
Diese Aufforderung passt eigentlich nicht so wirklich in unsere Welt, denn auch wenn bestimmte spirituelle Strömungen, Selbstoptimierer und Zeitgeist-Magazine gerne auf die Macht der Intuition oder die Kraft des Gefühls hinweisen, führt doch im Allgemeinen das Fühlen eher ein Nischendasein in unserer Gesellschaft. Was in Schulen und Universitäten geschult wird ist der Verstand, die Ratio und das Denken und seitdem das Zeitalter des cogito ergo sum angebrochen ist, hat das Denken im Sinne einer Erkenntnismethode einen phänomenalen Siegeszug über das Fühlen hingelegt. Ob zum Wohle der Menschheit sei dahin gestellt… Wir sind Kopfmenschen durch und durch und wenn es um die Verkörperung von Empfindungen geht und das Wahrnehmen von Gefühlen sind wir meistens Analphabeten. Unser Körper – ein riesiges Wahrnehmungsorgan und Empfindungsinstrument – wird selten befragt, wenn es um Einsicht geht und ich konstatiere heute, dass das ein fataler Mangel ist. Ein Mangel an Wissen, an Fähigkeit und an Weisheit.
Doch selbst wenn unsere Psyche streikt oder wir seelisch krank werden und Unterstützung benötigen. Selbst wenn wir Probleme oder Themen psychologischer Natur haben, schickt man uns in Therapien, die ganz und gar dem Kopf gehören. Alle Therapieformen, die die Krankenkasse bezahlt, sind reine Verstandesmethoden und es wird viel gesprochen und analysiert, aber das wirklilche Fühlen und der Körper bleiben aussen vor. Das gilt für die Verhaltenstherapie genauso wie für die tiefenpsychologischen Verfahren wie für die Psychoanalyse. Was für ein Jammer. Denn heute weiß man aus der Forschung, wie stark unser Nervensystem unser Empfinden, unsere Wahrnehmung und unser Verhalten beeinflusst und dass wir unser autonomes Nervensystem vor allem über den Körper beeinflussen können. Wir wissen, wie stark der Mensch durch seine Emotionen beeinflusst wird in Entscheidungen, dass Gefühle die Motivation stärken oder schwächen. Wir wissen, wie unendlich wichtig Körperkontakt für Babies und Kinder in ihrer Entwicklung ist und was für verheerende Folgen es hat, wenn die Integrität des Körpers nicht gewahrt wird… es ist bekannt, dass gerade Traumafolgen durch Sprechtherapien nicht gelindert werden und dass körperorientierte Methoden – im übrigen zum Beispiel auch Yoga und Feldenkrais – dagegen stark unterstützend wirken in der Regulation und Stabilisierung.
Und auf einer ganz anderen Ebene: wie wichtig sind Gefühle für unser Leben und Erleben! Wie würden wir sonst unsere Bedürfnisse erkennen? Wie Genuss oder Frust spüren? Wie entscheiden, wie und mit wem wir leben wollen und was wir mit unserem Leben anfangen wollen? Ohne Gefühle ist der Mensch und die menschliche Existenz schlicht nicht vorstellbar. Darüber kann es keinen Zweifel geben. Aber wer ist geschult in der Wahrnehmung von Gefühlen? Wer erkennt seine Empfindungen im Körper, kann sie lokalisieren und beschreiben und halten? Wieviele Menschen kennst Du, die ihren Gefühlen Farben und Formen geben können oder genau wissen, wo ihre Wut, ihre Erleichterung, ihre Kraft oder ihre Liebe sitzen? Wer beschäftigt sich regelmäßig mit dem Gleichgewicht, der Balance seiner Gefühle – die schlicht ständig unterschätzt wird, weil wir damit beschäftigt sind zu funktionieren und in der modernen Welt unser hoch komplexes Leben zu organisieren.
Der Mensch ist eben nicht nur ein denkendes Wesen sondern vor allem auch ein fühlendes Körperwesen und es liegt unglaublich viel Wissen über uns selbst, über unsere Vorlieben, Themen und Lösungen im Spüren. Es geht hier also nicht um romantisierende Kitschfilme überbordender Emotion. Es geht darum, sich selbst in jedem Augenblick des Seins so gut wie möglich wahrzunehmen. Zu erkennen, was spüre ich? Was bewegt mich gerade, wie empfinde ich die jetzige Situation? Viele von uns haben schon Schwierigkeiten, rechtzeitig zu erkennen, wenn sie Hunger oder Durst haben oder wenn ihnen zu kalt oder zu warm ist. Viele werden erst auf ihre Gefühle aufmerksam, wenn sie längst in der Übererregung sind und der Stresspegel schon zu hoch ist. Was schade ist, denn außerhalb unseres Stresstoleranzfensters sind wir nicht mehr zu guter, feinfühliger sozialer Interaktion in der Lage und verlieren im Tunnelblick den Überblick. Das kann dazu führen, dass viel Porzellan zerschlagen wird, dass man eigentlich behalten wolle.
Es ist meine persönliche Überzeugung, nachdem ich mich seit Jahrzehnten mit Therapie sowie mit Gefühlen und Stressregulation beschäftige, dass viele körperliche Symptome bzw Probleme oder Krankheiten, die auf Stress beruhen, leichter zu behandeln wären oder gar nicht auftreten würden, wenn wir alle unsere Gefühlswelt ernster nähmen und lernten, unsere Gefühle wahrzunehmen, wertzuschätzen und wohlwollend zu begleiten. Es geht nicht darum, emotional aufgeladene Dramen zu kreieren sondern eben im Gegenteil, diese unnötig zu machen, indem wir souveräner und kompetenter darin werden, unsere Emotionen fließen zu lassen ohne uns davon überwältigen zu lassen. Dann ist eine Verdrängung oder Deckelung nicht mehr notwendig und unsere Lebensenergie kann frei und ungehindert fließen.
Sentio ergo sum. Ich fühle, also bin ich. Wer meint, dass Gefühle überflüssig sind und ruhig verdrängt werden können, dem sei gesagt, dass das Verdrängen von Gefühlen als Strategie langfristig dazu führt, dass die Fähigkeit zu spüren im Allgemeinen darunter leidet. Ganze Gefühlsfamilien werden gedeckelt, selten nur das eine, unangenehme, aus der einen, unangenehmen Situation…Wer sein Selbst kennenlernen möchte, wer wissen will, warum er oder sie so und nicht anders geworden ist, besonders aber wer seelische Nöte hat, sollte sich mit seinen Gefühlen auseinander setzen. Behutsam, wohlwollend und wenn möglich, ohne zu bewerten. Und zwar deshalb, weil die meisten Lösungen in uns liegen und über das Spüren zu finden sind.
Es gibt so viele Menschen die so viele Probleme und Themen endlos analysieren und durchdenken und trotzdem nicht vom Fleck kommen. Auch ich ertappe mich immer wieder dabei, dass ich bestimmte Fragestellungen in meinem Leben immer wieder über das Analysieren versuche zu begreifen. Doch wenn ich es dann schaffe, mein Stresslevel zu senken und in die Entspannung zu gehen und meinen Körper wahrzunehmen und zu spüren, wie sich mein Bauch mit jedem Atemzug hebt und senkt, dann fange ich auch wieder an meine Intuition zu spüren. Dann kommen kreative Lösungen oder aber ein tiefes Wissen über das, was stimmig, angemessen oder richtig ist.
Und wenn ich doch mal genervt bin von meinen Gefühlen und dem, was ich da so wahrnehme, wenn es mir zu viel oder zu unangenehm wird – dann versuche ich, meinen inneren Beobachter zu kultivieren und vor allem aber erinnere ich mich daran wie es ist, zu tanzen und die unbändige Freude im Körper zu spüren oder wie es ist, eine nahestehende Person bis zur Entspannung zu umarmen. Das sind Empfindungen, die ich um nichts auf der Welt missen möchte und das ist es einfach wert.
In diesem Sinne wünsche ich Euch eine g’fühlige Zeit und dass, wer möchte, gut ins Spüren kommt…
herzlich, Merle