderen entgegen zu kommen. Und nicht immer die Konfrontation zu suchen, wenn mir etwas nicht passt, ist meine freie Wahl, insofern tut auch das nicht weh.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein schmerzfreies Sein, so wenig Anpassung wie möglich und so viel Entgegenkommen wie es das Herz erlaubt…

Herzlichst, Merle 

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